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UNO Erstmals seit ihrer Gründung könnte ab Januar 2017 eine Diplomatin die Weltorganisation führen
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Wer wird ab dem 1. Januar 2017 die Vereinten Nationen leiten?

Foto: Westend61/Imago

Wenn Ende September die Vollversammlung der Vereinten Nationen entscheidet, wer den südkoreanischen Diplomaten Ban Ki-moon als Generalsekretär beerbt, dürfte die Wahl mit ziemlicher Sicherheit auf eine Politikerin fallen. Die wiederum könnte aus Osteuropa kommen. Eine Region, die noch nie in der UN-Geschichte den Generalsekretär stellte. Von den bisherigen Amtsinhabern stammten zwei aus Asien und Afrika, drei aus Westeuropa, einer aus Lateinamerika.

Mit der Resolution A/RES/69/321 hatte sich die 2UN-Generalversammlung Mitte September 2015 darauf verständigt, die Wahl des Generalsekretärs zugunsten von mehr Transparenz und Inklusivität zu reformieren. In diesem Sinne gab es von April bis Juli „informelle Dialoge“, bei denen die Kandidaten in maximal 2.000 Worten ihre Vision für die Weltorganisation im 21. Jahrhundert entwerfen und dazu befragt werden konnten. Den Anhörungen ließ sich entnehmen: Gut 60 der 193 Mitgliedsstaaten setzen sich vehement dafür ein, dass ab 1. Januar 2017 eine Politikerin die Vereinten Nationen führt. Vieles spricht dafür, dass es sich dabei um die bulgarische Diplomatin Irina Bokowa handeln könnte, auch wenn sie bei ihrem Hearing vor der Generalversammlung keinen durchweg überzeugenden Eindruck hinterließ. Vermisst wurden präzise Angaben zur überfälligen UN-Reform (vorrangig des Sicherheitsrates), an der sich Ban Ki-moon wegen fehlender Erfolgsaussichten gar nicht erst versucht hatte. Während ihres „informellen Dialogs“ wurde Bokowa gefragt, ob sie UN-Blauhelmsoldaten in die Ostukraine entsenden würde. Ihre Antwort: sie sei da skeptisch.

Bewerber aus Osteuropa

Vuk Jeremić (41)

Der 41-jährige Serbe war 2007 bis 2012 Außenminister, empfahl sich als Diplomat aber vor allem dank seiner Amtsführung als Präsident der UN-Vollversammlung 2012. Durch sein Studium in den USA (Harvard) und eine frühe Karriere als Banker in London war Jeremić während des jugoslawischen Bürgerkrieges überwiegend im Ausland.

Miroslav Lajčák (53)

Das politische Geschick des Slowaken war gefragt, als er 2006 die Auflösung der Bundesrepublik Jugoslawien in Serbien und Montenegro moderierte. Danach war er Hoher Repräsentant der Staatengemeinschaft in Bosnien, gab aber bald entnervt auf. Derzeit vermittelt Lajčák als Teil der slowakischen Ratspräsidentschaft zwischen der EU und Russland.

Irina Bokowa (63)

Die bulgarische Diplomatin tritt an, um ihr Land aus dem toten Winkel der internationalen Politik zu lotsen. Als UNESCO-Generaldirektorin hat sich Bokowa gewiss keine Freunde in der US-Regierung gemacht. Sie blieb standhaft, als die USA 2011 wegen der Aufnahme der Palästinenser die UNESCO mit dem Entzug ihres Budgetanteils zu strafen suchten.

Danilo Türk (63)

Der Professor für Völkerrecht war von 2007 bis 2012 Präsident Sloweniens. Er gilt als Spezialist für Minderheitenrechte, war stellvertretender UN-Generalsekretär unter Kofi Annan und seit der Unabhängigkeit seines Landes zweimal Präsi-dent des Sicherheitsrates. Sollte Irina Bokowa scheitern, wäre Türk ein aussichtsreicher Aspirant.

Vesna Pusić (63)

Die Soziologin zählte 1990 zu den Begründern der linken Kroatischen Volkspartei und war von 2000 bis 2008 Parteichefin. Ihre diplomatische Expertise resultiert aus der Zeit, in der sie (zwischen Dezember 2011 und Januar 2016) ihr Land als Außen-ministerin vertrat. Als sie 2010 bei der Präsidentschaftswahl kandidierte, kam Pusić auf 7,3 Prozent.

Srgjan Kerim (67)

Zunächst in den 80er Jahren Sprecher des jugoslawischen Außen-ministers, wechselte Kerim später in die mazedonische Diplomatie, war Beauftragter für den Balkan-Stabilitätspakt und Vertrauter des deutschen Medienmanagers Bodo Hombach beim Kauf von Zeitungsverlagen auf dem Balkan. 2000 wurde er für ein Jahr Außenminister in Skopje.

Prompt wurden Stimmen laut, Bokowa sympathisiere mit Russland. Sie hat Anfang der 70er an der renommierten Moskauer Diplomatenakademie MGIMO studiert, dort 1976 den Master of Business Administration erworben und in den vergangenen Jahren des öfteren am 9. Mai in Moskau an den Feiern zum Sieg über Hitlerdeutschland teilgenommen.

Sicherheitsrat entscheidet

Die Mutmaßungen über eine frühzeitig verbrannte Kandidatin verstummten ein wenig, als Anfang Juli das Wall Street Journal kolportierte, Bokowa sei die Favoritin von Hillary Clinton – mit einem US-Veto gegen ein Mandat für die Bulgarin sei daher eher nicht zu rechnen.

Ob das tatsächlich so sein wird? Noch ist die US-Demokratin nicht gewählt, noch hat der Sicherheitsrat keine Empfehlung ausgesprochen, wie es das Reglement verlangt. Das heißt, es gibt in diesem Gremium bisher keine Einigung darüber, wer der Vollversammlung zur Abstimmung vorgeschlagen wird. Sollten sich an den Osteuropäern die Geister scheiden – und das zeichnet sich ab –, wären auch die Neuseeländerin Helen Clark und die Costa Ricanerin Christiana Figueres personelle Alternativen.

Konkurrenz für Osteuropa

Susana Malcorra (62)

Die heutige argentinische Außenministerin wurde Ende 2015 von Präsident Macri ins Kabinett berufen. Bis dahin war sie Bürochefin von Ban Ki-moon, der sie bei ihrem Ab-schied als „sehr distinguierte, weltweit respektierte Politikerin“ würdigte. Malcorra ist Favoritin der USA und hätte dank der Stimmen aus Südamerika durchaus Chancen.

Helen Clark (66)

Die neuseeländische Labour-Politikerin brachte es als Premierministerin 1999 bis 2008 auf drei Amtszeiten. Danach suchte sie ihr Heil bei den Vereinten Nationen und führte das Entwicklungsprogramm UNDP oft gegen die Vorstellungen der USA. Sie gab erst Anfang Juli ihre Kandidatur bekannt und kann auf viel Beistand aus Afrika rechnen.

António Guterres (67)

Der Portugiese war Sympathisant der Nelkenrevolution von 1974, besann sich dann auf das Credo „keine Experimente“, schloss sich den Sozialisten an und war von 1995 bis 2002 in deren Auftrag Premier. Ab 2005 war er UN-Hochkommissar für Flüchtlinge. Südeuropäische EU-Staaten sähen ihn gern als UN-Generalsekretär.

Christiana Figueres (60)

In den 80er Jahren managte die Costa Ricanerin in Bonn die ihrem Land zugedachte deutsche Entwicklungshilfe und arbeitete dann für das Planungsministerium in San José. Was sie gerade jetzt für höhere Aufgaben in der UNO prädestiniert, ist ihre Zeit als Generalsekretärin der UN-Klimarahmenkonvention zwischen 2010 und 2016.

Fotos: AFP/Getty Images (5), Imago (5)

06:00 21.07.2016
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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