Ein Wandel der Mentalität ist in der Schweiz nur geologisch denkbar,

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sagte Friedrich Dürrenmatt einmal in einem Interview. Ich muss an diesen Satz immer mal denken, aber gerade in der sehr sonderbaren Wahlnachlese ist er mir wieder einmal besonders schlüssig erschienen.

Guido Westerwelle und seine FDP hätten die Wahl ganz gegen den Zeitgeist gewonnen, es sei einfach unerklärlich warum eine Partei, die derartig im Denken verstrickt ist, welches uns in die Krise geführt hat, als Sieger aus dieser hervorginge, war überall zu lesen. Natürlich denken und schreiben die Leute, dass ab jetzt Verteilungskämpfe anstehen und sich viele Menschen der eingebildeten und "echten" Leistungselite auf die Seite der Klientelpartei Ihrer Einkommensschicht stellen. Auch die demagogischen Fähigkeiten und das schauspielerische Talent von Westerwelle werden als Erklärung herangeführt und in der Tat scheinen viele ihm die Erzählungen über die alleinerziehende Kassiererin für die sich Leistung auch wieder lohnen soll abgenommen zu haben, was auch die Stimmen aus anderen Bevölkerungskreisen ausser den üblichen erklärt.

Aber man muss doch die Kirche einmal im Dorf lassen und der FDP nicht alle Kränze für diesen Sieg flechten.Während des Bildersturms an der Oberläche bleibt die Tektonik starr. Die nun schon Jahrzehnte andauernde Ökonomisierung unserer Welt, als Neoliberalistisches Zeitalter in unsere Geschichtsbücher eingegangen, ist an ihr natürliches Ende geraten. Aber wir sind doch schon längst alle von der Denkweise dieser Zeit durchdrungen. Man kann doch die Menschen nicht jahrelang indoktrinieren und dann auf einmal das Ende dieser Religion ausrufen. Der SPD-Politiker Gernot Erler sprach bei seiner Wahlanalyse vom Markenkern der SPD, den es wieder zu stärken gelte, an den Universitäten schreiben Professoren, auf Ihre Sitzungsprotokolle in den Gremien, man müsse die Corporate Identity der Hochschule stärken, die Bundeskanzlerin hat sich bei Treffen mit Wirtschaftsvertretern wiederholt über die Langsamkeiten des demokratischen Prozesses beklagt und den Bossen zu Ihren Befugnissen gratuliert.

Eine solche Weltsicht verschwindet doch nicht über Nacht, längst ist sie doch bis in die letzten Winkel unseres Gemeinwesens vorgedrungen.Für was waren die Menschen denn in Ihren Seminaren, haben sich trimmen lassen und haben dann andere getrimmt?Da ist eine immense spirituelle Lehre entstanden, wie am Ende eines jeden Zeitalters. Man hängt eben immer noch an den alten Ritualen und Insignien. Da kann über den Bildschirm flimmern was will, die Platten haben gerade erst angefangen sich zu verschieben.

00:00 16.10.2009
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Geschrieben von

Lydia Esche

Wo jetzt doch wieder Mittelalter ist, kann man dann auch wieder Leumund von Beruf werden?
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