Wie das Messer durch die Butter

Afghanistan Das Tempo, in dem das Land wieder unter das Patriarchat religiöser Überzeugungstäter fällt, spricht Bände. Kompletter konnte der Westen nicht scheitern
Gegen die Taliban gab es offenbar nichts zu verteidigen, wofür sich der höchste Einsatz gelohnt hätte
Gegen die Taliban gab es offenbar nichts zu verteidigen, wofür sich der höchste Einsatz gelohnt hätte

Foto: AFP/Getty Images

Als die US-Truppen 1972/73 Indochina bis auf Restkontingente räumten, hielt sich die südvietnamesische Armee ARVN noch gut zwei Jahre bis zum 30. April 1975. Erst dann hatten sich die südvietnamesische Befreiungsfront und die nordvietnamesische Streitkräfte soweit durchgesetzt, um die Hauptstadt Saigon einzunehmen.

Als die Sowjetunion im Februar 1989 ihr Afghanistankorps abzog, vermochte sich der von ihr protegierte Präsident Mohammed Nadschibullah noch bis April 1992 zu behaupten, bevor ihn ein Bürgerkrieg zur Demission zwang. Und es dauerte noch einmal vier Jahre bis zum September 1996, dass die Taliban Kabul eroberten, ohne das ganze Land beherrschen zu können.

Warum jetzt dieser Dammbruch binnen Tagen in Afghanistan? Ist das überhaupt ein zutreffender Begriff? Dämme haben sich den vorrückenden Kombattanten so gut wie keine in den Weg gestellt, zumindest keine, die von der Afghanischen Nationalarmee ANA errichtet waren. Nicht einmal zwei Monate sind vergangen, seit die Besatzungstruppen der USA und einiger NATO-Staaten den Rückzug antraten und vorübergehend ein Vakuum hinterließen.

Groteske Fernsehauftritte

Es scheint nichts gegeben zu haben, wofür sich zu kämpfen und zu sterben lohnte auf Regierungsseite. Die vorrückenden Taliban fuhren durch das Land wie das berühmte Messer durch die Butter. Sicher war es ein Schock für ihre Gegner, plötzlich auf sich allein gestellt zu sein und ohne die Luftüberlegenheit der Amerikaner auskommen zu müssen. Aber als Erklärung für das Phänomen der kampflosen Übergabe eines ganzes Landes reicht das nicht aus. Die Kapitulation einer von den USA und der NATO zwei Jahrzehnte lang hochgerüsteten Streitmacht steht im Geruch von Revanche für die Demission des Westens. Devise, bringt ihr euch in Sicherheit, dann wir erst recht.

Binnen Stunden war Kabul in den zurückliegenden Tagen keine verteidigungswillige Zitadelle mehr, wie offenbar auch die Regierung Merkel/Maas in fataler Fehleinschätzung annahm, sondern wurde zur offenen Stadt. Innerhalb von 48 Stunden hielt der mittlerweile geflohene Präsident Ashraf Ghani zwei surreale Fernsehansprachen, um von einer Reorganisation der Nationalarmee zu fantasieren und seinen Landsleuten zu suggerieren, man werde nicht aufgeben. Totaler Bluff oder groteske Selbsttäuschung? Auf jeden Fall das Zeugnis einer korrupten Regierung, die allein sich selbst zu retten gedachte.

Dabei waren die Taliban militärisch nicht drückend überlegen, ganz im Gegenteil. Sie übernahmen den Part von Angreifern, die – theoretisch – gegen ausgebaute Verteidigungsstellungen vorgehen mussten. Doch wenn sie anrückten, wurde kapituliert, ohne sich aufzubäumen, ohne mit dem Rücken zur Wand stehen zu wollen, sondern der Weite zu suchen. Resignation und Preisgabe in einer solchen Rasanz und Unwiderruflichkeit – das lässt nur einen Schluss zu: Es gab in Afghanistan nichts zu verteidigen, wofür sich das höchste Einsatz gelohnt hätte. Der dort durch westliche Präsenz in den vergangenen 20 Jahren reklamierte und oktroyierte zivilisatorische Fortschritt jedenfalls war es nicht. Vielleicht, weil er für das Gros der Menschen keine realistische Perspektive darstellte, Tradition und Kultur allzu sehr widersprach. Und das Überleben im Alltag damit wenig bis nichts zu tun hatte.

Saigon 1975 – Kabul 2001

Die von Anfang an fragwürdige Überzeugung, man könne eine andere, fremde Gesellschaft durch einen militärisch flankierten Ideologieexport um sich selbst bringen, löste sich durch die jähe Wende der letzten Tage in Rauch auf. Wieviel Trägheit und Faulheit des Denkens sind immer wieder im Spiel, sich anderen als Heilsbringer aufzudrängen. Und für ein geostrategisches Kalkül zu vereinnahmen. Dass Afghanistan jetzt erneut unter das Patriarchat religiöser Überzeugungstäter fällt und damit genau jener Kräfte, die Präsident Bush im Oktober 2001 als Revanche für 9/11 wegputschen ließ, spricht Bände. Kompletter kann man nicht scheitern.

Mehr als 46 Jahre ist es her, dass Helikopter der US-Armee auf dem Dach der US-Botschaft im südvietnamesischen Saigon landeten, um Botschaftspersonal zu evakuieren. Zugleich versuchten Tausende auf dem Saigoner Flughafen Than-Son-Nhat in die letzten Air France-Maschinen zu kommen, die vor dem Einmarsch der Befreiungsfront starteten. Wie sich zeigt, kann die Zeit nicht über die Geschichte hinweggehen.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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