Frau sein in Afghanistan

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Wer Khaled Hosseinis Bestseller „Drachenläufer“ und „Tausend strahlende Sonnen“ liest, gewinnt einen bleibenden Eindruck von Afghanistan, dem Alltag in Kabul und der Veränderung dieses eigentlich friedlichen, traditionellen Lebens durch die sowjetische Besatzung und die spätere Machtergreifung der Mudschaheddin. Doch das, was bei Hosseini Fiktion ist, die sich auf historische Fakten stützt, ist in Mári Saeed Buch „Mein Kabul – mein Deutschland“ Wirklichkeit.

http://farm4.static.flickr.com/3314/3497245059_b2f575aaef_m.jpg Saeed geboren 1966 in Kabul, wächst bei ihren Eltern und ihren älteren Geschwistern in einem liberalen, wohlhabenden Zuhause auf. Im Gegensatz zu vielen anderen Familien freut sich ihr Vater über ihre Geburt, trotz der Tatsache, dass sie nur eine weitere Tochter für ihn ist. Diese Freude ist wohl eine Reaktion auf seine eigene Kindheit, über die sie schreibt: „Vor allem die Frauen waren benachteiligt worden. Das empfand er als falsch. Er war deshalb sein ganzes Leben sehr bemüht, Frauen gegenüber gerecht zu sein. Für ihn war eine Tochter ebenso viel wert wie ein Sohn.“ Man kann sagen, dass im Verhalten ihres Vaters, in seinem Bemühen, seine Töchter nicht gegenüber seinen Söhnen zu benachteiligen, obwohl das für die afghanische Tradition eigentlich selbstverständlich ist, das Glück von Saeed begründet liegt.

Mári Saeed besucht die Schule, in der sie ehrgeizig und wissbegierig ist. Sie studiert in Russland und arbeitet, zurück in Afghanistan, als Ausbilderin für Lehrerinnen und Lehrer. Eine Heirat im Teenageralter – eine für ihre Heimat absolut übliche Angelegenheit – kann sie abwenden, wieder durch das Verständnis ihres Vaters, der ihr erlaubt, selbst zu entscheiden, wen sie heiraten möchte und wann. So verläuft ihr Leben anders als das ihrer Schwestern, die früh heiraten – und früh Leid erfahren.

Eine wird von ihrem brutalen Ehemann immer wieder gedemütigt und geschlagen. Eine muss mit ihren Kindern aus Afghanistan fliehen, nachdem ihr Ehemann aufgrund seiner politischen Gesinnung von den Taliban erschossen wird. Eine verliert zuerst ihre beiden Töchter, die mit Taliban zwangsverheiratet wurden; kurz darauf wird sie von ihrem eigenen Zwangsehemann, auch einem Taliban, wegen ihres Ungehorsams zu Tode geprügelt.

Auch Mári Saeed heiratet, und auch ihre Ehe ist problematisch, ihr Mann gewalttätig, und Hilfe vonseiten der Familie aufgrund starrer Traditionen und strengem Ehrbegriff fast nicht möglich. Da sie aufgrund ihres Russlandstudiums von den Taliban verfolgt wurde, flieht sie nach Deutschland. Dort lebt sie in Asylunterkünften, teils mit ihrem Mann, teils ohne ihn, immer in Sorge um ihre beiden Töchter, die unter der Gewalttätigkeit ihres Vaters sehr leiden. Ihre Ehe würde man mit westeuropäischen Maßstäben betrachtet als Katastrophe bezeichnen: Ihr Mann beleidigt sie regelmäßig, betrügt sie, schlägt sie und bedroht ihr Leben. Dass sie dieser Beziehung über lange Zeit, auch noch nach ihrer Flucht aus Afghanistan in Deutschland immer wieder eine Chance gibt, und sogar, nachdem sie mit den Kindern in ein deutsches Frauenhaus geflohen war, zu ihm zurückkehrt, erklärt sie mit der Angst vor der eigenen Freiheit. Sie versteht sich selbst auch im Vergleich mit dem Verhalten anderer Frauen in ähnlichen Situationen: „…häufig war ihnen zu Beginn schon der Gedanke an ein selbstständiges Leben allein zu riskant. Meistens gingen diese Frauen jedoch wieder zu ihren Männern zurück, weil sie keinen anderen Ausweg sahen.“

Als Mári Saeed endlich genügend Mut findet, ein Leben allein, aber in Freiheit zu führen, erkennt sie auch, dass sie anderen Frauen helfen kann, indem sie ihnen einen Weg in die Selbstständigkeit zeigt. Auch im deutschen Asylzuhause sieht sie Afghanistan als ihr Heimatland an, sie möchte besonders den Frauen dort helfen, etwa in dem sie den Bau eines Frauenhauses oder rechtliche und psychologische Unterstützung vor Ort zu ermöglichen versucht.

Der Schwachpunkt dieses Buches ist handwerklicher Natur; manche Passagen wirken wirr und unnötig redundant, auch ist die Sprache an einigen Stellen etwas ungelenk. Dies liegt wohl daran, dass Mári Saeed keine Muttersprachlerin ist und das Buch auf Deutsch verfasst hat, in Zusammenarbeit mit einer Coautorin, Liane Lehnhoff, die sich seit Jahren für Terre des Femmes engagiert.

Doch unabhängig dieser Schwäche bleibt diese Geschichte eine pulsierende Energiezelle: Es ist wichtig, etwas zu wollen, etwas aus dem eigenen Leben zu machen. Wissbegierig sein. Mut zu haben. Sich Verbündete suchen. Und nicht in eine Angststarre zu fallen. Denn Angst verhindert, dass man sich wehrt. Eine Frau kann sich wehren, erscheint ihre Situation auch noch so ausweglos. Als Mári Saeed zusieht, wie ihr Mann seine Mutter schlägt, schreit sie laut auf. „Ich hatte mich durch mein Schreien gewehrt. Und er hatte vor diesem Schrei Angst bekommen, denn alle anderen geschlagenen Frauen, die er kannte, wehrten sich nicht, sondern erniedrigten sich flehend und jammernd.“

Mári Saeeds Geschichte ist gut ausgegangen. Und gibt denen Hoffnung, die noch für ein gutes Ende kämpfen müssen, ob in Afghanistan oder in Deutschland. Wie Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes im Nachwort des Buches schreibt: „Die couragierte Menschenrechtlerin leistet einen unverzichtbaren Beitrag, damit die Menschen der beiden Kulturkreise miteinander ins Gespräch kommen. … Denn: Afghaninnen – ob sie nun in der Heimat oder in Deutschland leben – wollen frei und in Würde leben.“

Mári Saeed, „Mein Kabul – mein Deutschland. Máris mutiger Weg zwischen den Kulturen.“ Christel Göttert Verlag, 2008. Paperback. 315 Seiten. 19, 80 EUR. www.christel-goettert-verlag.de

21:06 04.05.2009
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Geschrieben von

Mädchenmannschaft

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