Sprung ins eigene Spiegelbild

NORDIRLAND Die Exekutive aus Protestanten und Katholiken wird unter Selbstblockaden leiden - und ist doch ein Jahrhundertschritt

Mit einem mokanten Blick auf die schroffe Geschichte Nordirlands war Winston Churchill einst sicher, man könne sich dort jederzeit auf die "Integrität des Zanks" verlassen. Das klang scharfsinnig und war doppeldeutig. Wo sollte der Akzent gesetzt werden? Vorn? Hinten? Besser gar nicht? Churchills Aperçu muss sich bis heute keineswegs als anachronistisches Orakel belächeln lassen, es taugt als verlässliche Prophezeiung für die erste nordirische Regionalregierung, die gerade noch ein letztes Trittbrett des davon eilenden Jahrhundertzuges trifft. Die Proporz-Exekutive aus Unionisten und Republikanern wird mit der "Integrität des Zanks" leben müssen. Sie wird von Krisen erschüttert, vom Zerbrechen bedroht, von Ultimaten der Extremisten hier wie dort geknebelt, von "Beistand" aus London oder Dublin malträtiert - sie wird kein Kabinett der Glückseligen sein. Ihre Minister dürfen das Menschenmögliche an Enttäuschung erwarten. Sie dürfen so verstiegen sein, sich als Geiseln einer Diktatur der Vernunft zu empfinden, sie dürfen allerdings - sollte die Hoffart des Selbstmitleids unerträglich sein - daran erinnert werden, der besten aller nur denkbaren Optionen zu dienen. Auch dann noch, wenn dieses Kabinett unter ständiger Selbstblockade leiden sollte, weil nur beschlossen werden kann, wenn alle zustimmen.

Trotzdem, Tony Blair hat fortan mit einer Regierung in Belfast auszukommen, die ihr spezifisches Gewicht der steten Verlockung verdankt, zwischen London und Dublin balancieren zu können. Nordirland erhält eine begrenzte Autonomie, ist weder irisches Mündel des Vereinigten Königreiches - noch auf ewig verlorener Sohn der Republik im Süden. Also wird sich die Regierung des Ersten Ministers David Trimble von der Ulster Unionist Party (UUP) an ein nordirisches Selbstbestimmungsrecht herantasten, was nur sinnvoll sein kann, solange dabei katholische und protestantische Gesittung respektiert bleibt. Sollte dies gelingen, wäre auch an der atlantischen Flanke Europas ein längst fälliger Triumph über die verhängnisvolle Verschwisterung von Politik und Konfession zu feiern. Doch irrt, wer glaubt, der Nationalismus habe ausgesorgt. Im Gegenteil, man wird ihn weiter brauchen. Bisher bürgte er - einem Echtheitssiegel gleich - für die Identität der Verhandlungspartner und trieb die Polarisierung zuweilen bis an jenen toten Punkt, der nur noch die Alternative bereit hielt: Agonie und Krieg - oder Agreement und kein Krieg. Künftig wird Nationalismus wie ein schützender Firnis den nordirischen Kombattanten helfen, Respekt vor sich selbst und Rückhalt in der eigenen Community zu wahren. Nur so kann der Absturz in zügellose Subversion verhindert werden, wenn der Friedensprozess in seine nächsten Krisen stürzt.

Eine gewaltarme Systemtransformation - und dergleichen durchlebt Nordirland - ist nun einmal auf die unbeschädigte Identität jedes Beteiligten angewiesen. Als in Südafrika 1994 die Regierung an Nelson Mandelas ANC überging, blieb Frederik De Klerk mit seiner Nationalpartei stets ein Verlierer in Würde und die Gewaltbereitschaft weißer Extremisten eher marginal. Nachdem sich für das Baskenland im September 1998 nach Jahrzehnten des Terrorismus endlich ein Friedensprozess abzeichnete, wurde be wusst vom "irischen Weg" gesprochen. Der war zu Ende, als die Regierung Aznar Eta-Unterhändler wie Belén Gonzáles kurzerhand verhaften ließ und in einer Erklärung mit dem französischen Präsidenten Chirac am 4. Oktober 1999 davon sprach, Eta "zerschlagen" zu wollen.

David Trimble hat während des UUP-Rates, der ihm mit keiner überwältigenden, doch eindeutigen Mehrheit (480 von 860 Stimmen) das Mandat zur Regierungsbildung unter Einschluss der katholischen Sinn Fein bestätigte, weiter vom "Feind" gesprochen, wenn es um die IRA ging. Ein Indiz für die Unversöhnlichkeit vorhandener Gegensätze. Doch er blieb jenseits ideologischer Irrationalität, die Politik in Nordirland jahrzehntelang zum Nullsummenspiel verkommen ließ. Die Aufgabe des unionistischen Prinzips "No guns, no government" war ein Sprung in das eigene Spiegelbild - trotz aller Unwägbarkeiten, mehr als ein Hoffnungsschimmer.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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