Generationen-Gerechtigkeit

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Es ist über zwei Jahre her, dass sich die Bundesregierung zu einem neuen Gesetz für die Regelung des Unterhalts durchgerungen hat. Dieses Gesetz besagt, dass Unterhalt an den Ex-Mann oder die Ex-Frau nur gezahlt werden muss, bis das gemeinsame Kind drei Jahre alt ist. Gerade erst hat die damalige Bundesjustizministerin die Neuregelung verteidigt: “Das Gesetz funktioniere in der Praxis ‘grundsätzlich gut’, sagte Brigitte Zypries. Doch tatsächlich ist das Gesetz gerade in der Praxis deutlich ungerechter als in der Theorie.

Vor zwei Jahren empfand ich die Neuregelung des Unterhaltsrechts als Förderung der finanziellen Eigenständigkeit von Frauen. Es ist richtig, Frauen zu ermuntern, einen eigenen ökonomischen Zugang zu unserer Gesellschaft zu haben. Naiv betrachtet hätte diese Ermunterung vielleicht sogar ein erster Weg aus der Welt des Ehegattensplittings sein können. Doch inzwischen ist mir klar geworden, dass ich damals nur als Vertreterin meiner eigenen Generation gedacht habe. Und dass Frauen, die vielleicht zwanzig, dreißig Jahre älter sind als ich, ganz anders dazu stehen. Für sie bedeutet dieses Gesetz, dass eine Frau, die während ihrer Ehe Hausfrau war (das sind derzeit 5,8 Millionen Frauen in Deutschland, hat die Soziologin Jutta Almendinger in ihrem neuen Buch “Verpasste Potenziale?” ermittelt), nach der Scheidung automatisch von Hartz IV alimentiert werden muss. Denn – Hand aufs Herz: Welche 50-Jährige, die 15 Jahre aus dem Beruf raus ist und sich nachmittags um ihre Teenager-Kinder kümmern muss, kriegt noch einen Job in dem Bereich, für den sie sich vor ihrer Auszeit qualifiziert hat? Realistisch betrachtet sind ihre Chancen äußerst gering. Und dass sich mit einem Teilzeitjob an der Kasse eine Familie nicht wirklich ernähren lässt, versteht sich von selbst. 1,8 Millionen Frauen möchten gerne den Hausfrauen-Job an den Nagel hängen, so Almendinger, und wieder aushäusig arbeiten. Ich wünsche ihnen, dass sie das schaffen.

Und ärgere mich über all diese Forderungen von Frauen in die Aufsichtsräte, Führungsetagen und Chefsessel gleichwohl ich mich darüber freue. Ja, ich bin eine Befürworterin der Quote. Sie ist ein nützliches Vehikel für die Veränderung unseres Arbeitsmarktes in Sachen Gleichberechtigung. Und natürlich wird es mehr Frauenförderung geben, wenn Frauen an der Spitze der Unternehmen sitzen.

Doch wie hilft diese Förderung den Frauen, die einmal draußen waren aus ihrem Beruf nach dem Mutterschutz? Wie viele Top-Positionen gibt es wohl, in denen man um 16 Uhr geht und das Kind aus dem Kindergarten abholt? Und keine Zeit mehr für späte Meetings hat? Wie wird eine Lücke im beruflichen Lebenslauf aufgrund der Geburt von Kindern bewertet? Als mehrjähriges Belastbarkeits-Camp vielleicht? “Familien brauchen Verlässlichkeit und nicht immer neue Sparvorschläge”, sagte Bundesfamilienministerin Schröder unlängst. Ja schon. Doch was ist mit einer Verlässlichkeit für Frauen? Ist das Elterngeld wirklich alles, was unserer Regierung dazu einfällt? Die Grünen fordern die Neuordnung von Ehe- und Familienförderung – “weil der Staat nicht länger ein bestimmtes Familienmodell bevorzugen darf.” Und ja: Die bedarf es dringend. Nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in unseren Köpfen.

Dieser Text von Barbara Streidl ist auch auf dem Blog maedchenmannschaft.net erschienen.

21:15 13.10.2010
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Geschrieben von

Mädchenmannschaft

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