Stachel im Fleisch

Pro-amerikanisch Für die Regierungen von Warschau bis Budapest ist die Ära der europäischen Gewissheiten abgelaufen

Wenn sich Polens Regierung vor George Bush und der westlichen Vormacht in den Staub wirft, ist das gewiss keinem Phantomschmerz der Entbehrung geschuldet. Die heute in Warschau regierende Politiker-Generation hat Ende der achtziger Jahre die östliche Vormacht eher in Abwicklung und nicht im Vollbesitz ihrer Führungsqualitäten erfahren. Als die Kwasniewski, Miller oder Cimoszewicz ihre Politiker-Karrieren im Sozialismus begannen, war die Sowjetunion Gorbatschows genötigt, Bündnisdisziplin mit einer Großzügigkeit zu handhaben, die aus fortschreitender Entkräftung kam. Der spätere Abschied aus der östlichen Paktidentität war für Polen, die damalige CSSR oder auch Ungarn allerdings niemals nur ein Angebot zu mehr Souveränität, auch ein Antrieb zur Flucht nach vorn, zur Ankunft in Europa, um einer Herkunft zu entkommen, die zwar auch europäisch war, aber doch als Stigma empfunden wurde. Sie barg das latente Bewusstsein politischer Schwäche, die teils an die Zeit vor 1990 erinnerte, aber mindestens ebenso als Tribut an den Systemwandel zu entrichten war. Gerade deshalb erschien ein Wechsel der Identität so zwingend. Von Ost nach West, eine Karthasis ohne Wiederkehr. Nur ganz oder gar nicht denkbar. Wer danach noch (wieder-)erkennbar war, hatte nichts erreicht.

Es fällt auf, dass sich die mittelosteuropäischen Parteigänger Amerikas zu einem beachtlichen Teil aus postkommunistischen Eliten rekrutieren, die als Erben einstiger Staatsparteien - teilweise zum wiederholten Mal - in Regierungsverantwortung gelangt sind. Polens Linksunion SLD geht auf die ehemalige Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) zurück, Ungarns Regierungssozialisten sind die Nachfolger der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP) János Kádárs, Rumäniens Präsident Ion Iliescu saß zeitweise im Politbüro Ceausescus, bevor er von dort verstoßen wurde.

Es mag sein, dass sie alle ihrem Anlehnungsbedürfnis an Bush in dem Glauben nachgegeben haben, nur im Vorgriff auf späte Einsichten, auf die letztlich unausweichlich kollektive Bündnisdemut Westeuropas zu handeln. Noch muss das kein Irrtum sein. Noch kann sich dieser Glaube als nicht so trügerisch erweisen, wie das nach der rhetorischen Züchtigung durch Jacques Chirac den Anschein hat. Aber erklärt eine vage Hoffnung auf den transatlantischen Schulterschluss die beharrliche, geradezu dogmatische Ergebenheit, mit der osteuropäische Regierungen an die Seite Amerikas drängen. Was treibt sie wirklich? Die Ahnung, dass eine Ära der Gewissheiten abklingt? In der NATO wird nach dem Irak-Konflikt, wie auch immer er ausgehen mag, vieles nicht mehr so sein, wie es einmal war. Die USA werden künftig die alte Allianz zugunsten neuer Ad-Hoc-Bündnisse ausschlachten, je nach Bedarf. Eine Segmentierung Europas droht. Was liegt da näher, als sich der amerikanischen Schutzmacht zu versichern? Wie schnell könnten die Transformationsstaaten Mittelosteuropas auf dornige Landschaften zurückgeworfen sein, zu denen dann auch wieder andere gehören, die Ukraine, Belarus, nicht zuletzt Russland - eben jener byzantinisch-orthodoxe Teil Osteuropas, der dem lateinisch-christlichen Sprengel mit seinen eilfertigen Kostgängern des Abendlandes nicht alles nachsehen will, was seit 1990 stattgefunden hat. Dieser Stachel im Fleisch war es doch, der von Warschau bis Budapest die Sehnsucht nach dem (west-)europäischen Refugium gespeist hat. Auf dem Balkan gibt es offene Rechnungen zuhauf. Beglichen werden müssen sie eines Tages auf jeden Fall - und sei es durch einen beschleunigten Transfer der Region in die EU, was die nie verkraften kann, ohne sich selbst aufgeben zu müssen. Was also hätte Polen dann gewonnen? Was hat es überhaupt gewonnen?

Präsident Kwasniewski garantiert Präsident Bush Militärhilfe im Irak, die Entsendung polnischer Soldaten inklusive. Wie würde man heute darüber denken, schreiben und reden, hätte Edward Gierek Ende 1980 als Erster Sekretär der PVAP der Führung in Moskau polnische Verbände für einen Einsatz in Afghanistan angeboten?

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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