Vernunft heißt auch Verzicht

Oscar Arias Oscar Arias, Präsident Costa Ricas, soll Honduras in den Kreis ­der Demokratien zurückholen. Sein Ruf als begnadeter Vermittler wird dem Friedensnobelpreisträger dabei nutzen

Noch einmal schlägt die Stunde des großen Mediators. Óscar Arias Sánchez (68), der Präsident von Costa Rica, erscheint – vielleicht mit Ausnahme des Brasilianers Lula da Silva – wie kein lateinamerikanischer Staatschef berufen, in und für Honduras zu vermitteln. Weil er 1987 das aufgewühlte Mittelamerika befrieden konnte, erhielt Arias noch im gleichen Jahr den Friedensnobelpreis. Er dürfte nun gegenüber Manuel Zelaya, dem aus Tegucigalpa vertriebenen Präsidenten, und Roberto Micheletti, dem in Tegucigalpa regierenden Putschisten, zwei Prinzipien treu bleiben, die ihn schon damals leiteten: Keine der beiden Konfliktparteien wird am Ende als großer Triumphator ihrer Wege gehen. Und: Was auch immer vereinbart wird, muss mit den Interessen des Kontinents vereinbar sein. Der Sozialdemokrat Arias kann sein Honduras-Mandat auch deshalb so selbstbewusst interpretieren, weil ihm die konstitutionelle Qualität seines Landes Rückhalt gibt.

Als Mitte der achtziger Jahre El Salvador von einem Bürgerkrieg erschüttert wurde, in Guatemala Todesschwadronen ein morbides Regime abschirmten und Honduras den Brückenkopf für rechte Freischärler abgab, die – als Contra von den USA alimentiert – das sandinistische Nicaragua aus den Angeln heben wollten, traf Costa Rica unter Arias eine couragierte Entscheidung. Es entwaffnete sich. Es setzte Friedfertigkeit gegen Eskalationslogik. Schon 1949 hatte ein Verfassungszusatz die Armee Costa Ricas abgeschafft. Knapp vier Jahrzehnte später ging die Regierung in San José noch einen Schritt weiter und bekannte sich zur „aktiven und unbewaffneten Neutralität“.

Für den Wehrlosen ist Überparteilichkeit eine Überlebensfrage. Überzeugender konnte Oscar Arias nicht legitimiert sein, als er sich – im Februar 1986 erstmals zum Präsidenten gewählt – den Staaten Mittelamerikas als Parlamentär anbot. Er tat es als Betroffener, immerhin operierten die Contras auch im Norden Costa Ricas, aber nicht als von nationalen Interessen übermäßig Befangener. Der Plan, den er Anfang 1987 El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua vorlegte, empfahl einen Friedensprozess wieder aufzunehmen, wie ihn die Contadora-Staaten Mexiko, Panama, Venezuela und Kolumbien 1983 angeregt hatten (die Allianz wurde nach der Insel benannt, auf der sie entstand).

Verständigung ohne US-Hilfe

Als besonders reizvoll empfand es Arias, dass es eine Verständigung ohne Patronage der USA geben musste. Die hatten sich unter Präsident Reagan drei Zielen verschrieben: Es darf in Managua auf Dauer keine sozialistische Regierung geben, keinen Brückenkopf der Kubaner in Mittelamerika und keinen Leuchtturm Nicaragua, dessen Strahlkraft deshalb so mächtig ist, weil die Sandinisten 1979 mit Anastasio Somoza nicht nur einen dekadenten Diktator, sondern eine US-Kreatur gestürzt haben. Für Reagan eine Schmach, die er seinem windelweichen Vorgänger Carter anlastete. Revanche zu üben, galt als logisch – dabei notfalls zu intervenieren, als legitim.

Als Oscar Arias seine Vermittlung begann, stand für ihn fest, er würde die Sandinisten nur zu Konzessionen bewegen, wenn er ihnen klarmachen konnte, dass im Falle einer US-Invasion weder ihr natio­nales Prestige noch ihr revolutionärer Elan helfen würden. Die amerikanische Militäroperation gegen Grenada vom Oktober 1983 geriet zum Menetekel. In 72 Stunden war die dortige neue JEWEL-Bewegung gestürzt und das sozialistische Experiment auf der kleinen Karibik-Insel abgewürgt worden. Arias glaubte, dieser Furor lasse sich nur eindämmen, wenn man die Gründe beseitigte, die für Zwietracht zwischen den Staaten Mittelamerikas sorgten und Reagan veranlassten, sich als Schirmherr der Restauration aufzuspielen. In dieser Situation zu handeln, schien nicht zuletzt aus kontinentaler Verantwortung geboten, da sich große Staaten im Süden gerade vom autoritären Joch befreit hatten. Etwa in Argentinien, wo die Obristen des Generals Videla nach dem verlorenen Falkland-Krieg von 1982 dem demokratisch legitimierten Raul Alfonsin die Präsidentschaft überlassen mussten. Oder in Brasilien, das 1985 mit dem Amtsantritt von José Sarney über zwei Jahrzehnte Militärdiktatur abstreifte. Wären die USA in einem solchen Moment aufmarschiert, um das sandinistische Nicaragua zur Räson zu bringen – für Lateinamerika hätte nichts verheerender sein können.

Also beschwor Oscar Arias den nicaraguanischen Präsidenten Ortega, auf jeden Beistand für die linke Guerilla in El Salvador zu verzichten, sollte Honduras der antisandinistischen Contra den Boden entziehen. Zugleich animierte er die Sandinisten zum Dialog mit der rechten Opposition um die Verlegerwitwe Violeta Barrios de Chamorro, auch wenn die amerikahörig war und der Contra nicht so fern stand wie oft behauptet. Es kam zu einer Verständigung, die Anfang 1990 in Präsidentenwahlen mündete, Ortega eine Niederlage und dem sandinistischen Aufbruch ein jähes Ende bescherte.

Sicherlich war Arias’ Drängen auf einen Dialog der Vernunft und des Verzichts nicht die entscheidende Ursache dafür, dazu beigetragen, dass Nicaragua der Revolution abschwören musste, hat er aber durchaus. Ein Opfer, das gebracht wurde, damit Zentralamerika beweisen konnte, dass es seine internen Konflikte selbst zu regeln vermochte. Unter dem Einfluss der USA zwar, aber ohne deren Dominanz. Seinerzeit war von einer „zweiten Unabhängigkeitserklärung“ die Rede, die Arias mit seinem Friedensplan verfasst habe. Gewiss eine Übertreibung – aber ein Vorspiel für die Emanzipation Lateinamerikas, die in den späten Neunzigern begann, war seine Konfliktdiplomatie allemal. Arias‘ Honduras-Mission mag auf den ersten Blick nicht diese historische Dimension haben. Doch es gilt, den Rückfall in alte Putsch-Muster zu verhindern, die in eine Epoche gehören, da mittelamerikanische Republiken bessere US-Filialen waren.

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Ihre Freitag-Redaktion

13:00 16.07.2009
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 42/2021

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