Verlierer-Justiz

Saddams Ende George Bush hat soeben einen unersetzlichen Verlust erlitten

Amerikanischer konnte diese Hinrichtung in ihrer selbstgefälligen Inszenierung und ihrem medialen Voyeurismus kaum sein. Sie schien um den Eindruck bemüht, Saddam Hussein scheidet im Einvernehmen mit seinem Schicksal - oder wenigstens seinen Henkern- aus dieser Welt und lässt sich bereitwillig erklären, was ihn erwartet. Ein aufgeschlossener Mitspieler, der in den letzten Augenblicken einen letzten Gefallen nicht schuldig bleibt und noch einmal der sein darf, der er so lange war: Ein zuverlässiger Partner der Amerikaner. Unter dem Galgen freilich nicht mehr als Täter, sondern als Opfer, damit George Bush diesem abscheulichen Schauspiel einen absurden Satz hinterher rufen kann. Den absurdesten, der sich denken lässt, um das Barbarische des Vorgangs zu krönen: Diese Hinrichtung ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie.

Allerdings gibt es keine irakische Demokratie, und nichts dergleichen ist in Sicht. Es gibt nur ein zerstörtes, ausgeweidetes Land, dass die Amerikaner schon vor Saddam stranguliert haben. Von daher ist diese Exekution allenfalls ein Meilenstein für George Bush, der schon bald spüren dürfte, wie sehr ihm Saddam Hussein fehlt, der als Trophäe nur brauchbar war, solange er lebte. Über den sich doch immer mal wieder triumphieren ließ, je mehr der Irak verloren ging.

Das funktionierte bereits Stunden nach der Einnahme Bagdads am 9. April 2003 ganz fabelhaft, als amerikanische Soldaten eines der monströsen Saddam-Denkmäler schleiften und in sinnfälliger Weise den Strick um einen steifen Hals legten. Als die Statue des Diktators schief am Sockel hing, plünderte zur gleichen Zeit ein marodierender Mob das irakische Nationalmuseum und sorgte dafür, dass der irakischen Kultur unersetzliche Verluste entstanden. Die Besatzungsmacht scherte das wenig, sie hielt sich an Saddam, auch wenn der vorerst nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Granit und Marmor war. Dafür hatte man schließlich einen Angriffskrieg geführt, das Völkerrecht gebrochen und Zehntausende Iraker umgebracht. "Mission accomplished" - "Mission erfüllt" meldete George Bush im Stil des Eroberers am 2. Mai 2003 auf dem US-Flugzeugträger Abraham Lincoln. Wem eigentlich? Dem amerikanischen Volk? Oder der westlichen Wertegemeinschaft, die sich so viel auf ihre zivilisatorischen Standards einbildet?

Nach der Statue des Diktators hielt man sich an die Söhne des Diktators, Udai und Kusai, die im Juli 2003 bei Mosul getötet wurden und deren Leichen gleichfalls geeignet schienen, als Trophäen präsentiert zu werden. Auf die Söhne folgte das Erdloch des Diktators, aus dem Ende 2003 eine Kreatur gezogen wurde, bei der ein amerikanischer Truppenarzt vor laufender Kamera Gebiss und Kopfhaut inspizierte. "We´ve got him", feixte der damalige US-Ziviladministrator Paul Bremer, der diesen Satz zustande brachte, um nicht völlig unverrichteter Dinge aus Bagdad nach Hause zurückkehren zu müssen. Eine Steigerung des Triumphs nach der triumphalen Gefangennahme Saddams schien kaum vorstellbar. Bald jedoch erwies sich der Käfig des Diktators während des gegen ihn und seine Paladine abgehaltenen Tribunals als ebenso eindrucksvoll wie jene Käfige, in denen die Feinde der Freiheit auf Guantanamo gehalten werden. Danach blieb nicht mehr viel. Nur noch die Schlinge des Diktators, jetzt aber für einen Hals aus Fleisch und Blut. Mission accomplished! Weitere Trophäen kann George Bush seinen Landsleuten vorerst nicht auf den Tisch packen. Saddams Skalp war die letzte.

Wer hätte gedacht, dass der zivilisatorische Firnis der westlichen Führungsmacht im so genannten Krieg gegen den Terror so hauchdünn ist, dass man ihn glatt vergessen kann? Kanzlerin Merkel schien nach der Saddam-Exekution krampfhaft bemüht, eine möglichst zusammenhangslose, floskelhafte Erklärung abzugeben, die niemand als Rettungsakt für die westliche Wertegemeinschaft missverstehen konnte. Sie war peinlich genug und klang zu sehr nach Flucht in die Bewusstlosigkeit. Nicht zu Ende denken, wem man treu zur Seite steht. Nicht nachfragen, wer mit deutschen Kampfjets im Süden Afghanistans beglückt werden soll. Nur dafür sorgen, dass George Bush künftig noch mehr geholfen wird, immerhin hat er soeben einen unersetzlichen Verlust erlitten.


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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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