Viele Masken - wenige Rollen

Kommentar Alexander Lebed tödlich verunglückt

"Wenn der unentbehrliche Mann stirbt, schaut die Welt sich um wie eine Mutter, die keine Milch für ihr Kind hat", schrieb einst Bertolt Brecht in seinem Gedicht Bei der Nachricht über die Erkrankung des mächtigen Staatsmannes. War Alexander Lebed ein mächtiger Staatsmann? Zumindest schien er Mitte der neunziger Jahre auf dem Weg dorthin. Die "Welt" schaute auf ihn, es musste interessieren, wenn ein General den Anspruch erhob, Staatsoberhaupt Russlands zu werden. Doch die Zeit des Staatsmannes Lebed ging vorbei, ehe sie richtig begonnen hatte. 1996 eroberte er zwar Rang drei in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl, blieb jedoch vom entscheidenden Stechen der Gladiatoren Jelzin und Sjuganow (KP) ausgeschlossen. Dann zum Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates befördert, waren sein Prestige und die Stimmen seines Anhangs gefragt, seine programmatischen Ansichten weniger, noch weniger seine mäßigenden Auffassungen zum Kaukasus-Konflikt.
Nach einem von Jelzin gescholtenen Friedensschluss mit den abtrünnigen Tschetschenen stürzte Lebed schon Ende 1996 in der Kreml-Hierarchie so rasant ab, wie er Monate zuvor aufgestiegen war. Er fand mit dem Rückzug in die Regionalpolitik und als Gouverneur von Krasnojarsk eine Domäne, die einen Abstand zu Moskau verhieß, der noch genügend Nähe gönnte, um gegebenenfalls wieder ins Gespräch zu kommen.
Es blieb seinerzeit unverständlich, weshalb sich Lebed von Boris Jelzin auf so entwürdigende Weise abservieren ließ, nachdem er dem angeschlagenen Patriarchen zu einer dritten Amtszeit im Kreml verholfen hatte. Seine Reputation als Kommandant der 14. Armee in Transnistrien, seine ungeschminkte Sprache, seine Reputation als "Mann der Tat" hatten ihm zu einem Format verholfen, das besonders in den Streitkräften hofiert wurde. Lebed scheute sich nicht, den verletzten Stolz des russischen Nationalisten durchscheinen zu lassen, dem Ehre und Vaterland viel bedeuten. In dem 1995 veröffentlichten Buch Eine Schande für die Großmacht warnte der General vor "Exzessen der Freiheit", denen sich Russland aussetze.
Heute erscheinen dieses Staatsverständnis und ein autoritär-demokratisches Regime, das Lebed seit 1998 in Krasnojarsk pflegte, wie ein Schnittmuster des "Modells Putin". Ein Entwurf freilich, dessen Raster zu grob und dessen Mode zu traditionell blieben, um Russland ein dem Zeitgeist vertrautes Gewand zu schneidern. Lebed war zwar ein agiler Schauspieler mit vielen Masken, aber nur wenigen Rollen. Eine Grundfigur schimmerte immer durch, die ihre Herkunft nicht verleugnen konnte und auf Handwerk vertraute, wo Kunst oder zumindest politisches Kunstgewerbe gefragt waren. Lebed fehlte die geschmeidige Opportunität des heutigen russischen Präsidenten, die den Militär vergessen und an einen Politiker glauben ließ, der im Westen als Partner wohlgelitten ist.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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