Das schlechte Gewissen der Working Mum

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(Bild: (C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de)

Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Wochen gefragt wurde, ob ich mein Kind eigentlich nicht vermisse, wenn ich es nur am Wochenende sehe. Ja, das tue ich. Und trotzdem frage ich mich, ob ein Mann, der jobbedingt sein(e) Kind(er) nur am Wochenende sieht ähnlich oft diese Frage gestellt bekommt.
Auf der anderen Seite werde ich aber auch oft gefragt, ob ich es genieße, unter der Woche meine Ruhe zu haben. Und dann ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich meine Begeisterung über den tollen Job, den ich habe, relativiere, indem ich darüber klage, dass ich mein Kind so selten sehe. Männer in ähnlichen Situationen hingegen erzählen begeistert, dass sie es genießen, viel arbeiten zu können und abends noch Zeit für andere Dinge und vor allem ihre Ruhe zu haben. Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige. Klar, sie kommen ja auch ihrer Rolle als Ernährer nach, sie arbeiten viel, Geld kommt rein, was will die Familie mehr? Ich hingegen habe ständig das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich meinen Mann mit dem Kind alleine lasse.

Dabei geht es weniger darum, dass mein Gegenüber diese Rechtfertigung von mir verlangt, als vielmehr darum, dass es sich dabei um ein Problem handelt, welches ICH habe. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn das Kind am Sonntag abend herzerweichend weint, wenn ich gehe, ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn mein Mann mir erzählt, dass das Kind nachts 50 Minuten geschrien hat, ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn mein Mann feststellt, dass er an 50% der Besprechungen in seinem Job nicht mehr teilnehmen kann, weil die um 15 Uhr beginnen, das Kind aber spätestens um 16 Uhr aus der Krippe abgeholt werden muss. Denn: eine Mutter lässt ihr Kind nicht alleine, eine Mutter ist da und tröstet das Kind, wenn es nachts weint UND eine Ehefrau unterstützt die Karriere ihres Mannes.

Bullshit! Aber die Sozialisation durch Hollywood und TV sitzt wohl leider viel tiefer als uns lieb ist. Also arbeite ich daran, mir klarzumachen, dass eine Mutter auch dann für ihre Familie sorgt, wenn sie für mehr als die Hälfte des Familieneinkommens sorgt, wenn sie am Wochenende sich ausgeglichen und glücklich vollumfänglich um ihre Lieben kümmert und wenn sie unter der Woche an den vielen freien einsamen Abenden Kinderkleidung näht und strickt ;-)

Dieser Text von Adele ist auch auf dem Blog maedchenmannschaft.net erschienen.

14:39 09.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Mädchenmannschaft

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