Manuel Ebert
Ausgabe 5215 | 06.01.2016 | 06:00 4

Spätestens 2045 sollten wir unsterblich sein

Tal der Träumer Was Johnny Depp mit Googles Ray Kurzweil zu tun hat. Über die Kulturblindheit im Silicon Valley

Spätestens 2045 sollten wir unsterblich sein

Luftschlösser (1967)

Bild: Klaus Bürgle

Johnny Depp liegt auf dem Sterbebett. Elektroden auf seinem Kopf verwandeln ihn in eine digitale Medusa. Kurz bevor er seinen letzten Atemzug aushaucht, wird sein Bewusstsein auf einen Computer hochgeladen. Eine enttäuschende Stunde später verlasse ich das Kino. Der Film Transcendence ist weder realistisch noch besonders unterhaltsam. Trotzdem sorgt er für rege Diskussionen.

Hinter mir erörtern drei Männer, wann wir die Singularität erreichen – der Punkt, an dem Computer schlauer als Menschen werden und wir unser Bewusstsein in einer Dropbox speichern können. Die Idee ist nicht besonders neu. Meist sind es Männer, die ihr anhängen und die sich vor 500 Jahren bereitwillig auf eine Expedition begeben hätten, um den Jungbrunnen oder auch den Heiligen Gral zu finden.

Aber vielleicht ist ja tatsächlich etwas dran am ewigen Leben in der Cloud. Ray Kurzweil, Futurist und Director of Engineering bei Google, glaubt, dass wir spätenstens 2045 unsterblich werden, indem wir einfach ein Back-up von uns speichern. Der Zeitpunkt käme verdächtig gelegen, knapp vor dem Ende von Kurzweils eigener Lebenserwartung. All seine Erinnerungen, Ideen, Gefühle und Wünsche würden dann von einem Computer weiter simuliert. Von außen betrachtet gäbe es natürlich keinen Unterschied zwischem dem echten und dem simulierten Ray Kurzweil. Einmal hochgeladen, hält uns allerdings nichts davon ab, noch ein paar Sicherheitskopien mehr anzufertigen. Vielleicht sind Computer bis dahin ja so klein, dass jeder seinen eigenen Ray Kurzweil und Johnny Depp auf einem USB-Stick am Schlüsselbund herumtragen kann: die Flaschengeister des 21. Jahrhunderts.

In einer anderen Zukunftsvision ist es um die Unsterblichkeit nicht so rosig bestellt. Bei einer Konferenz zu „Effektivem Altruismus“ im Sommer ging es darum, wie man mit dem wenigsten Geld die Welt am besten retten könnte. Die Konferenz wurde heuer von Google ausgerichtet und hat ein entsprechend tech-lastiges Publikum angezogen. Das größte Gesprächsthema war „Existential Risk“ – katastrophale Ereignisse wie Atomkrieg oder globaler Kollaps des Ökosystems, die schnell mal die Menschheit auslöschen könnten. Die Idee: Es sei wichtiger, solch existenzielle Risiken abzuwehren, als etwa Krebs zu heilen. An sich kein so schlechtes Argument. Das wahrscheinlichste Weltuntergangsszenario, das sich eine Konferenz voller Nerds allerdings ausmalen konnte, ist, dass eine künstliche Super-Intelligenz entscheidet, die Menschheit sei fortan irrelevant. Was schlagen die besorgten Nerds vor, um diese apokalyptischen Algorithmen zu vermeiden? Mehr Geld für die Künstliche-Intelligenz-Forschung!

Mit der gleichen Logik sollte man Kindern mehr Süßigkeiten kaufen, damit sie lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen.

Manchmal wünsche ich mir, in der Tech-Szene gäbe es mehr Leute, die komparative Anglistik und objektive Hermeneutik studiert haben. Vielleicht wären die etwas weniger kulturblind. Darum, dass meine Excel-Tabellen in der Dropbox ihr eigenes Bewusstsein entwickeln, mache ich mir aber erst mal keine Sorgen.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco. Seit Oktober 2015 schreibt er im Freitag-Wirtschaftsteil die Kolumne „Tal der Träumer“

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem letzten Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/15.

Kommentare (4)

schna´sel 09.01.2016 | 12:30

Vielen Dank für den, um bunte Assoziationen bereicherten Erlebnisbericht... Ich habe mir den Film im Kino gar nicht erst angeschaut, weil ich mit so etwas gerechnet und mir gedacht habe, dass ich ihn dann irgendwann sicher auf ARTE sehen kann und ich es bis dahin so nicht eilig habe. Mich interessieren auch Metzinger und seine neuronalen Bewusstseinskorrelate nicht besonders, nach denen er sucht, wie die Digger im Kalifornischen Goldrausch. Nicht dass ich das total langweilig fände, aber ich glaube nicht, dass diese Bewusstseinsmechanik wirklich eine Bedeutung hätte, die über andere Automaten hinaus geht, die wir mit unserem Wissen erzeugen und für unsere Zwecke einsetzen können.

Gunnar Jeschke 09.01.2016 | 18:40

Wenn der Titel stimmt, werde ich hoffentlich nicht älter als 78 Jahre oder man darf das dann zumindest noch ablehnen.

Ich bin ja gewiss ein sehr verstandesorientierter Typ, aber wie ein denkender Mensch zu der Ansicht gelangen kann, er habe ein von seinem Körper und seiner Zeitlichkeit unabhängiges Bewusstsein, dass sich in der "Cloud" anders fühlen würde, als in der Hölle, erschliesst sich mir nicht.

Falls jemand einwändet, es gäbe für das ewige Leben ja auch ein Paradies: Ich kenne realistische Beschreibungen der Hölle, in der die Eingesperrten eine menschliche Psychologie aufweisen. Wer schon mal eine für ein Paradies gelesen hat, möge sich bei mir melden. Ich will sie auch lesen.

In meiner Vorstellung wird das Paradies regelmässig zur Hölle. Man möchte vor Langeweile sterben und kann nicht. Wenn Sie es zu Ende denken, was in der indischen Kultur ja bereits getan wurde, bleibt nur etwas nirwana-artiges als Ausweg und genau das will Kurzweil nicht.

Chucko 09.01.2016 | 20:29

Vorab, was soll mir der Artikel sagen?

@Gunnar Jenschke

<blockquote>Ich bin ja gewiss ein sehr verstandesorientierter Typ, aber wie ein denkender Mensch zu der Ansicht gelangen kann, er habe ein von seinem Körper und seiner Zeitlichkeit unabhängiges Bewusstsein, dass sich in der "Cloud" anders fühlen würde, als in der Hölle, erschliesst sich mir nicht.</blockquote>

Die meisten Theorien zu dem Thema die ich kenne gehen eben nicht von einem Geist aus, der unabhängig vom Körper existiert. Es wird vielmehr versucht die Qualitäten des funktionierenden Körpers auf digitale Ebene zu transferieren, um so das Phänomen eines spezifischen Bewusstseins zu erzeugen. Für das Bewusstsein würde, sofern der Geist eben vom Körper bedingt ist, keinen Unterschied machen, solange der Input entsprechend gestaltet wird.

Wer weiss, vielleicht sind wir schon längst digitalisiert?

Und ja ob ewiges Leben so toll wäre? Ob der menschliche Verstand im konkreten Kontakt mit der Unendlichkeit ein Zustand der Zufriedenheit wäre ist fraglich. Ich glaube aber, dass angesichts der Funktionalität des Verstands sich das Paradox aus dem Unendlichen eine Form zu bilden, einfach dadurch gelöst wird, dass wir im Prozess un mit der Welt auseinandersetzen. Genauso wenig wie wir jetzt, sterblich, ständig in Betracht dieser Endlichkeit agieren, so würden wir auch als unsterbliche immer aus dem Moment heraus Sinnbezüge herstellen. Da spielt zwar in der Protention durchaus die Unendlichkeit mit, aber immer als unvorstellbare Größe, genau wie die des Tod seins.

balsamico 10.01.2016 | 10:35

Der Film Transcendence ist weder realistisch noch besonders unterhaltsam. Trotzdem sorgt er für rege Diskussionen.

Da möchte ich die Diskussion um ein schon etwas älteres Gedicht von Matthias Claudius (1740 - 1815) bereichern:

*

Der Tod steht schon am Orte,
Wo sich ein Leben regt.
Der Tod steht an der Pforte,
Wo man zu Grabe trägt.
Er geht im Leidgefolge
Ungesehen mit,
Wie er dabei gewesen
Im Leben Schritt für Schritt.
Zum König wie zum Bettler
Sagt er sein letztes Du
Und schließt mit stummen Händen
Die dunkle Pforte zu.
Und geht mit uns nachhause
Und isst das Abendbrot
Und schweigt und weiß doch alles,
Der Herr der Welt, der Tod.

*

PS: Kann gut sein, dass er das Abendbrot auch schon mit Ray Kurzweil gegessen hat.