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RE: Ratings - Sie sind gut gemeint, und doch wirken sie böse | 18.01.2012 | 13:18

Ein Rating ist sicherlich kein Hexenwerk, aber eine reine Berechnungsvorschrift ist es auch nicht. Dann bräuchte man darüber auch gar nicht zu streiten. Jeder könnte es nachrechnen und die Diskussion um Unabhängigkeit bräuchte nicht weiter geführt zu werden. Ins Rating fließt doch eine Bewertung mit ein und damit eine Subjektivität, die sich beispielsweise auch in dem Zeitpunkt der Veröffentlichung neuer Ratings ausdrückt.

Die Frage ist also, wie die Unabhängigkeit der Rating-Agentur sichergestellt wird. Hier ist das aktuelle Modell der privatwirtschaftlichen Finanzierung vielleicht besser als das Beispiel von der bewerteten Versicherung. Die Versicherung wird vermutlich für ihr Rating bezahlt haben und man kann über ein Gefälligkeitsgutachten unken. Dagegen hat der jeweilige Staat vermutlich nicht dafür bezahlt. Wobei die Frage ist, wer bezahlt eigentlich für die Ratings der Staaten? Wenn das die Kreditgeber sind, wäre es i.O., da die an einer möglichst objektiven Risikoeinschätzung interessiert sein sollten (es sein denn, man unterstellt, dass die Kreditgeber in eine bestimmte Richtung manipulieren wollen). Oder sind die öffentlich gemachten Ratings eine freiwillige Leistung der Agenturen?

RE: Ratings - Sie sind gut gemeint, und doch wirken sie böse | 17.01.2012 | 18:47

Ich möchte den Gedanken weiterverfolgen, dass Rating-Agenturen sich nicht mehr privat bei Schuldnern/Kreditoren finanzieren sollen. Der Nachteil dieses Systems ist ja schön erläutert hier. Was wäre die Alternative? Mir fällt vor allem eine gemeinnützige Finanzierung oder eine Trägerschaft durch Staaten oder Staatenverbände ein. Wäre nicht in einem solchen System die Abhängigkeit der Agenturen von ihren „Brötchengebern“ noch viel höher als in dem Fall der privatwirtschaftlichen Finanzierung? Die Agenturen sehen sich doch derzeit schon einem massiven Druck aus der Politik ausgesetzt, wenn sie die Kreditwürdigkeit eines Staates abwerten, selbst wenn das gerechtfertigt ist. Derzeit gibt es als Gegengewicht zur privaten Finanzierung die Glaubwürdigkeit der Agenturen. Wenn Willkür regiert oder Gefälligkeitsgutachten gemacht werden, wird die Glaubwürdigkeit leiden und die entsprechende Agentur ist aus dem Spiel. Ein solches Gegengewicht würde bei einer wie auch immer gearteten staatlichen Finanzierung fehlen.

Der Einfluss des Ratings ist sicherlich zu überdenken. Hier besteht die Gefahr der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Durch eine schlechte (im Sinne von falschen) Bewertung wird die Finanzierungsstruktur eines an sich gesunden Landes möglicherweise so auf den Kopf gestellt, dass es als Folge der Bewertung tatsächlich auch dort landet und die Agentur mit ihrer vorausschauenden Weisheit glänzt. Das Instrumentarium so etwas zu verhindern haben die Staaten aber weitgehend selbst in der Hand. Neben der Gesetzgebung ist die gelassene Reaktion auf die aktuelle Herabstufung einiger EU-Länder und des ESFS ist ein weiteres Beispiel dafür, dass das System funktionieren kann.