Wer jetzt nicht tanzt

Einheit Geschichtsbilder sind so systemrelevant wie Großbanken. Umso mehr ist das Deutschland von 1990 eine Erinnerung wert
Wer jetzt nicht tanzt
„Sturzlage“, eine Installation aus den Stühlen des Zentralen Runden Tisches der DDR von Gabiele Dolff-Bonekämper

Foto: Andreas Bindseil

Es ist das Jahr, in dem Leonard Bernstein stirbt und der letzte Trabant mit Zweitaktmotor vom Band rollt – das Jahr eines Bebens im Osten Deutschlands, das nichts zerstört und alles verändert. Es hat sich eingerichtet in den Menschen, die kaum mehr wissen, wann und wodurch es begonnen hat – die fürchten und hoffen, dass es vorbei sein wird, bevor es endet. Und sich sagen: Wer das Licht scheut, sollte nicht in die Sonne gehen. Wer es dennoch tut, muss nicht verbrennen. Trunken besteigt man das Ereigniskarussell. Wer jetzt nicht tanzt, der ist selber schuld.

Dabei ist nicht im Geringsten außer Kraft gesetzt, was immer schon galt. Auch 1990 hat jeder Ruf sein Echo, jede Ursache ihre Wirkung. Die Übernahme der DM als Währung der DDR am 1. Juli setzt deren Wirtschaft unter einen enormen, weil existenziellen Druck, wertet ihre Produktion auf, lässt traditionelle Absatzmärkte in Osteuropa verloren gehen, kostet Arbeitsplätze und Überlebenschancen. Offiziell werden in den „neuen Bundesländern“ am 5. Dezember 1990 589.178 Arbeitslose registriert sein, nicht eingerechnet Hunderttausende im Vorruhestand und in diversen „Warteschleifen“, dazu 1,7 Millionen in Kurzarbeit oder „Kurzarbeit null“. Hat tatsächlich, wie das seit 30 Jahren eisern behauptet wird, der Wunsch nach Wiedervereinigung mit dem Willen zum Systembruch korrespondiert? Haben sich die Ostdeutschen willfährig enteignen lassen und Volksvermögen, das sie in vier Jahrzehnten oft mühevoll erarbeitet hatten, der Treuhandanstalt überlassen, auf dass es für immer entschwinde? Wie konnten sie so blind sein? Die Frage ist anmaßend. Die Menschen wurden aus ihren Fabrikhallen regelrecht herausgekehrt, der massenhafte Absturz ins Nichts. Da versiegt Widerstand früher oder später oder gleich ganz.

Auf der Schwelle zum 30. Einheitsjahr, erst recht in den Monaten bis zum Einheitsjubiläum, beansprucht die Zeit zwischen Herbst 1989 und Herbst 1990 nun wieder geballte Aufmerksamkeit. Erinnert wird eine DDR, in der durch Systemwandel und Staatsuntergang die Wendezeit zur Zeitenwende wird. Als alles offen ist und unwiderruflich sein wird. Als es zu vielen, teils fatalen Weichenstellungen kommt, die nachwirken, was angesichts der derzeitigen Stimmung in Ostdeutschland als Gefahr für Demokratie, Regierbarkeit und zivilisierte Umgangsformen empfunden wird.

Nichts lässt sich rückgängig machen. Bemänteln freilich schon, und das gründlich, etwa mit dem Verweis auf das Zwangsläufige, so Unabwendbare wie Unaufhaltsame, mit dem alles dem 3. Oktober 1990 entgegentrieb. Oder getrieben wurde. Auf den Regierungswechsel von Hans Modrow (PDS) zu Lothar de Maizière (CDU Ost) im April 1990 folgt die Währungsunion, folgt die DM, folgt der Einheitsvertrag, folgt das 2+4-Abkommen als außenpolitische Flankierung, folgt der Einheitstag, folgt das Folgende und Bleibende und bis heute Rumorende.

Wahlvolk für Westparteien

Dem Jahr 1990 widerfährt schweres Unrecht, wird es auf den einen Ereignisstrahl reduziert. Tatsächlich ist es zu verrückt, zu verstiegen, vor allem zu verführerisch, um die Schablone eines historischen Imperativs verdient zu haben. Die finale DDR erfährt eine Zeit der Extreme, wahrnehmbar als Einheit und Kampf der Gegensätze, als Koexistenz des Unvereinbaren in einer Phase des Übergangs. Es begegnen sich und fallen übereinander her: Revolution und Konterrevolution, demokratischer Auf- und Abbau, politische Erneuerung und ökonomische Abwicklung, Selbst- und Fremdbestimmung, Aufstieg und Fall von Parteien wie von Akteuren, oft von heute auf übermorgen. Der Anwalt Wolfgang Schnur ruft sich Ende 1989 als Sprecher der Oppositionsgruppe Demokratischer Aufbruch (DA) auf dem Markt in Halle zum nächsten DDR-Ministerpräsidenten aus und wird drei Monate später als IM „Torsten“ enttarnt. Wie sich herausstellt, hat er über den Herbst 1989 hinaus Kontakt zu seinen MfS-Führungsoffizieren gehalten. Die ihm wozu raten?

Auch die zum einzigen demokratischen Votum zu Lebzeiten der DDR verklärte Volkskammerwahl vom 18. März 1990 bleibt vom Wechselspiel aus Reform und Restauration nicht verschont. Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Weil den im Herbst 1989 entstandenen neuen Parteien eine parlamentarische Präsenz nicht verwehrt sein soll – und darin offenbart sich ein Aufbruch zu demokratischen Ufern –, liegt dieser Abstimmung ein neues DDR-Wahlgesetz zugrunde, das auf ein Mindestquorum verzichtet. Hätte es drei, vier oder fünf Prozent der abgegebenen Stimmen bedurft, um in die Volkskammer einzuziehen, wären Bündnis 90 (2,9 Prozent) als Zusammenschluss mehrerer Oppositionsgruppen wie die Wahlgemeinschaft von Unabhängigem Frauenverband (UFV) und Grüner Partei (2,0) draußen geblieben. So aber reichen 20.342 Stimmen oder 0,2 Prozent der Vereinigten Linken (VL) für ein Mandat. Zugleich wird – und darin zeigt sich die Demokratie als Machtvehikel – der am 5. Februar 1990 gefasste Beschluss des Zentralen Runden Tisches in Ostberlin missachtet, dass es wegen der Chancengleichheit keine westdeutschen Redner im DDR-Wahlkampf – sprich: keine Einmischung von außen – geben soll.

Ein frommer Wunsch. In Wirklichkeit ist Deutschland längst in der DDR angekommen, bevor die DDR in Deutschland ankommt. Helmut Kohl hat keine Skrupel, auf Wahlkundgebungen in Rostock, Magdeburg, Dresden, Erfurt, Gera und Leipzig ausdrücklich als Kanzler und Vorsitzender der CDU West aufzutreten, um dem Osten „blühende Landschaften“ zu prophezeien. Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und andere halten es mit ihren Parteifilialen im Osten kaum anders. Die DDR-Bürger, dazu auserkoren, Wahlvolk westdeutscher Parteien zu sein.

An jenem 5. Februar, da der Runde Tisch seinen Einspruch gegen externe Wahlkämpfer einlegt, sorgt Helmut Kohl dafür, dass die einstige DDR-Blockpartei CDU, die rechtsnationale Deutsche Soziale Union (DSU) und der einheitswillige Kern des Demokratischen Aufbruchs in Westberlin (!) die „Allianz für Deutschland“ formieren. Ihr Wahlslogan lautet: „Freiheit und Wohlstand – nie wieder Sozialismus“. Verbunden mit dem DM- und Einheitsversprechen hinterlässt das in der moribunden DDR Wirkung wie nichts sonst seit der Grenzöffnung. Folglich verliert die Sozialdemokratie Ost um Ibrahim Böhme – bald darauf als IM „Maximilian“ geoutet – die Wahl. In der Nacht vom 18. zum 19. März 1990 erklärt die Wahlkommission im Palast der Republik um 2.17 Uhr die „Allianz“ zum Sieger. Ein ob der Höhe des Triumphs (48 Prozent) irritiert wirkender Lothar de Maizière ist designierter DDR-Regierungschef. Sein Mandat erweist sich als Gratwanderung zwischen der nächsten und der übernächsten Ohnmacht, wofür der kurzzeitige Vizevorsitz für die bald gesamtdeutsche Kohl-CDU Entschädigung sein soll – bis angedrohte Enthüllungen über MfS-Kontakte de Maizière nötigen, sich aus der Politik zurückzuziehen. Aufstieg und Absturz wie bei Schnur, wie bei Böhme, auch bei Christa Wolf?

Am 4. November 1989 prägt sie als Rednerin bei der Kundgebung auf dem Alexanderplatz das Wort vom „Wendehals“, auf DDR-Honoratioren gemünzt. Im Westen gilt sie als eine der intellektuellen Leitfiguren des DDR-Umbruchs. Am 26. November dann zählt Wolf zu den 31 Erstunterzeichnern des Aufrufs „Für unser Land“, der sich für einen Erhalt des zweiten deutschen Staates ausspricht. Sie übernimmt die Endredaktion und ist plötzlich als kauzige Nostalgikerin verschrien, die Illusionen verfällt. Nun werden viele ihrer Verehrer zum „Wendehals“. 1992 gerät die Schriftstellerin endgültig in Verruf, als Recherchen in der Stasi-Unterlagenbehörde ergeben, dass sie von 1959 bis 1962 als IM „Margarete“ Kontakt zum DDR-Nachrichtendienst hatte. Es folgen Schmähung und Ausgrenzung. Was tut man, um eine Bewegung mundtot zu machen? Man beraubt sie ihrer Sprecher, auch wenn die das nie sein wollen, es aber besonders in diesem Fall nun einmal sind.

Reißt die Fenster auf

Es gibt eine Aussage in Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, einem Roman des tschechisch-französischen Autors Milan Kundera von 1984, da heißt es: „Wenn sich die Französische Revolution ewig wiederholen müsste, wäre die französische Geschichtsschreibung nicht so stolz auf Robespierre ... Im Abendrot leuchtet alles im verführerischen Licht der Nostalgie – selbst die Guillotine.“ Was damit gesagt wird? Ganz einfach, dass vom kollektiven Gedächtnis in der Regel nur aufbewahrt wird, was weniger geschichtliche Realität als Bild und Begriff derselben ist. Schließlich sind Geschichtsbilder mindestens so systemrelevant wie Großbanken. Sie spiegeln Machtansprüche und Klasseninteressen, dazu in der Regel Schwierigkeiten mit einer Wahrheit, die gegebenen gesellschaftlichen Zuständen gefährlich werden kann. Insofern ist Kunderas Verweis auf die geschönte Erinnerung mehr als berechtigt. Darstellung und Deutung von Geschichte würden anders ausfallen, sollte das historische Narrativ plötzlich wieder der Gegenwart ausgesetzt sein, die es zu überliefern vorgibt.

Was hieße das für den DDR-Herbst 1989 wie das Einheitsjahr 1990? Würden die sich „ewig wiederholen“, wäre eine Inventur des vorherrschenden Erinnerungsdiskurses fällig. Es wären Erkenntnisse und Wahrheiten fällig, die dem tatsächlichen Verlauf und Charakter der Ereignisse gerecht werden. Gerechter zumindest als die bisher verbreiteten Versionen und Legenden. Beflügeln könnte diesen Mut zur Katharsis ein Eingeständnis: Entgegen aller verlogenen Idealisierung war und ist der Erneuerungsfuror des DDR-Herbstes bundesrepublikanischer Bräsigkeit höchst zuwider. Was würde man heute mit politischen Innovationen wie dem Zentralen Runden Tisch der DDR anfangen? Oder der Wahl von Betriebsdirektoren durch Belegschaften? Freie und selbstbestimmte Fernsehsender und Zeitungen, die vor 30 Jahren der Medienlenkung durch eine Staatspartei entzogen wurden, sind der hochkommerzialisierten westlichen Informationsgesellschaft nicht nur fremd, sondern suspekt. Es wäre dem Verdikt des Verfassungswidrigen ausgeliefert, würde ein Runder Tisch – wie 1990 geschehen – eine neue Verfassung ausarbeiten und einem (gesamt)deutschen Staat als Grundgesetz empfehlen. Die plebiszitären Vorstellungen einer ostdeutschen Bürgerbewegung, wie sie in einem solchen Projekt zum Ausdruck kamen, wurden im Westen so lange hofiert, wie sich das gegen die DDR richtete. 1990 hingegen konnte störrische Prinzipientreue den Sturzflug in die Einheit nur aufhalten. Also entweder totschweigen oder verleumden.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, wäre es ebenso an der Zeit, nach 30 Jahren einzuräumen, wie sehr die Wahl im März 1990 einerseits der Fernsteuerung unterlag, was ihren demokratischen Anspruch konterkarierte, andererseits in ihrem Ergebnis von einem in der DDR anerzogenen Anpassungsbedürfnis profitierte. Viele wollten nach den Wendewirren wieder verlässliche Autoritäten und geordnete Verhältnisse – den Ausstieg aus dem schwindelerregenden Ereigniskarussell. Ein Wahlsieger am 18. März 1990 war auch die DDR Erich Honeckers.

Umso mehr scheint es nach 30 Jahren geboten, die Fenster aufzureißen, um die stickige Luft der Verklärung, Simplifizierung und Selbstgerechtigkeit hinauszulassen, die in Urteilen zum Jahr 1990 überwintern. Eine ehrliche Aufarbeitung täte gut und not. Die seinerzeit genährten falschen Erwartungen, die ausgelösten Enttäuschungen, das Gefühl, betrogen worden zu sein, gären im ostdeutschen Unterbewusstsein und richten Unheil an. Nichts ist vergessen und vergangen, solange sich das Herz erinnert.

06:00 12.01.2020
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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