„Mit denen rede ich nicht …!“

Zeitgeschehen Über die Mauer zwischen mir und dem Rest der Welt
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| Von Ludger Verst |

Die Ereignisse von Chemnitz haben weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Vom Tötungsdelikt am Rande des Stadtfestes, über rassistische „Hetzjagden“ bis zur Instrumentalisierung eines Toten – es zeigen sich Probleme, deren Ursachen nicht allein in Chemnitz oder in Sachsen zu suchen sind.

In seiner Regierungserklärung am 5. September beschrieb der sächsische Ministerpräsident den Rechtsextremismus als „größte Gefahr“ und Ostdeutschland als „Seismografen“ für gesellschaftliche Entwicklungen in ganz Deutschland. Inzwischen ist ein Streit darüber entbrannt, ob die Protestaktionen und das mit ihnen einhergehende Protestthema „Migration“ vorschnell in die rechtsextreme Ecke geschoben werden dürfen. Schwierigkeiten mit dem Flüchtlingsthema gibt es an vielen Orten, in Sachsen aber kochen Wut und Empörung darüber schneller hoch als etwa im Westen der Republik.

Seit Jahren schon werden die Signale einer massiven öffentlichen Kritik im Blick auf Migration, den Umgang mit dem Islam oder die Euro-Politik innenpolitisch unterschätzt. Die Langzeitfolgen der Wiedervereinigung, die de facto nicht bewältigt sind, drängen Betroffene zu immer heftiger werdenden Ausdrucksformen des politischen Protests, was Pegida und der Zulauf zur AfD unterstreichen. Noch aus DDR-Zeiten, wo das Lebensumfeld davon geprägt war, den Kapitalismus grundsätzlich kritisch zu sehen, stammt ein vitales Misstrauen gegenüber Obrigkeiten, das auch nach 1989 nie wirklich verschwand und nun in der Migrations-Politik erneut entflammt.

Gerade im Westen herrscht kaum Verständnis gegenüber dem Protest, der seit längerem vor allem aus Sachsen kommt. Ich habe verschiedentlich schon darauf hingewiesen: Wenn Proteste im Stile von „Mit denen rede ich nicht!“ nur abgekanzelt werden, begeht eine Demokratie langfristig grobe Fehler. Der Wahrheitsgehalt, der in ernsthaften Protesten steckt, wird fatalerweise dann nicht zur Kenntnis genommen.

Erfahrungen aus der sozialen Gruppentherapie

Ein Experte für ostdeutsche Befindlichkeiten ist der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz aus Halle. Nach den ausländerfeindlichen Vorfällen in Chemnitz verteidigt der 75-Jährige den Osten und warnt davor, die Sachsen pauschal zu verurteilen und in die rechte Ecke zu stellen. Viele Menschen fühlten sich falsch eingeschätzt. Maaz verweist dabei auf Erfahrungen aus der sozialen Gruppentherapie: Wenn Menschen zusammen seien, sagt er, gebe es immer Anführer, Mitläufer und Außenseiter, so genannte Omegas. Diese würden von den anderen beschimpft, bedrängt oder — wenn möglich — ausgegrenzt. Und zwar deshalb, weil der Außenseiter immer etwas verkörpere, was die anderen, die Mehrheit, nicht wissen wolle. Ein Omega würde nicht als Qualitätsindikator, sondern als Störfaktor angesehen. Nicht selten rutsche dann nach kurzen kathartischen Episoden ein anderes Gruppenmitglied in diese Position, und das Spiel beginne von vorn. Maaz wörtlich: „Die Verleugnung einer schwierigen Wahrheit ist aber für die Entwicklung einer Gruppe wie auch der Gesellschaft hochproblematisch, weil dann bittere Realitäten nicht gesehen und damit auch nicht mehr hilfreich angepackt werden können“ (Leipziger Volkszeitung vom 05.09.2018 — http://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Die-Kritiker-der-Sachsen-gehoeren-auf-die-Couch).

Auch andere Psychologen und politische Beobachter verweisen darauf, dass hinter Feindbildern wie „Flüchtlinge“, „Asylanten“ und Schlagwörtern wie „Überfremdung“ und „Islamisierung“ Ersatzthemen lägen, in denen existenzielle Themen verborgen seien, deren Tragweite erkannt und analysiert werden müsse. Im Kern dieser Themen steckten nämlich Befindlichkeiten realer Bedrohung, ein Überschuss vor allem von Angst.

Aber – wohin mit dieser Bedrohung, wohin mit der Angst?

Unsere Gesellschaft stellt faktisch keine Orte zur Verfügung, an denen solche Energien unmittelbar, zunächst ganz und gar unpolitisch, also gerade nicht im Spiel von Demonstration und Gegendemonstration, erwünscht wären. So drängt sich die Frage auf, ob eine Demokratie ihre Anhänger nicht nur formal und äußerlich, sondern vor allem und zuerst innerlich demokratisieren müsste, wenn sie wirklich Volkes Stimme repräsentieren will. Äußere Demokratisierung ist keine Kunst. Die ist den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und nach 1989 im Grunde zweimal in die Wiege gelegt worden. Innere Demokratisierung aber wäre ein innerseelischer Prozess, der Fehlentwicklungen, Verstrickungen, enttäuschte Hoffnungen, insbesondere in Ostdeutschland, als legitim, ja not-wendig zur Sprache kommen ließe.

Den inneren Fremdheiten, der Entfremdung vom eigenen persönlichen und natürlichen Leben, der Leere und Unbarmherzigkeit des Lebens müsste nachgegangen werden. Das gehört zur Demokratisierung dazu. Aber so scharfsinnig dies erkannt sein mag, so dringlich wäre es, die Konsequenzen zu erörtern. Und da eine Rückkehr zu vormodernen Identitätsmustern und alten Sicherheiten ausgeschlossen ist, stellt sich die Frage: Woher können neue kommen?

Wir beherrschen die Realität, …

In dieser dramatisch-unübersichtlichen, kollektiven Frontstellung herrscht nicht erst seit Chemnitz initiativlose Windstille. Denn mit der Bekanntgabe politischer Demarkationslinien und der Feststellung unüberwindbarer Gräben scheint es Meinungsführern fürs erste getan zu sein. Der bei weitem größere Aufwand aber wird noch zu leisten sein, um die Frontstellungen wieder zu lockern und die Hintergründe der Angst ganzer Bevölkerungsschichten ehrlicherweise hervorzubringen, zu benennen und anzuschauen. Wer die aggressiven, dann wieder frustrierten oder gleichgültigen Reaktionen der Bürger erlebt, fragt sich mit Recht, wie dieser gewaltigen Protest- und Abschottungstendenz überhaupt begegnet werden kann.

So problematisch es klingen mag: Eine moralische Front gegen alles rechts der CDU würde lediglich ein „Wir gut, ihr schlecht“ transportieren und die Gräben zwischen Rechts und Links, Ost und West nur weiter vertiefen. Im Grunde ist dies längst passiert. Viele fühlen sich in ihrem Protest, in ihren Ängsten schon lange abgehängt. Hinter dem Sammelsurium an Protestinhalten ist eine Irrationalität am Werk, die viele Gründe hat und durch politische Etikettierungen nicht gelüftet wird.

… sind aber hilflos im Umgang mit der Wirklichkeit.

Die Entwicklungs- und Bewältigungskosten einer inneren Demokratisierung aber will so gut wie keiner übernehmen. Für die Parteien gehören sie nicht mehr zum Teil ihrer politischen Analyse und Rezeptur. Die Gewerkschaften vertreten Parteiinteressen. Der Sport kann soziale und psychische Belastungen nur bedingt auffangen und umlenken, nicht aber lösen. Bleiben Sozialverbände und Kirchen. Aber auch hier werden oft mehr Fronten erhoben als abgebaut. In Stellungnahmen geht es um klare Grenzziehungen im Sinne der Demokratie. Man bleibt bekenntnishaft unter sich. Das ist in Ordnung, aber bei weitem zu wenig.

Wer baut den Enttäuschten eine Klagemauer?

Wo also bieten sich niederschwellige Orte gewaltfreier, lautstarker Auseinandersetzung? Orte, an denen geschimpft, Wut herausgelassen, Angst und Enttäuschung artikuliert werden können, ohne gleich Lösungen parat zu haben? Wo Menschen jammern und sich auf Augenhöhe ihr Leid klagen dürfen? Oder anders gefragt: Wo kann ich lernen, Empathie zu entwickeln für den, den ich nicht mag, um mir einen Moment lang die Welt mit seinen Augen anzusehen? Wer kann mir Mut machen, mich in die Höhle des Anderen zu begeben?

Ich vermisse Zivilcourage, die nötig ist, nicht nur um Grenzen zu setzen, sondern ebenso zu erforschen, wo und wie ich sie mit dem Anderen auch wieder überwinden kann. Ich wünsche mir Politiker, übrigens auch Bischöfe, die vor Wahlsonntagen nicht nur sagen, was Demokraten dürfen oder nicht, sondern die auch Verständigungsfährten legen, um mit Wutbürgern und Populisten in streitbare Gespräche zu kommen.

Wer sich abgestempelt fühlt und ausgeschlossen, wird sich darum bemühen, die Mauer zwischen sich und dem Rest der Welt noch höherzuziehen. Das aber machte die Spaltung perfekt. Nichts Anderes beflügelt im Moment die AfD.

19:21 13.09.2018
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LUDGER VERST | Lehrer | Berater | Publizist | Inhaber von INTERFAITH - Labor für soziale Kommunikation, Frankfurt/Dreieich
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