Obama, der kalte Krieger

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Eine der wirkungsvollsten Argumentationen in Barack Obamas Kampagne wider John McCain war der dezente Hinweis, dass man nicht mit den Strategien von gestern die Welt von morgen gestalten könne.Obama, der Repräsentant einer neuen Generation, die unvoreingenommen auf die multipolare Welt von heute blickt.Das hat nachhaltig verfangen und so war die Euphorie im Land,aber auch ausserhalb gross.Auch als er in Prag seine Rede über eine atomwaffenfreie Welt hielt.Amerika sei als einziges Land, das jemals von der Atomwaffe Gebrauch gemacht habe, in einer moralischen Verantwortung in dieser Frage.Nun steht die Tage der Hiroshima Tag ins Haus, es ist der 65.Jahrestag des Abwurfs von "Little Boy" auf die Stadt.Der südkoreanische Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon wird als erster Generalsekretär an der Zeremonie teilnehmen und damit bekommt die Veranstaltung eine poltische Brisanz, die auch durch die Meldung verstärkt wird, dass mit dem amerikanischen Botschafter in Japan John Roos, zum ersten Mal ein offizieller Repräsentant der Vereinigten Staaten zugegen sein wird.

Es gibt für diesen eine öffentliche Sprachregelung, die einen nicht erstaunt.Er nehme an der Zeremonie teil, um allen Opfern des 2.Weltkriegs zu gedenken.Das ist natürlich die diplomatische Sprachregelung, um die asiatischen Nachbarn Japans nicht zu verärgern.In Europa, namentlich in der Normandie und in Moskau wurde nun schon 2004 und 2005 einträchtig der Opfer gedacht.Die Siegermächte hatten Gerhard Schröder, als Repräsentanten des wiedervereinigten Deutschlands, zu den Zeremonien geladen, auch um das Ende des kalten Krieges zu besiegeln.

Von diesem Ende kann in Asien naturgemäß noch keine Rede sein.Die koreanische Halbinsel ist immer noch geteilt und das kommunistische Nordkorea bedroht seine Nachbarn mit einer Atombombe.Die Staaten Ostasiens sind auch weit von einer asiatischen Integration nach dem Muster Europas entfernt, obgleich es dazu immer mal wieder zaghafte Initiativen gibt.Das liegt natürlich auch am Umgang Japans mit seiner Kolonial-und Kriegsgeschichte.Vom Schicksal der "Trostfrauen", über die Verbrechen der Einheit 371, bis hin zum Massaker von Nanking und den Besetzungen Taiwans, Koreas und der Mandschurei.Die offizielle japanische Seite lässt es bis heute an Eindeutigkeit vermissen.Dementsprechend belastet bleibt das Verhältnis des Landes zu seinen Nachbarn.

Durch die immer noch bestehende koreanische Teilung und die Bedrohung der Region durch Nordkorea bleibt Japan ein wichtiger Bündnispartner der USA.Dieses Brückenkopfdasein macht Japan bis heute, auch durch die Verschiebung der amerikanischen Interessen weg von Europa hin zu Ostasien und seinen aufstrebenden Wirtschaftsmächten China und Indien, zu einem Land von ausserordentlicher geopolitischer Bedeutung für Amerika.Das zeigte sich zuletzt erst wieder Anfang Juni, als der erst 9 Monate zuvor gewählte Premierminister Japans Yukio Hatoyama auch über sein nicht gehaltenes Versprechen stürzte die Militärbasis der Amerikaner auf Okinawa verlegen zu lassen.

Die japanisch-amerikanische Partnerschaft bleibt jenseits aller wirtschaftlichen und gesellschatlichen Verzahnung auch eine Partnerschaft des Schutzes.Nun will es die Ironie der Geschichte allerdings, dass die Amerikaner ihren Schützling auch vor einer Bedrohung beschützen wollen, über die sie als einzige aus Tätersicht etwas wissen.Sie haben unter Barack Obama nun auch Schritte unternommen die letzten Reste der Abschreckungsdoktrin abzulegen und wissen von ihrer moralischen Verantwortung in dieser Frage.Da fragt sich doch so mancher, warum dann nicht auch endlich ausgesprochen wird, was sowieso kein vernünftiger Mensch abstreiten würde.

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben mit dem Abwurf der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9.August 1945 einen Fehler begangen, der sich nie wiederholen darf.Amerika entschuldigt sich dafür in aller Form beim japanischen Volk.Es gab und gibt japanische Kreise, die eine solche Erklärung für sich nutzen würden.Dieselben Kreise haben allerdings auch schon das Ausbleiben dieser Erklärung für sich genutzt.Die asiatischen Nachbarn werden auch weiterhin darauf drängen, dass Japan sich endlich unzweideutig zu seinen Verbrechen bekennt.Sie wissen aber auch jetzt schon, dass die Atombombenabwürfe nicht zu rechtfertigen waren.Die japanischen Opferverbände haben in diesem Jahr bekundet, dass sie bei der derzeitigen innenpolitischen Gemengelage in den USA nicht mit einer Entschuldigung rechnen.Das ist nicht nur rhetorisch geschickt, es drückt auch ein Dilemma aus, dass der Präsident auch versprach zu beheben.Über das Ergebnis der Abwägung zwischen dem Wunsch nach Anerkennung durch die Opfer und der Angst vor Vorwürfen durch die Opposition,kann sich ja wiederum jeder so sein Bild machen über den aktuellen Zustand des runderneuerten Amerika.

Es mag eine Vielzahl von strategischen, rechtlichen und politischen Gründen geben, die eine Entschuldigung auch 65 Jahre nach diesen verheerenden Tagen der Menschheitsgeschichte für die USA unmöglich machen.Aber zumindest der unermüdliche Beschwörer der Empathie und des Wandels muss doch ein bisschen vor dem eigenen Spiegelbild erschrecken, dass den Verteidiger der Staatsdoktrin vom notwendigen Einsatz der Bombe zeigt, die doch schon lange historisch überholt ist und moralisch verkommen bleibt.

(Foto: Kazuhiro Nogi/AFP/Getty Images)

08:50 03.08.2010
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Geschrieben von

Lydia Esche

Wo jetzt doch wieder Mittelalter ist, kann man dann auch wieder Leumund von Beruf werden?
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