Manuel Ebert
Ausgabe 0416 | 10.02.2016 | 06:00

Start-up gründen und Dom Pérignon trinken

Tal der Träumer Durch Glück und Zufall reich zu werden, das ist in den USA verpönt. Dumm nur, dass das Silicon Valley darauf gründet

Start-up gründen und Dom Pérignon trinken

Der Kollektivtraum vom bedingungslosen Reichtum: Aber bitte nicht mit Lotto!

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Ganze 1,5 Milliarden Dollar lagen in diesem Januar im Jackpot der US-Lotterie Powerball. Jeder US-Amerikaner durfte sich für gerade einmal zwei Dollar einkaufen, in den Kollektivtraum vom bedingungslosen Reichtum. An den Kiosken standen Kunden über Stunden in der Schlange, um noch vor der Ziehung ein Los zu ergattern.

Im linksintellektuellen San Francisco ist das, klar, verpönt. Lotto spielen ist bekanntlich eine Steuer darauf, früher in Mathe gepennt zu haben. Und überhaupt: Ein Lottogewinn, das ist doch gemogelt, ja geradezu unamerikanisch. Schließlich kann hier jeder Depp durch pures Glück reich werden. Das erklärte mir zumindest eine Bekannte, die Geschäftsführerin eines sehr beliebten, aber unprofitablen Start-ups ist.

Auf ihrer Küchenzeile stehen drei leere Flaschen 2006er Dom Pérignon, 200 Dollar pro Korken, vom Brunch mit den Investoren am Wochenende. Das Geld für den Champagner kommt aus der gerade abgeschlossenen Kapitalrunde. In der kaufen sich die Investoren für einen zweistelligen Millionenbetrag das Ticket zum Kollektivtraum eines lukrativen Exits: Dann verhökern sie das Start-up teuer an der Börse oder an ein anderes Unternehmen.

Teil des Mythos Silicon Valley ist, dass niemand zugeben mag, wie viel Glück und Zufall zum Erfolg gehörten. Glück ist ein Sakrileg, das das amerikanische Selbstbild bedroht: Demnach ist Erfolg eine Begleiterscheinung von harter Arbeit, Intelligenz und unnachgiebigem Gedrängel. John Steinbeck soll gesagt haben, kein Amerikaner würde sich je als arm bezeichnen. Nur als vorübergehend in Verlegenheit gebrachten Millionär. Jeder Tagtraum ist eben auch eine Realitätsverweigerung. Und wie der amerikanische Traum im Ganzen so ist das Silicon Valley Byte um Byte und Investormillion um Investormillion auf der stoischen Überzeugung aufgebaut, jeder habe das Anrecht, ein Millionär zu sein.

Der ewige Traum, ein Verkaufsschlager

Der Rest ist nur eine Frage der Zeit. Meine Bekannte rechnet mir vor, wie viel Runway ihre Firma seit dem letzten Fundraising hat: wie lange ihr also bleibt, bis sie entweder eine weitere Investition braucht, nachhaltig profitabel wird oder an den Höchstbietenden verkauft. Der Korken einer Flasche Dom poppt.

Vielleicht trinkt sie, um ihre Fundraisingrunde zu feiern. Oder vielleicht, um davon abzulenken, dass sich das Ganze in 14 Monaten wiederholen wird. Wahrscheinlich aber aus dem gleichen Grund, aus dem Reinhold Messner sich alle paar Jahre auf den Everest hochschleppt: weil der Champagner eben da ist.

Das Tolle am amerikanischen Traum ist, dass er sich so gut verkaufen lässt. Investoren verkaufen ihn an Unternehmensgründer. Gründer verkaufen ihn an ihre Angestellten. Politiker verkaufen ihn an Wähler, die dann gegen ihre eigenen Interessen wählen – es könnte sich irgendwann ja noch lohnen.

Lotto verkauft den Traum an in Verlegenheit gebrache Millionäre. Die bezahlen bereitwillig zwei Dollar pro Traumticket, vielleicht um sich weiterhin davon abzulenken, arm zu sein.

Das Tal der Träumer funktioniert nur deshalb, weil alle den gleichen Traum träumen.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco. Seit Oktober 2015 schreibt er im Freitag-Wirtschaftsteil die Kolumne „Tal der Träumer“

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 04/16.