Spätestens 2045 sollten wir unsterblich sein

Tal der Träumer Was Johnny Depp mit Googles Ray Kurzweil zu tun hat. Über die Kulturblindheit im Silicon Valley
Manuel Ebert | Ausgabe 52/2015 4
Spätestens 2045 sollten wir unsterblich sein
Luftschlösser (1967)
Bild: Klaus Bürgle

Johnny Depp liegt auf dem Sterbebett. Elektroden auf seinem Kopf verwandeln ihn in eine digitale Medusa. Kurz bevor er seinen letzten Atemzug aushaucht, wird sein Bewusstsein auf einen Computer hochgeladen. Eine enttäuschende Stunde später verlasse ich das Kino. Der Film Transcendence ist weder realistisch noch besonders unterhaltsam. Trotzdem sorgt er für rege Diskussionen.

Hinter mir erörtern drei Männer, wann wir die Singularität erreichen – der Punkt, an dem Computer schlauer als Menschen werden und wir unser Bewusstsein in einer Dropbox speichern können. Die Idee ist nicht besonders neu. Meist sind es Männer, die ihr anhängen und die sich vor 500 Jahren bereitwillig auf eine Expedition begeben hätten, um den Jungbrunnen oder auch den Heiligen Gral zu finden.

Aber vielleicht ist ja tatsächlich etwas dran am ewigen Leben in der Cloud. Ray Kurzweil, Futurist und Director of Engineering bei Google, glaubt, dass wir spätenstens 2045 unsterblich werden, indem wir einfach ein Back-up von uns speichern. Der Zeitpunkt käme verdächtig gelegen, knapp vor dem Ende von Kurzweils eigener Lebenserwartung. All seine Erinnerungen, Ideen, Gefühle und Wünsche würden dann von einem Computer weiter simuliert. Von außen betrachtet gäbe es natürlich keinen Unterschied zwischem dem echten und dem simulierten Ray Kurzweil. Einmal hochgeladen, hält uns allerdings nichts davon ab, noch ein paar Sicherheitskopien mehr anzufertigen. Vielleicht sind Computer bis dahin ja so klein, dass jeder seinen eigenen Ray Kurzweil und Johnny Depp auf einem USB-Stick am Schlüsselbund herumtragen kann: die Flaschengeister des 21. Jahrhunderts.

In einer anderen Zukunftsvision ist es um die Unsterblichkeit nicht so rosig bestellt. Bei einer Konferenz zu „Effektivem Altruismus“ im Sommer ging es darum, wie man mit dem wenigsten Geld die Welt am besten retten könnte. Die Konferenz wurde heuer von Google ausgerichtet und hat ein entsprechend tech-lastiges Publikum angezogen. Das größte Gesprächsthema war „Existential Risk“ – katastrophale Ereignisse wie Atomkrieg oder globaler Kollaps des Ökosystems, die schnell mal die Menschheit auslöschen könnten. Die Idee: Es sei wichtiger, solch existenzielle Risiken abzuwehren, als etwa Krebs zu heilen. An sich kein so schlechtes Argument. Das wahrscheinlichste Weltuntergangsszenario, das sich eine Konferenz voller Nerds allerdings ausmalen konnte, ist, dass eine künstliche Super-Intelligenz entscheidet, die Menschheit sei fortan irrelevant. Was schlagen die besorgten Nerds vor, um diese apokalyptischen Algorithmen zu vermeiden? Mehr Geld für die Künstliche-Intelligenz-Forschung!

Mit der gleichen Logik sollte man Kindern mehr Süßigkeiten kaufen, damit sie lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen.

Manchmal wünsche ich mir, in der Tech-Szene gäbe es mehr Leute, die komparative Anglistik und objektive Hermeneutik studiert haben. Vielleicht wären die etwas weniger kulturblind. Darum, dass meine Excel-Tabellen in der Dropbox ihr eigenes Bewusstsein entwickeln, mache ich mir aber erst mal keine Sorgen.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco. Seit Oktober 2015 schreibt er im Freitag-Wirtschaftsteil die Kolumne „Tal der Träumer“

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem letzten Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

06:00 06.01.2016
Geschrieben von

Manuel Ebert

Manuel Ebert ist Autor, Ex-Neurowissenschaftler, und Data Scientist. Seine Consulting-Firma summer.ai berät Firmen in Silicon Valley.
Schreiber 0 Leser 4
Manuel Ebert

Kommentare 4