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Coronakrise Hunderttausende Touristen holt der Staat im Zweifel per Luftbrücke, 50 geflüchtete Kinder dürfen nicht auf solchen Interventionsspielraum hoffen
Ausgabe 16/2020
Mitglieder einer Nichtregierungsorganisation verteilen selbstgenähte Schutzmasken im Flüchtlingslager Moria
Mitglieder einer Nichtregierungsorganisation verteilen selbstgenähte Schutzmasken im Flüchtlingslager Moria

Foto: Manolis Lagoutaris/AFP/Getty Images

Wenn in dieser Woche nach endlosen Ankündigungen „bis zu 50 unbegleitete Minderjährige“, wie es offiziell heißt, aus dem Lager Moria auf der Insel Lesbos nach Deutschland geholt werden, wie soll man darauf reagieren? Was daraus schließen? Dass ein humanitärer Minimalismus waltet, der fast schon lächerlich wirkt, wäre er nicht so armselig? Dass der Hang zum Limit einen Staat beschämen sollte, der gern andere zu menschenwürdigem Verhalten ermahnt und – wenn möglich – bestraft, sofern dieses ausbleibt? Dass Bundesregierungen seit Jahrzehnten von humanitärem Völkerrecht reden, aber Flüchtlinge davon ausklammern? Dass mehr getan werden muss, weil die Lebensumstände für Afghanen, Iraker oder Syrer auf Samos, Lesbos, Kos und Chios prekär sind und sich in überfüllten Camps Covid-19-Erkrankungen extrem schnell verbreiten können?

Mit alldem wären die üblichen Reflexe bedient und Moral bemüht, es könnte sein Bewenden haben. Sollte es aber nicht. Die Aufnahme der 50 Hilfsbedürftigen, die vor medizinischer Unterversorgung bewahrt werden, bezeugt vor allem eines: Ein Land, maßgebliche Politiker wie Innenminister Seehofer, eine ganze Gesellschaft führen vor, dass sie nicht nur eindrucksvoll unterfordert sind, sondern es sein wollen. Absolut folgerichtig provoziert das Vergleiche. Als vor gut vier Wochen weder zu leugnen noch zu ignorieren war, dass die Corona-Pandemie globale Ausmaße annahm, stellte sich heraus, dass annähernd 200.000 deutsche Urlauber aus dem Ausland zurückgeholt werden mussten. Was teilweise auf Staatskosten geschah und inzwischen wohl abgeschlossen ist. Kaum jemand fragte danach, ob man noch zum Trip nach Neuseeland oder Indonesien aufbrechen musste, als sich weltweit die Corona-Fälle häuften und absehbar war, dass Staaten ihre Grenzen schließen und dies den Luftverkehr tangiert. Die Bundesrepublik Deutschland nahm die Obhutspflicht gegenüber ihren Bürgern wahr und überzeugte durch logistisches Leistungsvermögen. Er schien nicht ausgeschlossen, sogar Luftbrücken zu schlagen, um die Folgen eines grassierenden Reisefiebers einzudämmen.

50 geflüchtete Kinder und 200.000 gestrandete Touristen, darf man das in Verbindung bringen? Entbehrung und Not gegen Erholung, Abenteuer und Bonusmeilen bei der Lufthansa oder anderen? Ja, man darf. Denn es ist schon ein Statement, wenn nicht einmal ein Bruchteil des bei der Retouraktion offenbarten Potenzials notleidenden Kindern und Jugendlichen zugutekommen darf. Womit nicht gesagt ist, dass auch nur ein einziger Tourist sich selbst überlassen bleiben sollte. Aber augenscheinlich wirkt die Maxime – wir sind wir, und die anderen sind die anderen – in Krisenzeiten besonders überwältigend, ja, kann in ihrer Anziehungskraft noch zulegen.

Sicher, wenn die Welt derart ins Schaukeln gerät wie derzeit, ist eine hohe Empfindsamkeit gegenüber der eigenen Lage und den damit verbundenen Gefahren das Mindeste, was man sich erlauben muss. Doch entbindet es einen Staat nicht von einer Verantwortung, die über die Sorge um das Wohl seiner Bürger hinausreicht. Wenn sich Deutschland bei der ab Juli anstehenden EU-Ratspräsidentschaft laut Außenminister Maas ganz auf die Pandemie-Folgen konzentrieren will, sollte dazu auch der Umgang mit Geflüchteten in Griechenland gehören. In eigener Not und Bedrängnis Menschlichkeit nicht auf 50 junge Menschen zu beschränken, ist eine Charakterfrage.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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