Wenn Geschichte nur stört

Jahrestag Wer den 9. November 1989, die Mauer und den Mauerfall aus ihren historischen Verankerungen reißt, springt leider entschieden zu kurz

Als die ARD-Tagesschau am 9. November 2009 das totale Staatsfernsehen ausrief und so getimt war, die Rede von Angela Merkel am Brandenburger Tor einzuschreinen, war einmal mehr geklärt: Öffentliches Erinnern kann ­eines der wirkungsvollsten In­strumente des politischen und medialen Establishments sein, um individuelles Erinnern in genormte Formen zu gießen und einzuschmelzen. So viel Theater wie an diesem Tag war selten. Wie es fast ohne ­Geschichte stattfand, obwohl es doch um ein geschichtliches Vorkommnis ging – phänomenal. Wer den 9. November 1989 auf den 9. November 1989 reduziert, wer Mauer und Mauerfall dermaßen aus den Verankerungen ihrer Zeit reißt, sollte wenigstens ehrlich sein. Warum dann die Abschaffung des 8. Mai 1945 oder des 30. Januar 1933 nicht gleich mitfeiern? Dass fast ein halbes Jahrhundert lang zwei deutsche Staaten auch so etwas wie Sühne für deutsche Kriegsschuld waren – kein Wort darüber. Dass BRD und DDR als Vorposten ihrer Schöpfer und Systeme zu funktionieren hatten – ausgeblendet. Dass sie eine Grenze teilte, die mehr war als eine bloße Staatsgrenze, schon gar keine „innerdeutsche“ – welch böse Unterstellung. Stattdessen mediale Uniformität vom Gröbsten.

„Was haben Sie am 9. November gemacht?“ Man wurde mit dieser Frage zugeschleimt, bis sie einem aus den Ohren tropfte. Sie bezeugte mehr als nur journalistischen Konformismus, sie geriet auch zum nachträglichen Gesinnungstest: Blieb etwa irgendwer zu Hause in der Nacht der Nächte? Wartete ab mit dem Tanz auf der Mauerkrone? War nicht bereit, sich auf diese Höhe der Ereignisse zu schrauben? Glaubte nicht an ein Wunder? Hatte vielleicht im Hinterkopf, dass es im Herbst 1989 noch vier alliierte Mächte in Berlin gab, die unter Umständen gefragt sein wollten. Dass noch 350.000 ­sowjetische Soldaten in der DDR standen. Dass Gorbatschow kurz zuvor erklärt hatte, das sowjetische Volk wird uns nie verzeihen, wenn wir die DDR fallen lassen. Im Westen waren DDR-Regierungen wegen ihrer beschränkten Souveränität jahrzehntelang geschmäht. Stolperten Krenz und Schabowski nun über die rote Linie, liefen sie womöglich Gefahr, zurückgepfiffen zu werden.

Aber wen interessiert das heute noch? Man feierte schließlich den Mauerfall und tat so, als sei damit auch ein Volk gemeint, dass im Herbst vor 20 Jahren im Begriff schien, als Souverän zu handeln. Mit dem 9. November hatte sich das schlagartig erledigt. Wie sonst ist das Phänomen zu erklären, dass die Wiedervereinigung zum Anschluss geriet? Dass ostdeutsche Mauer-Helden zu ganz und gar unheroischen ­Untertanen schrumpften, als sie von ihren Landsleuten aus dem Westen nach Strich und ­Faden enteignet und ihre ­Betriebe geschleift wurden. Und ihre Vita nicht eben zur Visitenkarte taugte. Gerade noch voller Freiheitsdurst und dann so schnell ruhig gestellt? Irgendetwas muss faul sein an der ­Erzählung über das Wunder von Berlin. Vermutlich hat es damit zu tun, dass Geschichtsschreibung nicht verträgt, als Falschmünzerei betrieben zu werden.


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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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