Wir schaffen das!

Asyl ist Menschenrecht Obergrenzen und Kontingente sind keine ethisch vertretbaren Strategien
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Dieses Wort, das Angela Merkel im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise – es handelt sich tatsächlich um eine Krise, allerdings nicht wegen, sondern für die Geflüchteten – geprägt hat, begleitet uns nun schon seit Monaten. Und sobald es Schwierigkeiten gibt, wird es gerne angeführt und kritisiert, bestenfalls noch als Eigenüberschätzung einer Bundeskanzlerin. Es wird genutzt, um eine Bundeskanzlerin und ihre Politik zu demontieren, die angeblich zu viele Flüchtlinge aufnehmen will. Spätestens nach den Kölner Ereignissen sind wir wieder an diesem Punkt angelangt.

Dabei ist Angela Merkel keinesfalls eine falsche Wahrnehmung in dem, was wir schaffen können anzulasten, sondern ihr kann und muss vorgeworfen werden, dass sie mit diesem Wort den Gedanken in die Welt gesetzt hat, dass wir die Wahl hätten, etwas zu schaffen oder eben nicht. Dass wir das Recht hätten, über Leben zu entscheiden, zu entscheiden, welche Menschen den Anspruch haben, von uns gerettet zu werden, und welche dessen nicht würdig sind. Die Aussage „Wir schaffen das“ impliziert eine Freiwilligkeit, Menschen Schutz zu gewähren, Leben zu retten oder eben nicht – und dies steht nun ganz offiziell als Aussage über unsere christlichen und westlichen Werte.

Nicht Wir schaffen das!, sondern Wie schaffen wir das?, muss es in Wahrheit heißen. Denn wenn Menschen vor politischer Verfolgung, vor Hunger, vor Krieg, vor den Auswirkungen der Klimaveränderung, weil sie Menschen des falschen Geschlechts lieben und was es noch alles für Gründe gibt, Leuten das Leben schwer zu machen oder es ihnen gar zu nehmen, fliehen, dann haben wir kein Recht sie abzuweisen und zurück in ihre verzweifelte Lage zu schicken. Dann haben wir kein Recht, Obergrenzen oder, diplomatischer ausgedrückt, Kontingente zu schaffen. Dann haben wir die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ihnen zu helfen und sie aufzunehmen. Erst recht, wenn wir uns Christen schimpfen oder christliche Werte für uns in Anspruch nehmen.

Das muss die Kritik an der Bundeskanzlerin sein. Nicht dass sie zu vielen helfen will, sondern dass sie vermittelt, wir könnten uns aussuchen, ob wir für die, die Hilfe brauchen, bereitstehen oder nicht. Aber das können wir nicht. Nicht, wenn wir Menschen sein wollen und uns menschlichen Werten verpflichtet fühlen. Dann müssen wir umdenken. Dann kann es nicht mehr heißen Wir schaffen das!, sondern wir müssen uns endlich der dringenden Frage stellen: Wie schaffen wir das – wozu uns die Menschlichkeit verpflichtet?

17:34 10.01.2016
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Geschrieben von

mabra

Das Leben ist ungerecht, aber es hat seine Momente!
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mabra

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