Was kann man, soll man erwarten von Satire im Februar 2010?

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Da hilft auch nach 30 Jahren immer noch ein Blick in die Titanic.Sie begrüsst uns diesen Monat mit einem Bin Laden-Scherz.Der hatte sich ja gerade erst zum versuchten Terroranschlag des nigerianischen Unterhosenbombers an Weihnachten bekannt, was Jon Stewart dazu veranlasste zu fragen, ob Bin Laden an Prokrastination leide.Die neuen Fahndungsfotos des FBI jedenfalls zeigen das Racial Profiling in seiner ganzen Pracht.Von Sesamstrassen-Bert bis Lindenstrassen-Harry.Ein schöner Nonsensetitel,dem einige Textbeiträge zur Terrorproblematik folgen.Ein Pro und Contra zum bevorstehenden Verbot von Unterwäsche, eine Seite über die neue Gefahr der "Terrorneger" und das Foto des Tages,welches die Zukunft des Nacktscanners beschreibt.Den Beiträgen ist gemein, dass sie die Thematik des Titelbildes etwas überstrapazieren. Zumindest bei mir ist das komische Potenzial des Kampfes gegen den Terror schon vor einigen Jahren erschöpft worden.Aber gut, die Nachrichtenlage legte es nahe.

Auch naheliegend war der Startcartoon über Haiti.Einen Vertreter für Wackeldackel als Erdbebenfrühwarnsystem, das ist allerdings überraschend und amüsiert, auch weil die Realität zwischen Medienzentrum mit eisgekühlter Cola und verwesenden Leichen auf der Strasse schwerlich in ihrer ganzen Absurdität eingefangen werden kann. Für Dirk Niebel waren die Bilder ein ziemlicher Downer am Frühstückstisch, verrät uns eine Kampagnenanzeige seines Ministeriums.Damit ist man auch schon im Herzen der satirischen Finsternis angelangt: dem Personal der neuen Bundesregierung.Der Fotoroman diesen Monat versucht den Aberwitz, den uns diese Belegschaft Woche für Woche liefert, anhand eines nicht minder idiotischen Plots näherzubringen:James Camerons Avatar.Das ist einigermassen verwirrend und hat seine humoristischen Höhepunkte in einigen Namen, wie dem Colonel Gurkenberg oder der verrückten Wissenschaftlerin Merkelstine.Höchstens Ministerin Köhler, die Erdbeeren extremst lecker findet, weiss noch zu gefallen.

Schon auf ganz anderem Niveau ist da die Walserpersiflage "Im Schatten junger Besenblüte" über die unverwüstliche Birgit Homburger. Ein ziemliches Juwel ist da Stefan Gärtner gelungen, der in einer Huldigung an den Durchschnitt, die Liebe zu Birgit besingt.Ohne denunziatorisch oder herablassend zu werden, zeigt er hier wie man Bräsigkeit und Langeweile als Humorist für statt gegen sich arbeiten lassen kann.Das letzte Mal habe ich derartig Gelungenes bei Ingvar Ambjörnsen in der Figur des Elling und seiner Schwärmerei für die norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland gelesen.

Ein weiteres Highlight der Ausgabe ist Gerhard Henschels kongeniale Reaktion auf die Resozialisierung von Helmut Kohl durch einige Medien im Zuge der Wiedervereinigungsfeierlichkeiten.Er berichtet von der Entdeckung der Grabkammer des Altkanzlers und den beschwerlichen Grabungsarbeiten durch Berge von Lebensmitteln.Als man endlich die versiegelte Feuerschutztür aufwuchtet, erblickt man das Inventar der geistig moralischen Wende.Die ewig andauernde Aufzählung von Markenartikeln wird nur unterbrochen durch die Spuren von Leben, die den schrecklichen Verdacht nähren, der Kanzler der Einheit könne als Untoter noch einmal auf den Thron zurückkehren.Das erinnert an den schönen Schmidteinander-Gag von der Beisetzung des Onkel Ludwig bei Diese Drombuschs, wo die Trauergemeinde statt Erde Sahnetorten ins Grab schaufelt.In jedem Fall ein gelungenes Stück wider die Verklärung.Desweitern erwarten den Leser diesen Monat unter anderem ein Malwettbewerb für Kinder über die Finanzkrise, neueste Erkenntnisse über das vielfältige Einsatzgebiet von Neuroenhancern und ein schöner Fragebogen über den Einsatz in Afghanistan.

Also, was kann, was soll man erwarten von Satire im Februar 2010?Dasselbe was man immer erwartet hat: einmal feucht durchzuwischen und auch in den übelriechenden Ecken noch die Reste wegzukratzen.Dabei benutzt man auch weiterhin alle Gerätschaften.Sicherlich entspricht es einer Zeitmarotte sich oft eher auf die Art der Berichterstattung als auf die tatsächliche Beschaffenheit der Dinge selbst zu fokussieren.Eine Problematik, die der Fussballreporter Günther Koch einmal mit dem Erwerb der Rechte an den Interviews nach Spielende erklärt hat.Das führe zwangsläufig zur Akzenzverschiebung weg vom Spiel, hin zum Gerede über das Spiel.Jetzt bleibt es auch bei der Satire immer noch die Aufgabe das Spiel weiterhin sichtbar werden zu lassen.

18:14 30.01.2010
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Geschrieben von

Lydia Esche

Wo jetzt doch wieder Mittelalter ist, kann man dann auch wieder Leumund von Beruf werden?
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