Wenn sich Gegner brauchen

USA/Türkei Mit Trump und Erdoğan stoßen nicht nur zwei Alphatiere aufeinander. Es korrespondieren Politikstile, die auf Veräußerlichung von Politik Wert legen und angewiesen sind
Wenn sich Gegner brauchen
Zwei Mannsbilder aus besseren Tagen

Foto: Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Auf den ersten Blick hat das Treffen von Angela Merkel mit Wladimir Putin am Wochenende in Meseberg bei Berlin nichts oder nicht viel mit den akuten Zerwürfnissen zwischen der Türkei und den USA zu tun. Doch der Anschein trügt. Es wird höchste Zeit, dass die Kanzlerin wieder Gefallen an diplomatischer Normalität mit der Führung in Moskau findet.

Man sollte sich bewegen, wenn in der Welt ringsherum nur wenig bleibt, wie es ist – Bündnisse inklusive. Die Erosion der transatlantischen Beziehungen wird eine Konstante sein, solange Donald Trump regiert, womöglich bis Mitte der 20er Jahre des 21. Jahrhunderts. Was das für die NATO bedeutet, liegt auf der Hand. Die Trump-Administration instrumentalisiert die Allianz, um eigenem Geltungsbedürfnis und unilateralem Politikverständnis zu dienen. Sie darf sich in ihrer Geringschätzung des Paktes bestätigt fühlen, wenn die Türkei mit solchem Aplomb ausschert, wie das im Augenblick der Fall und den Reden ihres Präsidenten zu entnehmen ist.

Für den hat sich Bündnisräson erledigt, wenn die Mitgliedschaft in der NATO ganz offen zur Disposition gestellt wird. „Schande, Schande! Sie ziehen einen Pastor (gemeint ist der Amerikaner Andrew Brunson – l.h.) einem strategischen Partner vor“, beschwerte sich Recep Tayyip Erdoğan am Wochenende vor Tausenden Anhängern in der Provinz Ordu am Schwarzen Meer. Und er verglich den Euro und den Dollar, mit „Kugeln, Granaten und Raketen eines Wirtschaftskrieges, der gegen unser Land geführt wird“. Wer derart gegeneinander antritt, kann schwerlich miteinander verbündet sein.

Chance und Charisma

In der Konfrontation zwischen Washington und Ankara begegnen sich mit Trump und Erdoğan nicht nur zwei Alphatiere. Es korrespondieren zugleich Politikstile, die auf Veräußerlichung von Politik Wert legen, um dies als Politik etikettieren zu können. Früher hätte man den Streit um einen inhaftierten Geistlichen wie Brunson mutmaßlich über stille diplomatische Kanäle erledigt und einen Kompromiss gefunden, der es beiden Seiten gestattet, übermäßige Verluste an Selbstbewusstseins zu vermeiden. Heute ist das den Führern zweiter NATO-Partner nicht mehr möglich, weil deren populistischer Habitus bedient sein will. Diese Chance dürfen sich weder Trump noch Erdoğan um ihres Charismas – sprich: ihrer selbst – willen entgehen lassen.

Was das über die Berechenbarkeit von Partnern deutscher Außen-, Sicherheits- und Bündnispolitik aussagt, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Insofern ist die Suche nach Alternativen fast schon eine Frage der nationalen Souveränität, zumal der türkische Staatschef klar zu verstehen gibt, dass er sich nicht nur beim Handel mehr Bindung an Russland, China und Iran vorstellen kann.

Überdies steht außer Frage, dass er sich in Syrien an den Stärkeren und Erfolgreicheren hält und seinen Einfluss auf eine Nachkriegsordnung an der Seite Russlands besser gewahrt sieht als im Bund mit den USA oder der EU. So ändern und zeigen sich die regionalen Ausläufer einer amorphen Weltordnung. Da kann man schnell den Anschluss verlieren, noch dazu an der Seite eines wertebewussten, aber wenig innovativen und einfallsreichen Außenministers wie Heiko Maas, der dem Weltenwandel einigermaßen überfordert gegenübersteht.

Deutschland ist in geopolitischer Hinsicht eine Mittelmacht, wusste schon Otto von Bismarck, es sollte sich deshalb nie um das Ausbalancieren zwischen West und Ost bringen. Angela Merkel wird regelrecht dazu gezwungen, sich dessen zu besinnen und nach neuen Ufern Ausschau zu halten.

13:00 15.08.2018
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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