Endstation Sensibilität – die Probleme der Schwachen

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Der Text, den Helga Hansen via Mädchenmannschaft publiziert hat löst (mal wieder) verschiedene Gefühle aus. In der Diskussion, die ich hier verfolgt habe, zeichnen sich die altbekannten Muster ab. Hier und da gibt es auch Neues, aber im Grunde wird die Schuld an gesellschaftlichen Missständen hin und her geschoben und gerade einige Vertreter des männlichen Geschlechts glänzen mit einem Unterton, der suggeriert: ich bin frustriert.

Frustration ist ja nichts Schlechtes. Also, sie fühlt sich schlecht an, aber sie bietet für sich genommen auch immer einen Perspektivenwechsel.

Anstatt aber Texte, wie den von Frau Hansen, als das zu lesen, was sie sind, nämlich als eine Forderung nach mehr Sensibilität im Umgang miteinander, wird wieder Bob gefahren.

Habe ich erwähnt, dass ich letztens im Harz war? Da gab es nämlich eine Bobbahn, an die musste ich gerade denken: es geht ganz schnell nur in eine Richtung, die Landschaft vermischt sich in den Augenwinkeln zu einem grünen Brei und am Ende ist man in erster Linie aufgeregt.

So stelle ich mir das jedenfalls vor. Ich bin noch nie Bob gefahren.


Bevor hier nun weiter gelesen wird: da ich aus meiner (weiblichen) Perspektive schreibe und wert darauf lege, nur von Dingen zu berichten, von denen ich Ahnung habe, könnte der Eindruck entstehen, ich sei voreingenommen. Jede geschlechtsspezifische Zuschreibung kann meinetwegen umgedreht werden – womit ich mich natürlich im Mann-Frau-Dualismus und somit mitten in der Heteronormativität befinde, aber auch ich kann nicht an allen Fronten kämpfen.


Aber, ich bin schon alleine in der Stadt unterwegs gewesen. Ich habe viele Nachtschichten in einer Kneipe verbracht, als Bedienstete, alleine. Darüber habe ich schon oft geschrieben. Ich war, wie so viele andere (Beispielsweise Frauen), oft in Situationen, in denen ich an meine Grenzen kam. Und viel öfter war ich glücklich, dass ich in der Lage bin laut „stopp“ (im Barkeeperinnenfall eher „raus“) zu sagen. Manchmal mischte sich das Glück mit Verwunderung darüber, dass ich trotz meiner Schmächtigkeit ernst genommen wurde. Immer war mir allerdings bewusst, dass jedeR da anders tickt. Dass es Menschen gibt, die nicht in der Lage sind sich durchzusetzen. Grenzen abzustecken.

Womit ich zum Punkt komme: das kann nicht das Problem der Schwachen sein. Das muss das Problem der Wachen werden. Diejenigen, die sich in der Lage sehen, Schwächeren zu helfen, müssen sich sensibilisieren für Situationen, in denen ihre Hilfe gebraucht wird.

Eigentlich ganz einfach.

Zivilcourage nennt sich das. Das weiß ja heutzutage jedes Kind.

Man (Beispielsweise Mann) muss sich aber auch einfach zu benehmen wissen.

Wer (zum Beispiel als Mann) in einer größeren (Männer)gruppe unterwegs ist und eine Frau sieht, die ihm ins Auge fällt, der sollte – sofern er Interesse hat Besagte kennen zu lernen, sich aus der Gruppe entfernen und die Frau alleine ansprechen.

Demjenigen, der aus seiner Crew heraus eine Frau, die alleine unterwegs ist, anquatscht – und sei es noch so lapidar (zum Beispiel mit einem „hallo“) – der nimmt in Kauf, dass sich das Gegenüber unwohl fühlt.

Wenn es weiter geht und es landet eine Hand an einem Hinterm, die da nichts zu suchen hat, dann muss der Mensch, der an der Hand hängt, mit Konsequenzen rechnen. Die können unterschiedlich ausfallen. Ich persönlich halte da ja einige Varianten für gerechtfertigt.

Wohin wollte ich noch gleich? Ach ja, Endstation: Sensibilität.

Mit dem Bob kommt da keineR an. Am besten fährt man mit der Bummelbahn, oder mit dem Fahrrad. Beides bietet den Vorteil, die Landschaft genießen zu können. Das Fahrrad erfordert mehr Anstrengung, gerade an Bergen, aber dafür kann man sich die Haltestellen selber aussuchen.

Alles Klar?

Luzieh mag heute Bilder.

Ich hätte auch über Brücken schreiben können, die wir bauen und betreten müssen, aber das kam mir doch zu abgenutzt vor. Zumal ich persönlich keine Kluften sehe. Ich sehe nur Menschen, die viel zu schnell fahren. Wenig gelassen sind und so vor Lauter Hatz die Ausfahrt verpassen.

Genug Bilder. Fürs erste.

Ich schließe mit Benjamin Franklin:

„Es gibt Augenblicke, in denen man nicht nur sehen, sondern ein Auge zudrücken muss.“

11:44 22.05.2012
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