Interview mit einem Rektor.

Andere Sichtweise(n) . Jedesmal nehmen wir fassungslos wahr, wieviele Menschen durch Amokläufe in den USA sterben. Und jedesmal fragen wir uns, welche Maßnahmen dagegen ergriffen werden.
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Heute ist ein friedlicher Tag in Springfield, Greene County, Missouri. Die Sonne scheint und ein leichter Wind säuselt durch die Blätter der Baumreihe an der Zufahrtsstraße. Wir besuchen die örtliche Grundschule ein Jahr nach Newtown. Nachdem der Metalldetektor am Zugang zum Gelände keinen Alarm ausgelöst hat, dürfen wir die stählerne Drehtür passieren. Erst jetzt hat man freie Sicht auf den Schulhof, der von außen nicht einsehbar ist. Er wurde als einer der ersten Maßnahmen nach dem Massaker von Newtown mit mittlerweile stark rostenden, 6mm starken Stahlplatten, eingefriedet. Der obere Rand ist in einer Höhe von ca. 2m um etwa 50cm und 45Grad nach außen gebogen. Gekrönt von einer Doppelreihe Stacheldraht. Es gab schon mal eine Initiative, die mit Farbeimer und Pinsel "bewaffnet" der eintönigen Oberfläche einen bunten Anstrich verpassen wollte. Nachdem aber bereits in der ersten Nacht Unbekannte mit ihren Graffitis diesem Ansinnen mehr oder weniger ihren Stempel aufdrückten, lies man alsbald von dieser Idee ab. So zeigt dieser Stahlblechverschlag eine gewisse Parallelität zur Berliner Mauer auf. Während es, wie geschildert, auf der Außenseite teilweise bunt zugeht, blieb die der Schule zugewandte Fläche, bis auf einige Aufkleber, unberührt.
Vorbei an zwei auf dem Dach montierten Überwachungskameras betreten wir jetzt das Gebäude. "Dieser Raum ist für einen Vertreter der NRA reserviert. Aber zur Zeit nicht besetzt, weil Personal fehlt. Deshalb teilen sich die Schulen abwechselnd eine Wache", begrüßt uns Rektor Skinner. "Das war das Zugeständnis, damit weiterhin automatische Waffen verkauft werden dürfen", konstatiere ich. "In welchem Rhythmus die Belegung erfolgt, wird geheim gehalten. Nur er als Schulrektor hat Kenntnis vom Einsatzplan. Damit der Eingangsbereich vom NRA Raum aus beobachtet werden kann, wurde nachträglich ein Teil der Wand heraus gebrochen und ein Fenster eingesetzt. Es wurde verspiegeltes Glas eingesetzt, so ist nicht zu erkennen, ob dieser Beobachtungsposten besetzt oder verwaist ist".

Mit dieser Ergänzung setzt er seine Begrüßung fort, als hätte er es auswendig gelernt und bemüht sich dabei, den Anschein einer nicht vorhandenen Notwendigkeit dafür zu verbreiten. Wir erreichen sein Büro. Nachdem wir an einem alten Tisch Platz genommen haben, fährt er fort.
"Zuerst wollten sie, daß wir auch alle Lehrer bewaffnen. Kurz bevor es dazu kam, ereignete sich ein weiterer Zwischenfall. Ein Schüler hatte es geschafft, eine Waffe in die Turnhalle zu schmuggeln und feuerte mitten im Unterricht auf Lehrer und Mitschüler. Von den Schüssen aufgeschreckt, stürmten mehrere Kollegen aus ihren Klassenzimmern. Bei dem Durcheinander traf eine Kugel den Hausmeister der Schule in den Kopf, als dieser sich auf dem Gang zur Turnhalle befand. Ein Kollege hatte ihn im ersten Schreckmoment aus Versehen für den Schützen gehalten. Nach dieser Tragödie wich die zuerst bestehende Bereitschaft der Lehrerschaft zur Bewaffnung jedoch der Angst, sich im Falle eines Falles womöglich gegenseitig zu erschiessen. Deshalb haben wir den Detektor und die Drehtür installiert. Auf der Rückseite wurde an einigen Stellen die Mauer erhöht und die gesamte Krone mit Glasscherben versehen. Fällt von unten gar nicht auf", fügt er leicht grinsend hinzu. "Das Geld für die Maßnahme kam aus einem Solidaritätsfond. Vom Preis für jede Patrone, die seither verkauft wird, gehen 10% an die >Saver School< Initiative. Die Verteilung der Einnahmen übernahm die NRA. Bis alle Schulen sicher sind, läuft das Programm in zwei Stufen. Zuerst soll durch geeignete Schutzeinrichtungen der ungehinderte Zutritt zur Schule erschwert und, falls Waffen mitgeführt werden, verhindert werden. Danach werden bauliche Verbesserungen geprüft, die einen Angriff von außen erschweren. Neue Schulen werden gleich mit der nötigen Sicherheitstechnik ausgestattet. Erst letzte Woche hat Obama wieder so einen Neubau besucht". "Ja, gar nicht so weit von hier haben sie ein College eingeweiht", ergänze ich. "Wenn es nicht am Eingangsschild stehen würde, könnte man es auch für ein staatliches Gefängnis halten. Ringsherum ein 3m hoher Zaun mit Stacheldraht. Alle 20m eine Kamera an einem Lichtmast".

"Die Schüler finden es gut", erwidert der Rektor meine Ausführung. "Die können sich jetzt viel besser auf den Unterricht konzentrieren. Vor allem sind die Räume schön hell, das Panzerglas ist eine gute Sache. Zudem schadet es nicht, ein gewisses Maß an Abschreckung sozusagen in den Schulbau zu integrieren". Er grinst schelmisch dabei und ergänzt, "aber natürlich nicht für die Schüler".
"Die halten derweil mit den monatlich wechselnden Verhaltenskursen und Übungsalarmen die Aufmerksamkeit gegen potentielle Täter hoch. Und es scheint ein Trend zu werden, netter zu seinen Mitschülern zu sein. Man weiss ja nie, was in dem anderen vorgeht".
"Warum kam es nicht zu einem Verkaufsverbot für automatische Waffen? Wäre dass nicht das Mindeste …" Er ließ mich diese Frage nicht zu Ende bringen.
"Was soll das bringen? Dann kommen die halt mit Revolvern oder Pump Guns. So wie es jetzt ist, kommen die gar nicht mehr rein. Und was glauben sie, wie viele automatische Waffen da draussen schon sind? Wollen sie die alle einsammeln"?

"Es wäre einer Überlegung wert", versuche ich mit meiner journalistischen Sorgfaltspflicht schnell dazwischen zu schieben. "Können sie vergessen. Sinnlos. Draußen halten ist das Einzige was hilft".
Fast bin ich geneigt, letzteres ob eines bestimmten Untertones in seiner Ansprache persönlich zu nehmen. In der Pause, die er jetzt einlegt, überlege ich tatsächlich kurz, ob weiteres Nachfragen zielführend ist. Mir kommt in den Sinn, dass nicht nur seine Schule, sondern auch seine Argumentation wie eingemauert ist. Oder ist unsere Sichtweise eventuell von beengter Art?

Ich starte einen letzten Versuch. "Angenommen, es ereigneten sich mehrere Fälle von >shootings< in Supermärkten. Müssten diese dann, ähnlich wie seine Schule, entsprechend gesichert werden oder wäre in Folge dessen eine Diskussion über ein generelles Waffenverbot möglich"? "Dann müssen sie auch Messer verbieten. Bin mal gespannt, womit sie anschließend ihr Steak schneiden wollen". Sein Gesichtsausdruck in diesem Moment signalisiert gleichzeitig Überlegenheit und Unverständnis für mein Ansinnen. Fast hat es den Eindruck, als warte er geradezu auf einen weiteren Einwand meinerseits um mich in übertragenem Sinne vollständig zu entwaffnen.

Ich erwidere sein schelmisches Lächeln und frage nach, ob er mir denn ein gutes Steakhouse empfehlen könne. Bereitwillig erhalte ich einen Tipp in der Nachbarstadt.

09:59 27.12.2012
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Geschrieben von

maculatur

Eröffne keinen Laden, wenn du nicht lächeln kannst (Chinesisches Sprichwort)
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