Die Schande Afrikas

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Die Globalisierung ist eine grosse, alles gleichmachende Dampfwalze.Eigentlich sollte man annehmen, die mit Händen greifbare Nähe von derartig disparaten Lebenswelten, hätte selbst noch den chauvinistischsten belgischen Sportreporter sensibilisieren müssen für das globale Grossereignis FIFA-Weltmeisterschaft.Wie Raumschiffe liegen die von Stararchitekten gebauten Arenen im afrikanischen Sand und drum herum hat das Übergangsregime FIFA die Herrschaft übernommen.Immerhin soweit mussten die krisengeplagten Afrikaner nicht umdenken.Ihre Repräsentanten auf dem Rasen allerdings machten zumeist einen stark verängstigten Eindruck.Wer dem Kameruner Aussenverteidiger Stéphane Mbia bei seinem Versuch Fussball zu spielen gegen Japan zugesehen hat, den ergriff eine gewisse Trauer.Eine minimalste Fähigkeit zur Empathie und Assoziationsvermögen vorausgesetzt.Die Kommentatoren, allen voran wieder der fabelhafte Günter Netzer, haben natürlich wieder alle Erklärungen zur Hand, die man in solchen Situationen kennt.Es mangelt diesen Menschen einfach an der Einstellung, der Afrikaner als solcher hat einfach nicht die richtige Mentalität.Ausserdem sind die meisten afrikanischen Mannschaften zur Zeit nicht gut genug, in den Verbänden herrscht das Chaos und da ist das ja kein Wunder.

So wenig man den Fussballkennern Ihren Spass an sportrelevanten Erklärungsmustern nehmen mag, so irritierend wird es, wenn mittlerweile zwar der ein oder andere aussersportliche Grund eingeflochten , aber in den seltensten Fällen zu Ende gedacht wird.So gehört es mittlerweile zwar zum guten Ton in gönnerhafter Weise auch mal einzustreuen, dass die meisten afrikanischen Fussballer die soziale Verantwortung für eine Vielzahl von anderen Menschen mittragen müssen.Aber es ist durchaus möglich sich über die vollkommen indiskutable Leistung der nigerianischen Nationalmannschaft zu echauffieren und gleichzeitig bei der Liveschaltung nach Lagos ganz nonchalant einzustreuen, dass den vom Platz gestellten Mittelfeldspieler Sani Kaita kein guter Empfang zu Hause erwarte und auch sein Heimatdorf nicht mit Blumen zu rechnen habe.Auch das vielzitierte Chaos in den Verbänden, für welches die Korruption verantwortlich gemacht wird, existiert natürlich zu grossen Teilen auch, weil es für den Wohlstand in ganzen Gemeinden grundlegend sein kann, ob der ein oder andere Spieler in den Kader seines Nationalteams berufen wird.Auch während des Turniers kann das Auflaufen eines alternden Stars noch einmal den letzten grossen Vertrag im arabischen Golf bedeuten, während das junge Talent auf der Bank auf seine 10 Minuten Ruhm und den ersten grossen Vertrag seines Lebens wartet.

Das ist natürlich auch alles sportlich bewertbar und es besteht für den geneigten Sportreporter auch ein Interesse daran alle Mannschaften an den gleichen Maßstäben zu messen.Aber natürlich ist es nicht dasselbe, ob ein kamerunisches oder ein holländisches Talent auf der Bank sitzen bleibt.Es ist auch nicht dasselbe, ob man als Trainer Kritik für die Bevorzugung von Spielern einer Vereinsmannschaft einstecken muss oder es immer wieder rumort, weil man bei einem Vielvölkerstaat wie Nigeria eine unausgesprochene Quote nach Stämmen erfüllen muss.Die Grosszahl der Spieler, die in den Kadern der afrikanischen Mannschaften stehen, mussten um soweit zu kommen eine mentale Stärke beweisen, die man natürlich auch mit der eines Kindes aus armen Verhältnissen in Europa vergleichen kann .Aber man weiss natürlich, dass sie nicht vergleichbar ist.

Jetzt kehren sie auf Ihren Kontinent zurück und sollen diesen Stolz machen.Sie sollen das Gefühl der Minderwertigkeit wenigstens für 90 Minuten auch bei Ihren afrikanischen Fans vertreiben.Scheitern sie, dann ist es wieder nur eine Bestätigung für die afrikanische Krankheit.Lukas Podolski, das Einwandererkind polnischer Eltern hatte natürlich auch Druck nicht sportlicher Natur, als er antrat zu seinem Elfmeter.Auch Miroslav Klose, der Sohn eines Aussiedlers aus Schlesien weiss, dass ein Platzverweis für ihn auch nicht sportliche Kritik zur Folge hat.Der deutsche Fan muss darüber nicht allzu ernsthaft nachdenken, weil sich die Konsequenzen für die beiden doch in Grenzen halten.Aber es schadet ihm auch nicht,wenn er in einem stillen Moment auch da mal mitfühlt.

Was dem Ghanaer Asamoah Gyan während der Ausführung seiner beiden sicher verwandelten Elfmeter durch den Kopf gegangen sein mag, wäre sehr wahrscheinlich Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm.Es reicht natürlich zu sagen, er hat Nervenstärke bewiesen, aber es schadet der Zivilität unserer Gesellschaft nicht, wenn selbst der mit Fachwissen munitionierteste Nerd für einen Moment die mentale Stärke dieses jungen Mannes bewundert.Auch weil man zumindest ahnt, dass man gerade etwas Aussergewöhnliches gesehen hat.

20:38 19.06.2010
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Geschrieben von

Lydia Esche

Wo jetzt doch wieder Mittelalter ist, kann man dann auch wieder Leumund von Beruf werden?
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