Manuel Ebert
Ausgabe 0817 | 08.03.2017 | 06:00 2

Wenn San Francisco ein Dorf wäre

Tal der Träumer Diese Stadt besteht aus mehr als Start-ups, Hippies und polyamourösen Beziehungen. Darüber wird nur zu wenig geredet

Wenn San Francisco ein Dorf wäre

Auch Nebel gehört zu San Francisco

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Ein Bot auf Twitter verkauft automatisch Aktien, wenn Donald Trump sich negativ über ein Unternehmen auslässt, und spendet den Gewinn dann an Planned Parenthood für deren gemeinnützige Aufklärungs- und Beratungsarbeit. Die 97 Jahre alte American Civil Liberties Union (ACLU) wird demnächst Zögling eines Start-up-Inkubators und darf von Mentoren etwas über abruptes Wachstum lernen. Die Stadt verklagt die Regierung und weigert sich, ihre illegalisierten Einwanderer abzuschieben. Auf den Bürgersteig hat jemand per Schablone „Queers Hate Techies“ gesprüht. Darunter steht, etwas hastiger und mit kleinen Herzchen dekoriert: „Techies Love Queers. Sorry you are hurting.“ So sehen feuchte Träume in San Francisco aus: Alles wird technologisiert, automatisiert, aber bitte bunt, mit Humor und Glitzer, in unserem patentierten Mix aus libertär und links-progressiv.

Und wenn Sie diese Kolumne häufiger lesen, könnten Sie leicht zu der Annahme gelangen, diese Stadt bestünde nur aus Start-ups, polyamourösen Beziehungen und Hippies.

Stellen wir uns einmal vor, San Francisco wäre ein Dorf mit 100 Einwohnern. Das Dorf ist so dicht besiedelt, dass es knapp auf zwei Fußballfelder passt, von denen eines meist von Nebel bedeckt ist. Zwei Fußballfelder, auf denen die Hälfte der Bundesligaklubs und ein Schiedsrichter gleichzeitig spielen, leben, essen, trinken, duschen, schlafen, arbeiten. So wuselig ist San Francisco.

Zwei Zweifamilienhäuser am Stadtrand reichen, um diejenigen Einwohner, die in San Francisco geboren sind, zu beherbergen, während die Mehrheit nicht mal aus den USA kommt.

Diejenigen Dorfbewohner, die für Hightech-Firmen tätig sind, passen in einen VW Touran. Sie können blind Kaffeebohnen aus Sumatra und Äthiopien unterscheiden, stehen sonntags länger vor einem Brunch-Restaurant in der Schlange, als der eigentliche Brunch dauert, und sind allein verantwortlich dafür, dass die Mieten um vier Prozent pro Jahr steigen – und das seit 1956. Einer von diesen sieben Bewohnern ist Millionär. Es gibt noch einen anderen Dorfmillionär, der arbeitet im Finanzsektor, der genauso groß ist wie der IT-Sektor, aber besser darin, sich aus Skandalen rauszuhalten, ohne irgendetwas von substanziellem Wert zu schaffen. Genau in der Mitte des Dorfes gibt es eine kleine Parallelwelt: Chinatown. Ein großer Teil der 35 Asiaten des Dorfes lebt dort, wo sich Touristen darüber wundern, dass es hier wohl ganz normal ist, ein oder zwei lebende Hühner mit in den Bus zu nehmen. Hier wurden Bruce Lee und Chop Suey erfunden, aber seitdem hört man aus Chinatown selten etwas, und die alternde Enklave wird vom Rest dieses Dorfes viel zu oft vergessen.

Ein Bewohner ist obdachlos. Die zwei Dorfmillionäre könnten sich ja zusammentun, dann wäre dem Mann schnell geholfen. Aus irgendeinem Grund scheint das aber nicht so einfach zu sein.

Viel einfacher ist es natürlich, nur über die Techies im Dorf zu schreiben, und für den Rest der Welt ist das vielleicht auch der interessantere Teil. Aber auf jene sieben zu schimpfen, ohne den Rest des Dorfes zu verstehen – bringt leider auch nichts.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/17.

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