Obdachlosigkeit in der Blase

Tal der Träumer San Francisco ist viel kleiner als Berlin, aber fast genauso viele Menschen schlafen auf der Straße. Die Yuppies stört das
Manuel Ebert | Ausgabe 12/2016 3
Obdachlosigkeit in der Blase
Die Zahl der Obdachlosen wird in San Francisco auf 7.000 geschätzt

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

San Francisco ist mehr als eine Stadt. San Francisco ist eine Idee. Eine Idee davon, was möglich ist und was normal ist. Möglich ist zum Beispiel, mit 23 sein Start-Up an Facebook zu verkaufen und dabei genug Geld zu machen, um eine Villa in Süd-Kalifornien kaufen zu können und niemals mehr arbeiten zu müssen. Normal ist, ein sechsstelliges Gehalt zu beziehen und trotzdem nicht zu wissen, wie man im nächsten Monat seine Miete bezahlen soll.

Möglich ist, innerhalb von zwei Stunden die halbe Stadt in eine glitzernde Parade zu verwandeln, um die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen zu feiern. Normal ist, dass sich an jedem Mittwochabend im Church Street Café 20 Männer zu ihrer Häkelgruppe treffen. Möglich ist, dass das Silicon Valley weiterhin die kreativsten und intelligentesten Köpfe des Planeten anzieht und wir die Technologien entwickeln, die Hunger bekämpfen, Krebs heilen und saubere Energie für alle liefern.

Normal ist, dass heute morgen vor mir im Café eine erwachsene Frau in einem Dinosaurier-Strampelanzug auf ihren entkoffeinierten Soja-Cappuccino -wartete. Normal ist, dass ich auf dem Weg zur Arbeit an einem Dutzend Menschen vorbeilaufe, die auf der Straße schlafen. Normal ist, dass sich immer mal wieder privilegierte Yuppies bei ihrem Bürgermeister darüber beschweren, dass die Straßen nach Urin stinken und sie jeden Tag unnötig mit Obdachlosen konfrontiert werden. Normal ist, dass das jedesmal einen gerechtfertigten Shitstorm im Internet lostritt, aber trotzdem niemand so genau weiß, wie den 7.000 Obdachlosen in der Stadt am besten zu helfen ist. 7.000, das sind fast so viele wie in Berlin – auf einem Achtel des Raums allerdings.

Mehr als die Hälfte der Obdachlosen in der Stadt haben psychische Erkrankungen und wenig Aussicht auf eine adäquate Behandlung. Das ist an sich kein Geheimnis: Jeder, der einmal frühmorgens durch den Stadtteil -Tenderloin gelaufen ist und dort meinen alten Nachbarn Rob mit nichts als Schwimmflügeln und Klopapier bekleidet in der Mitte einer Straßenkreuzung tanzen gesehen hat, kann das bezeugen.

Das US-Gesundheitssystem – Pardon, der Mangel an einem funktionierenden Gesundheitssystem – ist mitverantwortlich für die Zustände. Und schuld ist zudem, klar, der aufgeheizte Wohnungsmarkt: Die meisten Obdachlosen kommen aus San Francisco selbst und konnten, nach einem Jobverlust etwa, schlicht ihre Wohnung nicht mehr bezahlen. Damit sind wir bei der Frage, wer die Mietpreise hier denn in die Höhe treibt.

Neulich gab mir ein ebenso gut angezogener wie angetrunkener Mittvierziger im Supermarkt selbstlos und unbestellt den Rat, ich solle mein Leben hier in San Francisco genießen, solange die Blase noch hält. Denn wenn die erst einmal platzt, dann ziehen die Techies wieder weg und alles wird so gut, wie es früher war.

Vielleicht sollten wir bis dahin ein bisschen Politik bei Donald Trump abschauen: Wir bauen um San Francisco eine hohe Mauer, um die Techies draußen zu halten. Und wer bezahlt die Mauer? Bei Trump Mexiko. In San Francisco sicher Google.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco

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06:00 06.04.2016
Geschrieben von

Manuel Ebert

Manuel Ebert ist Autor, Ex-Neurowissenschaftler, und Data Scientist. Seine Consulting-Firma summer.ai berät Firmen in Silicon Valley.
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Manuel Ebert

Ausgabe 32/2020

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