Die Gesundheitsreform in den USA und ihre Chancen für Frauen

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Die USA und die Notwendigkeit einer Gesundheitsreform

Ziemlich genau vor einem Jahr wurde Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA gewählt. Knapp zehn Monate nach seinem Amtseintritt im Januar 2009 werden im US-amerikanischen Repräsentantenhaus und im Senat aktuell Gesetzesentwürfe einer neuen Gesundheitsreform diskutiert. Das Reformpaket sieht neben Kostensenkungen im Gesundheitswesen einen Versicherungsschutz für 97-98% der US-AmerikanerInnen vor. Für jene AmerikanerInnen, die jetzt schon eine Krankenversicherung haben und zufrieden sind, ändert sich nichts. Die Reform versucht jene Menschen zu erreichen, die sich bisher keine Versicherung leisten konnten.

Wie diestandard.at berichtete, haben gegenwärtig etwa 46 Millionen der 300 Millionen AmerikanerInnen keinen Versicherungsschutz, obwohl die USA pro Kopf die weltweit höchsten Ausgaben für Gesundheit haben. 15% der US-AmerikanerInnen müssen demnach entweder auf medizinische Hilfe verzichten oder verschulden sich im Falle eines Krankenhausbesuches enorm.

Im Repräsentantenhaus hat man sich nun auf einen Gesetzentwurf zu einer staatlichen Krankenversicherung verständigt, die u.a. durch eine Reichensteuer (in Form von Einkommensteuererhöhungen für jene, die mehr als $500.000 im Jahr verdienen) und Einkürzungen bei Medicare&Medicaid finanziert werden soll, um so Krankenversicherungsleistungen für bisher Unversicherte bereitzustellen. Für die Umsetzung des Entwurfs würden die Kosten über zehn Jahre unter der von Obama vorgegebenen Höchstsumme von 900 Milliarden Dollar bleiben.

"Health Care is a Women's Issue"

Auch Michelle Obama, First Lady & Mom-in-Chief, macht sich für eine Reformierung des Gesundheitssystems stark und betonte in einer Rede Mitte September, dass eine Gesundheitsreform aus zweierlei Gründen wichtig für Frauen sei:

Frauen übernehmen häufig in ihren Familien bestimmte Aufgaben, auf deren Ausführung die Qualität der Krankenversicherung beträchtlichen Einfluss hat. Lautcbsnews.com wählen 80% der Mütter den Arzt oder die Ärztin für ihre Kinder aus. 10% der Amerikanerinnen kümmern sich privat um kranke und/oder ältere Verwandte. Außerdem würden Frauen erheblich von einer Reform profitieren, da sie überproportional von den Mängeln des aktuellen Gesundheitssystems betroffen sind. Sie arbeiten öfter in kleineren Unternehmen und/oder halbtags und bekommen so seltener eine Krankenversicherung über ihre ArbeitgeberInnen.

Wie Nancy Folbre in der New York Times schreibt, ist allein die Tatsache, dass die durchschnittliche US-amerikanische Frau mit zwei Kindern im Schnitt fünf Jahre ihres Lebens damit verbringt, schwanger zu werden, schwanger ist und/oder sich von einer Schwangerschaft erholt - und rund 30 Jahre damit beschäftigt ist, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden - ein Indiz dafür, dass qualitativ hohe und für alle zugängliche Gesundheitsversorgung extrem wichtig für Frauen ist.

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Kathleen Sebelius und Michelle Obama © TIM SLOAN/AFP/Getty Images

Auf der gleichen Veranstaltung, auf der Michelle Obama sprach, wies US-Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius auf die diskriminierenden Maßnahmen vieler Versicherungen hin: insbesondere jüngere Frauen von 15 bis 44 Jahren (ca. 62 Millionen Amerikanerinnen) müssen häufig höhere Beiträge zahlen, da sie sich in einem Alter befinden, in dem sie potentiell Kinder in die Welt setzen und demnach bestimmte Leistungen im Gesundheitssystem in Anspruch nehmen könnten.

Es sei darüber hinaus unter Krankenversicherungen üblich, BürgerInnen mit so genannten "Vorerkrankungen" (pre-existing conditions) abzulehnen oder Verträge im Krankheitsfall gar zu kündigen. Die Huffington Post machte bereits im September auf die Tatsache aufmerksam, dass in acht US Bundesstaaten und dem District of Columbia die bloße Tatsache, in einer gewalttätigen Beziehung zu leben, zu "Vorerkrankungen" zähle. Frauen, die jenen Umständen ausgesetzt sind, werden demnach doppelt bestraft: Sie erfahren Gewalt und haben außerdem kein Anrecht auf eine Krankenversicherung.


Die Gesundheitsreform und ihre Bedeutung für afroamerikanische und hispanische Frauen

Unter Frauen gibt es allerdings erhebliche gesundheitliche Ungleichheiten, welche auf die Unterschiedlichkeiten im infrastrukturellen Ausbau, Einkommen, Zugang zu Krankenversicherungen und guten Kliniken und letztendlich auch auf Rassismus im Gesundheitssystem zurückzuführen sind. Laut einer Studie (pdf) der Mailman School of Public Health der Columbia University, in der die VerfasserInnen für die Notwendigkeit einer Gesundheitsreform gekoppelt an reproductive health (Fortpflanzungsgesundheit) plädieren, ist die Müttersterblichkeit in den USA nicht nur um ein Vielfaches höher als in anderen westlichen Ländern, sie ist unter schwarzen US-Amerikanerinnen sogar um ein 3.3-faches höher als unter weißen Amerikanerinnen. Afroamerikanerinnen und Latinas haben weniger und in der Regel verzögerten Zugang zu medizinischer Versorgung und bekommen verglichen mit weißen Amerikanerinnen weniger oder unzureichende Vorsorgebehandlungen vor der Geburt eines Kindes (via cfah.org - Center Of Advancing Health). Ein Drittel der Latinas hat gar keine Krankenversicherung.

Insgesamt ist zu konstatieren, dass die Mütter- und Kindersterblichkeit, ungewollte (Teenager-)Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten unverhältnismäßig hoch sind für ein Land, dass so reich und technologisch hoch entwickelt ist. Auch die dramatischen Unterschiede in Gesundheit und Zugang zu medizinischer Versorgung zwischen AfroamerikanerInnen, Latinos/Latinas und weißen US-AmerikanerInnen hat sich in den letzten drei Jahrzehnten verschlechtert.

Gesundheitsreform ist emanzipatorisch

Michelle Obama betonte in ihrer Rede, dass es folglich eine Frage der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung sei, eine Reform im Gesundheitswesen durchzuführen.



"Wenn wir Gleichberechtigung für Frauen und Männer garantieren wollen, müssen wir das Gesundheitssystem reformieren. Der Status Quo ist inakzeptabel. Er wirft Frauen und ihre Familien zurück."

Kritik von rechts

KritikerInnen der Reform bezweifeln nicht nur die Höhe der Prozentzahl der AmerikanerInnen, die durch die Gesundheitsreform abgedeckt werden sollen und befürchten eine Neuverschuldung (siehe factcheck.org), auch die rechts-konservative Ecke meldet sich eifrig zu Wort: Wie der telegraph.co.uk meldete, bemängelt eine bunt gemischte Gruppe aus römisch-katholischen Bischöfen, pro-life DemokratInnen und konservativen RepublikanerInnen, dass möglicherweise Steuergelder für Abtreibungen benutzt werden könnten, wenn es zu einer Reformierung des Gesundheitswesen käme - das ist nämlich nach föderalen Gesetzen verboten.

... nichtsdestotrotz:

Die Gesundheitsreform in den USA muss sich an einer gerechten Familienplannung orientieren, zu der der Zugang zu ausreichend medizinischer Grundversorgung, Verhütungsmitteln und einer umfassenden Sexualaufklärung, einer pränatalen Gesundheitsvorsorge und nicht zuletzt sichere Abtreibungen gehören.

Dieser Text wurde ebenfalls auf mädchenmannschaft.net veröffentlicht

12:38 07.11.2009
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Geschrieben von

Mädchenmannschaft

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