Teheran im Gefühlstaumel

Iran Ein Drittel der Iraner gab bei der Präsidentenwahl mit dem Votum für Herausforderer Mussawi dem islamischen Gottesstaat zu verstehen, welche Grenzen er haben sollte

Um es gleich vorweg zu sagen, das politische Establishment im Iran bis hin zum hohen Klerus war vor dieser Präsidentenwahl polarisiert wie nie zuvor. Eine Manipulation des Votums wäre daher ein politische Dummheit sondergleichen. Noch dazu eine mit hohem Risiko, würde sie doch eine Zerreißprobe der geistlichen Führer heraufbeschwören, was einer Kernschmelze im Gottesstaat gleichkäme.

Mahmud Ahmadinedschad hätte sich demontiert, bevor er auch nur einen Tag seiner zweiten Amtsperiode regieren könnte. Abgesehen davon, dass die Autorität von Revolutionsführer Ali Khamenei, des Ahmadinedschad-Mäzens, gleichsam leiden dürfte, wenn in seinem Namen Wahlfälscher ihr Werk verrichten. Wer die Logik bemüht und nicht Ressentiments, sollte davon auszugehen, dass der Abstand zwischen den 62 Prozent für Ahmadinedschad und den 32 Prozent für Herausforderer Mousavi kaum durch Wahlfälschung zustande kommt, was Unregelmäßigkeiten nicht ausschließt.

Mir-Hussein Mousavi hat klar verloren, Mahmud Ahmadinedschad ebenso klar gewonnen. Nach einem mit Leidenschaft geführten Wahlkampf, in dem der Präsident den Machtapparat auf seiner Seite hatte. Aber in welcher der mit dem Westen liierten arabischen Autokratien Saudi-Arabien, Ägypten, Oman oder Jordanien wäre eine derart offen ausgetragene Konkurrenz denkbar?

Es bringt nicht viel, die nächsten vier Jahre des Präsidenten Ahmadinedschad von Anfang an mit dem Kainsmal fehlender Legitimation zu versehen. Ergiebiger ist die Frage, was signalisiert der Aufruhr in Teheran und anderen Städten? Eines auf jeden Fall: Die Gratwanderung zwischen Theokratie und Demokratie ist für das Regime des Islamischen Republik zum Balanceakt geworden. Nicht nur für die innere Stabilität des Staates. Mehr noch für das Selbstverständnis dieser Gesellschaft. Die ist längst nicht mehr so monolithisch, wie das noch im Jahrzehnt des Krieges mit dem Irak (1980 - 1988) der Fall war. Präsident Mahmud Ahmadinedschad kann daran nicht mehr so vorbei regieren wie in seiner ersten Amtsperiode seit 2005. Ihm sitzt die geistliche Elite im Nacken, die in Teilen mit Mousavi sympathisierte. Ein Präsident, der die Brüche in der iranischen Gesellschaft vertieft, anstatt sie einzuebnen, dürfte den Mullah schon deshalb suspekt sein, weil der erwachte Widerstandsgeist in den Städten ihren Status berührt.

Nur ist davor zu warnen, Mousavi als Märtyrer zu verklären, ohne zu wissen, ob er wirklich als ein Reformer in Erscheinung getreten wäre, der die Islamische Republik unter den Pflug einer iranischen Perestroika nimmt. Er führte immerhin seit 1980 neun Jahre lang die Regierung, als nach der Islamischen Revolution jener Gottesstaat entstand, der Mousavi heute offenbar als Bollwerk der Tyrannei und selbstsüchtigen Beharrung erscheint. Als schon einmal, im Mai 1997, mit Seyed Mohammad Khatami ein Reformer zum Präsidenten gewählt wurde, war gleichfalls die Rede von einem Reformfrühling. Der fand ein jähes Ende, als ihn studentischer Proteste zu flankieren begann. Khatami ließ seine Sympathisanten im Stich, weil sie das islamische Regime in seinen Verankerungen zu erschüttern begannen, und suchte den Schulterschluss mit dem konservativen Lager.

Immerhin dauerte seine Präsidentschaft acht Jahre und war dazu angetan, das Klischee von der starren Mullah-Diktatur zu widerlegen. Die scheint heute mehr denn je an ihre Grenzen zu stoßen. Die Anhänger Mousavis – fast ein Drittel der wahlberechtigten Iraner – wollten zeigen, welche Grenzen das sind. Auch das ist ein Ergebnis dieser Wahl.

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Ihre Freitag-Redaktion

13:00 14.06.2009
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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