Raus aus der Seifenblase - rein in die Nacht

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Nun lieber etwas Unterhaltsames.

Aber zunächst: ich habe hier und da Probleme mit meinen Profileinstellungen. "Keine Angabe" beim Geschlecht hat nicht funktioniert und ich wurde als männlich eingestuft. Das finde ich nicht schlimm, es könnte jedoch zu Missverständissen führen. Deshalb habe ich es nun eindeutig gemacht. Ich bin kein "m", sondern ein "w" ... "w" für "who cares?"

Jetzt aber zur Unterhaltung. Unterhaltung mit einigen -ismen, übrigens.

Raus aus der Seifenblase...

…das dachte ich mir neulich, als ich völlig aufgedreht nach der Arbeit Hause kam und niemand mehr wach bleiben wollte. Das passiert nicht oft. Also, dass ich aufgedreht von der Arbeit komme und unbedingt noch etwas unternehmen möchte. Das liegt am Job: ich versorge den Pöbel mit Stoff. Das strengt an und lässt die Lust, sich in dieses Haifischbecken zu begeben - und das ohne schützenden Tresen - rapide sinken.

Üblicherweise bewege ich mich hier (also in der Stadt in der ich lebe) in einem linkem Bermudadreieck. Es gibt dreiLäden, dahin gehe ich zum Tanzen und auch mal auf ein Konzert, oder eine (politische) Veranstaltung. Dann gibt es noch eine kleine verrauchte Kneipe, die landläufig als Zeckenbar bezeichnet wird - das ist mein Arbeitsplatz. Da gibt es alles, was die moderne Gastronomie zu bieten hat. Also an Gästen. Und die meisten verstehen sich. Nicht immer, aber die Tendenz in dieser Bar: entspannt. Dahin gehe ich auch mal privat. Nicht zum Tanzen, aber zum Trinken. Und gucken.

Nicht, dass ich das alles oft täte, aber wenn, dann dort. Wie ist es denn an diesem Dort(en)? Schön! Ich fühle mich wohl. Weil mich Menschen umgeben, die aussehen wie ich (ok, einige haben Wursthaare, aber die sind auch ganz nett), die manchmal denken - manchmal auch wie ich -, Menschen, die Spaß haben wollen. Menschen, die gelernt haben Rücksicht zu nehmen, Grenzen zu achten. Nicht alle. Sicher. Aber das Grundgefühl stimmt.

Zurück zu neulich. 1:30 a.m. Ich also noch wach, zu wach, um ins Bett zu gehen. In meinen Läden: nichts zum Tanzen. Stinkige Bar? Keine Lust. Also bleibt mir nur der mutige Schritt in das kommerzielle Nachtleben dieser Stadt. Nicht lang gezaudert, nehme ich mir meinen Schlüssel, ein begrenztes Budget, zeihe mir die Jacke über und mache mich auf den Weg, der sieben Minuten dauert. Der Laden: neu. Die Türsteher: die alten.

Elektro also? Hm, nicht unbedingt meins, aber zum Tanzen genau richtig. Neulich jedenfalls. An der Kasse vorbei suche ich zielstrebig nach drei Freunden, von denen ich wusste, dass sie auch dahin wollten. Der Laden ist klein, die Freunde schnell gefunden. Getanzt, getrunken, gelacht und… gewundert.

Meine Freundin spricht mit einem jungen Mann, der interessiert an ihr scheint. Ich muss lächeln, der Altersunterschied ist ziemlich offensichtlich und ich weiß, dass der Junge eine höfliche aber bestimmte Antwort bekommen wird. Doch meine Freundin, nennen wir sie Lotte, kommt zu mir und erzählt mir völlig schockiert, dass der Typ ihr gerade 100€ geboten habe, wenn sie mit ihm mitkäme. Wow! Wir, erstmal verunsichert, dann sauer. Zumal ich mich auch frage, ob sein Taschengeld dafür gereicht hätte. Lotte will nicht so offensiv vorgehen wie ich, denn ich habe schnell eine genaue Vorstellung von dem, was so ein Typ verdient hat. Wir gehen dann also erstmal zum Türsteher und bitten ihn darum, den Gast zu entfernen. Das ist dann auch schnell passiert. So weit so gut.

Erstmal weiter tanzen, denken wir uns. Bis zur nächsten Szene. Ich unterhalte mich nett. Smalltalk auf Englisch. Betrunken ist das ja immer besonders erquickend. Ein Türsteher sagt, wir sollen jetzt mal runter gehen, hier oben sei gleich zu. Ich möchte ohnehin nach Hause, übersetze für meinen Gesprächspartner, und sage auch gleich, dass ich nicht mehr mit feier, weil ich nach Hause gehe. Da komm ich doch mit, sagt er. Ich: nee, neee, da geh ich alleine hin, ich will schlafen. Aber ich komme mit, bestätigte er mir seine Abendplanung.

Gut. Ich habe keine Lust zu diskutieren und während er seine Sachen holt gehe ich vor die Tür und denke: unten sind noch mehr Frauen, er wird mich schnell vergessen haben.

Vor der Tür: Türsteher, ein Typ und ich. Ob ich eine Zigarette hätte, fragt er. Er könne sich gerne eine drehen, ich habe noch den Tabak von Lotte in der Tasche, sage ich. Das könne er nicht, sagt er. Ob ich das für ihn machen soll, frage ich. Bitte. Gerne. Der Türsteher raucht nicht. Voll nette Leute hier, sagt der Typ. Ich: geht so. Und erzähle ganz kurz von den Möchtegernfreiern. Er glaubt mir nicht. Irre. Dann glaubt er es doch, weil der Türsteher meine Version bestätigt. Irrer.

Personelle Erweiterung der Szenerie: zwei Jungs, die auf jeden Fall mehr intus haben als Alkohol (ach ja, denke ich, …Elektroparty, so ist das wohl…) gesellen sich zu uns und fangen ungefragt und unmittelbar an, mir die billigsten Sprüche der Welt entgegen zu werfen. Gekrönt wird das ganze mit der Offenlegung der Brust des einen, als Beweis dafür, dass er rasiert sei. Am irrsten.

Ok. Ich halte mich zurück, bis ich nicht mehr kann. Vor Lachen. Ich frage: ihr landet mit so ‘ner scheiße doch nicht allen Ernstes bei irgendeiner Frau? Dooooohoooooch!

Wieder ok. Bilder in meinem Kopf. Widerlich, rutscht es mir heraus. Darauf der eine: du musst wohl mal wieder richtig durchgebürstet werden, was?! Durchge…was? Ja, auf Mallorca, da ginge das gut…Ich hätte mich gern geirrt. Aber das hat er gesagt.

Sein Kumpel sagt ihm irgendwas und bekommt als Antwort eine Frage: bist du schwul, oder was?! Ich so: Och Leuuuute.... und bekomme entgegnet: ey, ich mein doch schwul im Sinne von behindert. Oh man...

Und dann, als Kirsche auf der Sahnehaube, gibt der zurückhaltende Türsteher doch noch etwas zum Besten: Apropos Mallorca: weißt Du wie die Italiener (Mallorca. Italien. Is klar) das machen? Die gehen da an den Strand und fragen die erste deutsche Frau (komisches Nachmachen eines weder spanisch noch italienisch klingenden Akzentes) kommst du mit ins Hotel? Die sagt nein (natürlich!). Aber dieser italienische Mallorquiner versucht es, bis die 50ste Frau endlich Mitleid hat und mitgeht.

Ich habe keine Lust jetzt auch noch über Rassismus zu reden, wo die Jungs doch nicht einmal verstanden hatten, was mir an ihrem sexistischen Gehabe nicht passt. Also gehe ich. Lachend, aber doch eher schockiert. Sieben Minuten Heimweg und ins Bett.

Der Morgen danach: als erstes bin ich aufgestanden und habe die Ränder meiner Seifenblase verstärkt. Ich mag meine Seifenblase, auch wenn ich da fast jedeN kenne.

Thema demnächst*: Brauche ich ein Studium, um Psychologin zu werden, oder reicht es einige Jahre hinter einem Tresen zu stehen? - Ein BestOff Kneipenarbeit.

*es wird noch Zeit verstreichen, denn ich habe nicht viel übrig.

16:29 12.04.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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