Traumpaar in Ankara

Türkei-Besuch Zur Einstimmung auf die Merkel-Visite in der Türkei hat Premier Erdogan der deutschen Kanzlerin Hass auf sein Land vorgeworfen. Die Verstimmung sitzt tief

Hätte man sich diesen deutsch-türkischen Gipfel besser verkneifen sollen? Deutschland und die Türkei versahen sich im Vorfeld hingebungsvoll mit Absagen, Irritationen und Schienbeintritten. Die Idee aus Ankara, in Deutschland türkische Gymnasien einzurichten, quittierte die Berliner Leitkultur pausbäckig beleidigt und mit hausmeisterlichem Ordnungspfiff. Welch vermessene Vorstellung! Es gibt Französisch-, Englisch- und Russisch-Schulen zuhauf – wozu drei Millionen Türken in Deutschland einen Gefallen tun und einen Bildungs- und Kulturanspruch respektieren, der sich auch auf diese Weise Geltung verschafft?

Der türkische Premier parierte umgehend mit dem Vorwurf, Merkel hasse sein Land. Das ließ auf ein lebhaftes Treffen schließen. Zumal Tayyip Erdogan gleichzeitig zu verstehen gab, er verspüre wenig Neigung, sein Land in eine anti-iranische Sanktionsfront einzureihen, um die sich Deutschland gerade verdient machen will. Der Premier hat Recht, die Türkei würde im Fall einer solchen Eingemeindung den Anspruch einer ausgleichenden Regionalmacht aufgeben und zu sehr in israelisches Fahrwasser manövriert.

Bei soviel Gastgeschenken sollte es der deutschen Kanzlerin nicht schwer fallen, den größten Liebesbeweis für ihren Gastgeber anzutreten, den es nur geben kann, und Erdogan zu bedeuten, er möge doch endlich mit einer "privilegierten Partnerschaft" in der EU zufrieden sein. Die ökonomischen Beziehungen mit dem Europa der 27 würden auch ohne Vollmitgliedschaft florieren. Die deutsche Wirtschaft wisse den Wachstumsmarkt Türkei mit 70 Millionen Einwohnern so schätzen. 4.000 deutsche Unternehmen seien mit Filialen und Kapital engagiert. Im Klartext: Ankara möge willig ertragen, von jedem osteuropäischen EU-Aspiranten überholt zu werden, während die eigenen Beitrittsverhandlungen seit Oktober 2005 einem Stehversuch gleichen.

Bei so viel Lust zum Affront, kann es nicht verwundern, wenn in der Türkei die Ernüchterung wächst, das Land sich gedemütigt und ungerecht behandelt fühlt. Unterschwellig wird in Brüssel die Angst geschürt, das christliche Europa könne sich mit diesem Mitglied eine Vetomacht einhandeln, die als Anwalt und Sprachrohr der islamischen Welt agiert. Abgesehen davon, dass die türkische Außenpolitik keinerlei Handhabe bietet, diesen Verdacht zu erhärten, wird völlig ignoriert, welcher Reformelan das Beitrittsbegehren seit 2005 flankiert. Die Todesstrafe ist abgeschafft, eine Verfassungsdebatte in Gang gesetzt, die einem autoritären Kemalismus überhaupt nicht passt. Es gibt zumindest den Versuch, sich mit der kurdischen Minderheit zu verständigen. Vieles davon wäre ohne die Regierung der islamisch-konservativen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) von Tayyip Erdogan kaum denkbar. Sie hat in den traditionsgeladenen Milieus der türkischen Gesellschaft dafür gesorgt, dass die Annäherung an Europa toleriert wird. Vergeblich, wie es scheint. Die EU ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die türkische Enttäuschung wahrzunehmen, geschweige denn zu verstehen.

Wer andererseits nicht müde wird, den Wert der friedlichen Koexistenz mit einer islamischen Welt zu betonen, die nicht islamistisch ist, verprellt Ankara nicht ungestraft. Bleibt der europäische Weg verbaut, könnte es auch um die moderne Türkei geschehen sein.

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13:35 29.03.2010
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 38/2020

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