Tod eines Konvertiten

Libyen-Krieg Der Anschlag auf Abdul Junis, Kommandeur des Rebellenheeres, deutet auf Risse im Anti-Gaddafi-Lager hin, dem die NATO seit über vier Monaten den Weg zum Sieg frei räumt

Mit der Rebellenarmee des Übergangsrates ist vorerst im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen. Zumindest keiner, der den immer noch vorhandenen Gaddafi-Staat ersetzt, obwohl der längst auf eine Rumpfexistenz mit limitierter Überlebenschance reduziert ist. Da ihnen der durchschlagende militärische Triumph verwehrt bleibt, erweisen sich die Aufständischen nun als taktisch flexibel – sie führen zur Abwechslung den Enthauptungsschlag gegen sich selbst und entledigen sich ihres Oberkommandierenden Abdul Junis. Was wird damit offenbart? Ein Hang zur Selbstverstümmelung oder doch mehr zur Selbstreinigung?

Jedenfalls sind die Rebellen mit diesem Mord effizienter als die NATO, die in unerschütterlicher Sturheit seit viereinhalb Monaten mehr als 16.000 Lufteinsätze geflogen ist, aber keinen vergleichbaren Schlag gegen die Führung in Tripolis – allen voran Muammar al-Gaddafi – vorzuweisen hat. Was pensionierte NATO-Militärs schon vor dem 18. März, dem ersten Tag der Luftschläge, zu verstehen gaben, ist eingetreten: allein aus der Luft lässt sich Gaddafis Armee nicht schlagen. Inzwischen drohen der Allianz die Ziele auszugehen, so dass zum „Schutz der Zivilbevölkerung“ nach Kasernen, Waffendepots und Wohnvierteln nun auch noch die Satellitenanlagen des libyschen Staatsfernsehens daran glauben müssen. Wie nachdrücklich sollen die Aufständischen denn noch zum Einmarsch in Tripolis geladen werden?

Stattdessen finden sie Gefallen am Stellungskrieg und schalten den eigenen Oberbefehlshaber aus. General Junis, Gaddafis langjähriger Innenminister, hatte bereits am 22. Februar mit etwa 8.000 Soldaten und Getreuen vom Stamm der Obaidat die Seiten gewechselt. Wer ihn daraufhin im Westen als bekehrten Demokraten und geläuterten Konvertiten feierte, übersah – wie so oft bei solchen Metamorphosen –, dass Junis zur absoluten Elite des Regimes gehört hatte und – unter anderem – eine Mitverantwortung für das Massaker in der Strafanstalt Abu Salim Ende 1996 trug. Dabei wurden mehr als 1.200 Menschen getötet und anschließend einbetoniert. Viele davon aus Benghazi! Wer Gaddafi einen ausgeprägten Killer-Instinkt bescheinigte, konnte bei Abdulfatah Junis studieren, wie der sich gegenüber Wehrlosen Geltung verschafft. Aus Sorge um eine unbefleckte Weste hätte der Übergangsrat den Überläufer Junis im Februar 2011 besser interniert und mit einem Prozess bedroht, anstatt ihn mit dem Oberkommando für die eigenen Truppen zu beschenken. Bei der medialen Reflexion dieser Mutation galt es freilich als zu "Gaddafi freundlich", danach zu fragen, was dieser Mann getan und verbrochen hatte. Ändert sich das jetzt, wenn Junis' Tod Erosionen der Rebellenfront auslöst, die damit zu tun haben, dass ehemaligen Galionsfiguren der Großen Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Dschamahirija, wie Gaddafis Libyen offiziell heißt, die Banner des Wandels und der Bekehrung schwenken? Auch Mustafa Abud al-Dschelail, der Chef des Übergangsrates, war vor einem Jahr noch Justizminister dieser Volks-Dschamahirija.

Wer soll da eigentlich im militärischen Geleit des Westens an eine Staatsspitze in Nordafrika bugsiert werden? Wenn schon jetzt Bruchstellen in der Anti-Gaddafi-Front zu Mord und Totschlag führen, wie wird es dann erst sein, wenn die Pfründe des Sieges zu verteilen sind? Wenn etwa neue Öl- und Gasverträge fällig werden, die ein Post-Gaddafi-Libyen seinen Abnehmern offeriert? Bisher waren dabei dem libyschen Staat durchschnittlich 89 Prozent der Einnahmen garantiert. Sollte man nicht bald klären, ob das so bleibt oder entfällt? Oder sind derartige Essentials längst geregelt und eine Erklärung dafür, warum sich die NATO mit einem solchen Verbündeten abgibt und ein Abnutzungskrieg führt, der mit dem Schutz von Zivilisten absolut nicht mehr zu tun hat? Dessen Ende ist derzeit weniger absehbar als dessen Ausgang.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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