"Girls Around Me" – wie die Privatsphäredebatte weitergehen muss

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Grusel-Aufreger am Wochenende: Die iPhone-App „Girls Around Me“ zeigt an, welche Frauen sich online bei Foursquare in einem Café oder Laden in der Nähe eingecheckt haben. Über den Lokalisierungsdienst Foursquare lässt sich dann auch das Facebookprofil anzeigen – ein perfektes Stalkertool wie ein Kommentar im App Store zeigt. Gleichzeitig beschweren sich dort auch Leute, für die dauerhafte Nutzung noch zahlen zu müssen! Was darauf folgte ist beispielhaft über die derzeitigen Privat­sphäre­diskussionen – und den Umgang mit Frauen in der Gesellschaft.

Wieder einmal hat Apple trotz vorheriger Prüfung eine iPhone-App zugelassen, die Frauen zur Ware degradiert, gesellschaftskritische Apps kommen dagegen schlechter an. Damit illustriert die App den alten Spruch „Wenn Sie für einen Dienst nichts bezahlen, sind Sie offenbar nicht Kundin oder Kunde, sondern die Ware, die verkauft wird.“ (Andrew Lewis, zitiert in „The Filter Bubble“) Die Nutzung von Facebook und Foursquare sind kostenlos, für den „Zugriff“ auf die Nutzerinnen durch „Girls Around Me“ muss man dann allerdings in die Tasche greifen.

Darauf aufbauend geht auch die „im Internet sind alle zu sorglos“-Debatte weiter. Den Nutzerinnen sei gar nicht klar, dass ihre Facebook- und Foursquare-Daten offen einsehbar waren und wie sehr sie sich damit Risiken aussetzen, hieß es bei Cult of Mac. Man solle die App daher nutzen, um seine Bekannten zu mehr Sorgsamkeit im Umgang mit ihren Daten zu erziehen. Ein Argument das sich einfügt in die Diskussionen der letzten Jahre, gerade in Deutschland.

Doch diese Debatte greift zu kurz. Zunächst unterstellt sie allen Social Media-Nutzer_innen Naivität und derartige Pauschalurteile sind selten hilfreich. Nicht alle, aber einige, werden die Entscheidung, Facebook und Foursquare offen zu nutzen, bewußt getroffen haben. Denkt man die Ratschläge weiter, wird klar, dass eine Anwendung wie „Girls Around Me“ nur auf eine Weise effektiv verhindert werden kann: Gar nicht mehr offen aufzutreten, gerade als Frau. Solange sich Geschlecht irgendwie rekonstruieren lässt, sind solche Apps möglich. „Frauen raus aus der Öffentlichkeit!“ Ist das unser Rezept für das 21. Jahrhundert? Und warum gehen unsere Ratschläge eigentlich schon wieder an die Opfer?

Stattdessen müssen wir weiter denken und am anderen Ende ansetzen. Helen Nissenbaum gibt die Richtung vor, wenn sie „Unangebrachtheit des Informations­flusses“ als Problem benennt, der mit „der Vermittlung durch Technologie“ möglich wird. Ausschlaggebend sind unsere Erwartungen, wie andere mit unseren Daten umgehen. Wer sein Bild bei Fourquare einstellt, erwartet nicht, dass es in einer anderen App erscheint – auch wenn das technisch ganz einfach möglich ist. Den derzeitigen Ansatz, über die mögliche Verwendung der Daten aufzuklären, hält Nissenbaum für gescheitert. Aufgrund der technischen Komplexität sei es oft gar nicht mehr möglich. Immer öfter ist außerdem bei der Erfindung einer Technologie nicht einmal klar, was alles damit gemacht werden kann.

Nötig sei daher vielmehr, die Normen der Offline-Welt auch online zu achten. Nur weil es technisch möglich ist, Daten weiterzugeben, ist dies noch lange kein Freibrief, das auch zu tun. Die gute Nachricht: Foursquare hat der App den Zugriff auf ihre Daten inzwischen gestrichen und das mit dem „unangemessenen Aggregieren und Gebrauch“ begründet. Die schlechte Nachricht: Die Frage nach unseren Umgangsformen ist kompliziert, schließlich trifft sich im Internet die ganze Welt. Was sind Privatsphäregrundsätze, die möglichst viele Menschen teilen? Mit der Veröffentlichung von Facebooks Vorgaben, welche Bilder zu löschen sind und welche nicht, haben wir diese Debatte erst begonnen.

Was wir in der Debatte brauchen, ist die klare Ansage, dass Stalking nicht ok ist, auch wenn das Opfer es einem „leicht“ macht. Was wir nicht mehr brauchen, sind Ratschläge an Frauen, sich öffentlich unsichtbar zu machen.

Dieser Text von Helga Hansen erschien zuerst bei der Mädchenmannschaft.

15:07 02.04.2012
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Mädchenmannschaft

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