Von der Vision zur Fiktion

Isreal Die laufenden Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern stehen erneut vor dem Scheitern. Hat es noch Sinn, an einen souveränen Staat in der Westbank zu glauben?
Ausgabe 15/2014
Vermittlerrolle: Barack Obama beobachtet Benjamin Netanjahu und Mahmud Abbas beim Händedruck
Vermittlerrolle: Barack Obama beobachtet Benjamin Netanjahu und Mahmud Abbas beim Händedruck

Foto: John Angelillo-Pool/ AFP/ Getty Images

Es sollte ein Gewohnheitsrecht sein, von Gesprächen zwischen Israelis und Palästinensern nichts zu erwarten. Bis auf Weiteres zumindest. Dass die von US-Außenminister John Kerry mit viel Eifer vor einem Jahr reanimierten Verhandlungen vor dem Scheitern stehen, kann niemanden überraschen. Da die Amerikaner Israels Premier Benjamin Netanjahu nicht einmal ein Siedlungsmoratorium abringen konnten, musste irgendwann der tote Punkt erreicht sein. Wie sollen die Palästinenser über einen Staat sondieren, dessen Terrain täglich schrumpft? Wer unter diesen Umständen an der Staatsidee festhält, verkennt die Tatsachen. Die hehre Vision als reine Fiktion zu betrachten, erscheint da angemessener.

Haben das nicht Präsident Mahmud Abbas und sein Unterhändler Saeb Erekat indirekt selbst getan, als sie sich vor Monaten auf das Junktim einließen: Amnestie für palästinensische Gefangene gegen israelische Landnahme in der Westbank? Dieser Deal brachte einen Teilerfolg und trug doch Züge von teilweiser Selbstaufgabe. Das strategische Verhandlungsziel Souveränität wurde gegen das taktisch motivierte Verhandlungsergebnis Freiheit für die Gefangenen eingetauscht. Während das Agreement zustande kam, wurde schließlich im Westjordanland weiter gesiedelt. Wenn wir unseren Staat nicht als Ganzes bekommen, sollten wir wenigstens Teile davon opfern, könnte man die Botschaft deuten.

Ausweichmanöver in New York

Nicht um diese Paradoxie zu kompensieren, sondern zu komplettieren, wird derzeit durch die Autonomiebehörde eine Aufnahme Palästinas in weitere Strukturen der Vereinten Nationen vorangetrieben. Auch dadurch mutiert das Staatsprojekt vom visionären zum fiktiven Vorhaben. Was man sich an internationaler Legitimation verschafft, wird durch die realen Verhältnisse konterkariert. Je mehr Israel in der Staatengemeinschaft isoliert wird, desto unnachgiebiger kann es sich verhalten, lehrt die Erfahrung, die nach dem kurzen Friedensprozess Anfang der neunziger Jahre zu machen war. Ändern können das nur die USA, indem sie das Völkerrecht achten und von der Schutzmacht Israels auch zu einer Schutzmacht der Palästinenser werden.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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