Wenn es um so viel geht

Anschläge Nach Brüssel sollte man sich mehr denn je fragen, wann hat das eigentlich begonnen? Und wodurch wurde der "Krieg gegen den Terror" so unaufhaltsam?
Wenn es um so viel geht
Die zerstörte Abfertigungshalle des Flughafens Brüssel
Foto: Virginie Lefour/AFP/Getty Images

Wie heißt es im letzten Absatz von Erich Maria Remarques Weltkriegsromans Im Westen nichts Neues. An jenem Tag im Jahr 1918, als der Romanheld Paul Bäumer von einem französischen Scharfschützen tödlich getroffen wird, meldet der Heeresbericht bis auf einige kleinere Gefechte keine besonderen Vorkommnisse – „im Westen nichts Neues“.

Wenn der Krieg gegen den Terror als Jahrhundertkrieg verstanden und geführt wird, wie manche glauben, muss man sich dann darauf einstellen, dass Attentate wie die von Brüssel eines Tages kaum mehr der Rede wert sein werden? Weil sie sich zu sehr häufen, weil sie konkurrieren mit anderen Gewaltakten, weil sie übertroffen werden in der Zahl der Toten, im Ausmaß der Zerstörung, in der Blendkraft des Grauens? Weil die Sinne abstumpfen, wenn ihr Fassungsvermögen auf den toten Punkt gebracht ist?

Und man wird sich fragen, wann hat das eigentlich begonnen. Wodurch wurde es so unaufhaltsam?

Nichts zu verlieren

Wie oft wird jetzt wieder von einer „Kriegserklärung“ der Täter die Rede sein. Abgegeben an den belgischen Staat, an die EU-Hauptstadt Brüssel, an die europäische Staatengemeinschaft und an die von ihr verkörperte Werteordnung, an die „Art, wie wir leben“ (gibt es die überhaupt als Norm?). Wenn es um so viel geht und so viel auf dem Spiel steht und soviel getroffen werden kann – dann muss das zu allem entschlossene Täter magisch anziehen, alldem die Stirn zu bieten und dafür das eigene Leben für ein angemessenes Opfer zu halten.

Glaubenskrieger sind Märtyrer, die sich einbilden, sie hätten nichts zu verlieren auf dem Weg ins Paradies.

Allein mit dem schnell gezückten Begriff vom „Kulturkrieg“, der gegen den Terror des Islamismus geführt werde müsse, öffnet sich eine selbst gestellte semantische Falle. Es wird damit den Kriegern des Dschihad eine kulturstiftende Wirkung zuerkannt. Schließlich stehen sie auf der anderen Seite der Front, sind also Teil eines mutmaßlichen „Clash of cultures“, sind als Gegner auf makabre Weise anerkannt.

Der Wille zur verbalen Abrüstung oder geistigen Deeskalation – ja, das klingt jetzt zynisch – kann so wertvoll sein wie ein Großaufgebot der Polizei, wertvoller jedenfalls als die Statements von Politikern, die darauf gefasst sein müssen, dass ihnen Deeskalation als Kapitulation ausgelegt wird. Irgendwo und irgendwie muss das Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit – noch dazu bei komplexen Agglomerationen wie europäischen Großstädten – doch zu seinem Recht kommen. Wer immer die Anschläge geplant und ausgeführt hat – zu erleben ist eine erneute eine Ausweitung der Kampfzone: nach Madrid (2004), London (2005) und Paris (2015) noch weiter hinein nach Europa.

Das Grauen des syrischen Bürgerkrieges oder des schiitisch-sunnitischen Bruderkrieges im Irak, das Sterben in Aleppo wie das in Bagdad, hat sich am 22. März 2016 eines anderen Schauplatzes versichert. Morgen schon kehrt es wieder zurück ins angestammte Revier, auch nach Libyen und in den Jemen, nach Aden oder Sanaa, wo die Bombardements der Luftwaffe Saudi-Arabiens, eines strategischen Partners der USA und geschätzten Kunden der deutschen Rüstungswirtschaft, jeden Tag für zivile Opfer sorgt, über die im Westen so gut wie nie berichtet wird. Die frühestens bemerkt werden, wenn sie in Flüchtlingströmen ihrem Elend zu entkommen suchen und auf der Schwelle nach Europa stehen.

Revanche für Mali

Es bleibt die Frage, ob wirklich die EU getroffen werden sollte. Sie wäre dann erstmals derart ins Visier geraten und zum Angriffsziel erklärt. Es kann nur spekuliert werden, welchen Grund es dafür geben mag. Das militärische Engagement im westafrikanischen Mali käme in Betracht. Dort gibt es seit dem durch eine französische Intervention (Opération Serval) Anfang 2013 aufgehaltenen Vormarsch islamistischer Verbände auf die Hauptstadt Bamako eine EU-Militärmission.

Es handelt sich um die European Union Training Mission (EUTM), an der augenblicklich auch 350 Bundeswehrsoldaten beteiligt sind. Immerhin gab es nur Stunden vor den Anschlägen in Belgien einen Angriff auf das Nord-Sud Hotel in der malischen Hauptstadt und damit das Hauptquartier dieses EU-Ausbildungskorps.

15:23 22.03.2016
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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