Flaschen sammeln verboten

Bahnhofslogik Ordnungswahn, Machtgefühl oder Untertantentum? Logisch ist es jedenfalls nicht, das Sammeln von Pfandflaschen zu verbieten.
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Ich stehe vor dem Eingang zum Bahnhof, bin ein wenig zu früh dran, und warte auf den Zug, der natürlich auch noch ein wenig Verspätung hat.
Ich will hier eigentlich nur meine Frau abholen.

Neben mir an der Mülltonne entwickelt sich eine Diskussion zwischen einem Angestellten der Deutschen Bahn, schön uniformiert mit Mützchen, wie sich das gehört, und einem Mann mit Plastiktüte.
Ich bekomme lange Ohren und wirklich, wie ich vermutet hatte, handelt es sich um einen Flaschensammler, den der Bahnangestellte davon abhalten will, in der Mülltonne nach Pfandflaschen zu suchen.

Ich gehe etwas näher ran, lange Ohren sehen ab einer bestimmten Länge einfach nicht mehr gut aus.
„Das ist verboten!“
„Nein, die Polizei hat mir gesagt, ich darf das!“
„Aber ich sage, es ist verboten!“

So geht es ein paar Mal hin und her inklusive einer telefonischen Rückfrage des blau Uniformierten bei irgendjemand. Dann kann ich mich nicht mehr zurückhalten, gehe noch einen Schritt näher und frage:
„Warum darf er denn die Flaschen nicht mitnehmen? Sie wurden doch weggeworfen, sind also Müll.“
„Weil es verboten ist.“
„Ja, schon, aber warum ist es verboten?’“
„Weil das so in der Hausordnung steht.“

Aha, Logik scheint entweder nicht sein, oder nicht mein Ding zu sein.
„Aber es muss doch einen Grund haben, warum in der Hausordnung steht, dass es verboten ist. Ist doch auch umweltfreundlicher, die Pfandflaschen nicht einfach wegzuschmeißen. Also: Warum ist es nun verboten?“
Das kleine Wörtchen „warum“ bringt manche Menschen zur Weißglut. Kurz bevor er explodiert, schaltet der Bahnangestellte noch mal auf Kommunikation:
„Was würden Sie denn sagen, wenn bei Ihnen zu Hause jemand Dinge aus der Mülltonne nimmt’?“
„Ja, nichts, das habe ich doch weggeworfen – wenn es ein anderer brauchen kann, umso besser.“ Ich vergesse zu sagen, dass sich in meiner Mülltonne allerdings keine Pfandflaschen befinden.

Jetzt weiß er endgültig nicht mehr weiter: „Aber hier ist es verboten!“
„Das habe ich inzwischen verstanden. Aber würden Sie mir bitte erklären, aus welchem Grund es verboten ist?“ So langsam macht die Sache Spaß.
„Es steht so in der Hausordnung. Wenn Sie mich weiter belästigen, erteile ich Ihnen Hausverbot für den ganzen Bahnhof!“
Das wäre natürlich sehr schade, aber dann warte ich eben drei Schritte weiter hinten.

„Ich belästige Sie? Aber warum denn? Ich will doch nur wissen, warum es verboten ist, Pfandflaschen aus der Mülltonne mitzunehmen. Wollen Sie mir das nicht erklären – oder können Sie es etwa nicht?“
Jetzt habe ich ihn getroffen. Klar ist er fähig, mir das zu erklären. „Ich habe einen so hohen Schulabschluss, da können Sie niemals mithalten!“
Das war nun allerdings nicht die Antwort, die ich mir erhofft hatte. Aber ich will ja höflich sein und auf ihn eingehen. „Ach so“, sage ich. „Ja dann. Und welchen Abschluss haben Sie nun?“
„Das sage ich Ihnen nicht, sagen Sie mir doch Ihren.“ Ich fühle mich an meine Zeiten im Sandkasten erinnert, aber gut, er hat es nicht anders gewollt.“
„Magister Artium, Universität München und Tübingen.“

Es herrscht Stille. Aber nur ganz kurz.
„Da sieht man ja, was Ihre Ausbildung taugt, dass Sie nicht Besseres zu tun haben, als hier am Bahnhof rumzustehen.“
Jetzt hat er mich aber doch überrascht, mit seiner Logik.
Ich will doch nur meine Frau abholen – aber das sage ich ihm jetzt nicht, sonst erzählt er mir am Ende noch, meine minderwertige Schulausbildung wäre schuld daran, dass ich keinen Mann abgekriegt habe.

Der Flaschensammler ist inzwischen weitergegangen, der Bahnangestellte droht mir erneut mit Hausverbot und telefoniert. Ich denke, jetzt wird es gleich spannend und sie schleppen mich zwei Meter weiter, runter vom Bahnhofsgelände – da geht er einfach weg, immer noch das Telefon am Ohr.

Eigentlich hätte ich jetzt selbst die Flaschen aus der Mülltonne nehmen sollen – aber die hatte ich mittlerweile vergessen. Schade, wer weiß, was sich da noch entwickelt hätte.

12:36 16.08.2015
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Geschrieben von

mabra

Das Leben ist ungerecht, aber es hat seine Momente!
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mabra

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