Sühne oder Zerwürfnis

Israel/Türkei Seit die Gaza-Flottille gekapert wurde, macht sich zwischen Ankara und Jerusalem eine schwere Beziehungskrise bemerkbar. Ihre Ursachen liegen tiefer als angenommen

Noch ist nicht alles zu spät, sollte das wohl heißen – die zerrütteten Beziehungen werden entkrampft. Deshalb gab es am 1. Juli in Brüssel ein inoffizielles Treffen zwischen dem türkische Außenminister Davutoglu und dem israelischen Industrieminister Ben-Eliezer. Seit Israels Marine am 31. Mai die Gaza-Hilfsflotte gewaltsam gestoppt und dabei neun türkische Staatsbürger getötet hat, finden Ankara und Jerusalem Gefallen am verbalen Schlagabtausch. Bis auf weiteres ist der türkische Luftraum für israelische Militärmaschinen gesperrt. Auch die Episode von Brüssel hat daran nichts geändert. Das Entern der Schiffe sorgte für den Anlass – die Ursachen für das israelisch-türkische Zerwürfnis liegen tiefer.

Aus Sicht von Außenminister Davutoglu, des Erfinders einer „Regionalpolitik des strategischen Raumes“, ist die Nähe zu Israel nicht mehr vereinbar mit dem Status einer Regionalmacht, die auf gleiche Abstände zur nahöstlichen Nachbarschaft achten muss, wenn sie als Konfliktmediator geachtet sein will. Längst sind die Feinde Jerusalems keine Feinde Ankaras mehr. Die Regierung Erdogan hat das Verhältnis zu Teheran normalisiert und die Kontakte mit Damaskus reanimiert. Mitte 2008 stifteten türkische Diplomaten indirekte Gespräche zwischen Syrern und Israelis, die ein jähes Ende fanden, als es Anfang 2009 zur Gaza-Intervention kam. Noch in Erinnerung ist der Eklat beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2009, als Premier Tayyip Erdogan unter lautstarkem Protest ein Forum mit Israels Präsident Shimon Peres verließ, weil der die Gaza-Operation Gegossenes Blei und 1.000 tote Palästinenser als alternativlos rechtfertigte.

Nichts werde im bilateralen Verhältnis wieder so sein, wie es war, hatte Erdogan im Überschwang von Wut und Empörung nach der Kommandoaktion gegen die Gaza-Flottille erklärt. Es sei denn, Israel ringe sich zu Gesten und Zeichen der Sühne durch: eine offizielle Entschuldigung, eine internationale, keine nationale Untersuchung des Vorfalls, die Rückgabe aller Schiffe, ein Ende des Gaza-Embargos ohne Wenn und Aber. Wenn Premier Netanyahu der US-Administration keinen Siedlungsstopp zugesteht, dann der türkischen Regierung erst recht kein solches Eingeständnis von Schuld. Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) dürfte das – allen rhetorischen Kampagnen zum Trotz – durchaus gelegen kommen. Ihren Wählern aus der neuen anatolischen Mittelschicht ist die islamische Identität näher als eine pro-israelische Außenpolitik.

Für die USA ist das Ausschwärmen Ankaras in die regionalmächtige Idenität kein Drama. Es bleiben mit Hilfe der Türkei Gesprächskanäle mit Teheran offen, die eines Tages nötig sein könnten. Es wird nach einem Abzug der US-Armee aus dem Irak ein starkes türkisches Interesse an dessen staatlicher Integrität geben, weil autonome irakische Kurden autonomiewilligen Kurden in Südostanatolien kein Beispiel geben sollen. Schließlich wird der Verlust des Partners Türkei die Israelis im Nahen Osten weiter isolieren, so dass sie irgendwann kompromisswilliger gestimmt sein könnten. Allerdings nicht dank der geschmeidigen Diplomatie von Außenminister Lieberman. Der erfuhr von der Brüsseler Begegnung, als sie vorbei war. Ein „technisches Versehen“ ließ die Kanzlei von Premier Netanyahu wissen.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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