... und eine Weltordnung

KOMMENTAR Freie Wahlen in Montenegro - Freihandel für Amerika

Was wäre geschehen, hätte Milo Djukanovic in Podgorica nicht mit knapper Mehrheit gewonnen, sondern mit deutlichem Vorsprung über seinen Gegenspieler Pedrag Bulatovic´ triumphiert? Wäre uns ein solches Wahlergebnis im Westen nicht als erschlagender Beweis für den Willen der vorletzten jugoslawischen Teilrepublik gedeutet worden, nun unwiderruflich ins Gelobte Land der Unabhängigkeit zu pilgern. Geführt von einem ehrbaren Hirten, der als Statthalter westlicher Werte auf dem Balkan seinen abendländischen Ritterschlag längst erhalten hat. Unterschwellig wäre vermutlich eine suggestive Prophezeiung zu hören gewesen: Der Abfall Montenegros von Belgrad zeige eben auch, dass es auf Dauer für das Kosovo keinen anderen Weg gäbe als den der Separation von Serbien (Präsident Kostunica hat seine historische Mission erfüllt und ist außerdem schwach genug, um ihm diese Art von Gesetzmäßigkeit zumuten zu können.)

Was nun auch immer die nächsten Wochen für Montenegro bringen - und eine Patt-Situation ist bekanntlich nach vielen Seiten offen -, zehn Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges erreicht die Atomisierung des einstigen jugoslawischen Bundesstaates möglicherweise ihr letztes Stadium. Wenn Podgorica den Alleingang riskiert, kann die ehemalige Föderation nicht noch weiter zerfallen. Aber dieses Votum mit seiner Alternative "bleiben oder gehen" war auch deshalb ein bemerkenswerter Vorgang, weil zeitgleich im kanadischen Quebec der Supranationalität des kontinentalen Freihandels gehuldigt und im schwedischen Malmö beim EU-Finanzminister-Treffen der anstehenden Osterweiterung gedient wurde. Hier die ungezügelte Makroökonomie des 21. Jahrhunderts, dort der bizarre Mikrokosmos einer Kleinstaaterei, die eher dem 19. Jahrhundert verhaftet scheint. Liegen wirklich Welten zwischen diesen Welten? Djukanovic´s Montenegro strebt schließlich in der Hoffnung nach Eigenständigkeit, dadurch schneller in einen größeren Verbund aufgenommen zu werden. Man trennt sich von Serbien, um nicht länger von (West-)Europa getrennt zu sein. Eine Entscheidung im Glauben an eine Zukunft, die nur beim Glauben an den unheilbaren Bruch mit der Vergangenheit verfügbar sein soll. Montenegro sucht wie die anderen ex-jugoslawischen Republiken Zugang zu Integration durch Desintegration. Ein Kurs, der zwangsläufig zu ökonomischer Schwäche und damit ebenso zwangsläufig zur Unterwerfung unter das Diktat des ökonomisch Stärkeren führt. Die Freihandelsverheißungen für Nikaragua, El Salvador oder Ekuador haben angesichts der Übermacht Nordamerikas den gleichen patriarchalischen Firnis. Das NAFTA-Mitglied Mexiko kann sein Lied davon singen. Auch Montenegro wird erfahren, dass sich die EU wegen eines südosteuropäischen Kleinstaates nicht übernimmt, sondern diesen in eine Ordnung holt, die sich vor allem an ihre Hierarchien hält, um erhalten zu bleiben. Eine Weltordnung eben.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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