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Vor kurzem ist der Trickfilm “Für immer Shrek” in die Kinos gekommen. Der Film erzählt zum vierten Mal aus dem Leben des Ogers Shrek, der nach vielen Abenteuern glücklich mit Frau und drei Kindern lebt. Trotz großer Ehe- und Vaterfreuden kann er der Versuchung nicht widerstehen, einen Tag lang aus seinem Leben auszusteigen und als von allen Familien-Pflichten befreiter Kerl so richtig die Sau rauszulassen. Das bringt ihn in viele Schwierigkeiten – ungestraft verlässt niemand seine Familie, auch dann nicht, wenn sein Freiheits-Wunsch der eines naiven grünen Unholds im Kinderkino ist.

Die Umkehr dieser Geschichte steckt hinter der Schlagzeile “Ledige Väter erhalten Sorgerecht”, die uns seit ein paar Tagen beschäftigt. Das Bundesverfassungsgericht hat gerade entschieden, dass das Sorgerecht eines unverheirateten Vaters ab sofort nicht mehr von der Zustimmung der Mutter des Kindes abhängig ist. Jeder Vater kann nun das gemeinsame und sogar das alleinige Sorgerecht beantragen – auch gegen den Willen der Mutter seines Kindes. Mit der Anerkennung der Vaterschaft kann ein Mann automatisch das Sorgerecht für sein nicht ehelich geborenes Kind beantragen – müssen tut er es aber nicht. Es geht dem Gericht einzig um das Wohl des Kindes, nicht um das Wohl der Mutter, die aus verschiedenen Gründen vielleicht kein Interesse mehr am Kindsvater als Partner hat und deswegen kein Sorgerecht mit ihm teilen möchte.

Das Bundesverfassungsgericht hat mit diesem Entschluss auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte reagiert: Vergangenes Jahr war von dort angemerkt worden, dass Deutschland im europaweiten Vergleich eines der wenigen Länder ist, das einem ledigen Vater die Möglichkeit entsagt, sich nicht nur finanziell, sondern auch rechtlich um sein Kind zu sorgen.

Nun haben wir also beim Sorgerecht irgendwie Gleichberechtigung, was ja immer ein Grund sein sollte, gemeinsam mit Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Juhu! zu rufen. Doch es ist ein Juhu! mit einem großen Aber. Natürlich ist es im Interesse aller, Frauen, Männer, Mütter, Väter, Kinder, dass sich beide Elternteile um ihr gemeinsames Kind sorgen. Doch wie ein Interview in der Süddeutschen Zeitung mit dem emeritierten Richter Horst Luthin, der als Experte für Familienrecht gilt, zeigt, laufen wir dabei Gefahr, etwas Entscheidendes zu übersehen. Luthin antwortet auf die Frage, “Es scheint als würden der ledigen Mutter immer mehr Rechte entzogen” folgendermaßen: “Ja, das ist auch gut so. In der Rechtsprechung steht immer mehr das Kindeswohl im Mittelpunkt und weniger die Willkür der Mutter.”

Da sind wir schon beim angekündigten Problem. Die “Willkür der Mutter” – hier wird das Bild einer ich-bezogenen Frau gezeichnet, die bislang alle Rechte über ihr Kind besaß. Sie soll nun einen Teil dieser Rechte gefälligst an den Mann, den Kindsvater schließlich, übertragen. Es geht dabei jedoch nicht um Pflichten, sondern um Rechte. Rechte werden neu verteilt. Ob er nun ledig ist oder verheiratet oder geschieden – ein Vater hat nun das Recht darauf, sich auch um sein Kind zu sorgen. Beschließt nun ein Mann, ob Oger oder Mensch, seine Vaterschaft mal eben beiseite zu lassen, etwas, das leider nicht so selten vorkommt wie man sich das wünschen würde, lässt also ein Mann sein Recht sausen, dann ist es automatisch die Mutter, die für das Kind sorgen muss, erhält sie doch mit der Geburt ihres Kindes automatisch das Sorgerecht. Und damit verbunden auch die Pflicht, sich um ihr Kind zu kümmern. Was ist also nun mit der Willkür des Vaters?

Am Ende des Films “Für immer Shrek” ist der Familien-Aussteiger Shrek sowohl mit seiner Frau als auch mit seinen Kindern wieder vereint. Er hat sich zu ihnen zurück gekämpft, gegen das fiese Rumpelstilzchen und eine Menge böser Hexen. Sein Glück ist: Niemand hat bemerkt, dass er genervt war von seinen Kindern, die ständig die Windeln vollmachen und mit ihrem Gequake seine quality time stören. Keiner weiß, dass er mal eben weg war. Shrek ist weiterhin Vorzeige-Papa und Traum-Partner. So leicht geht das im Märchen – es gibt ein Happyend für die Bilderbuch- Kleinfamilie: Denn natürlich ist Shrek ein heterosexueller verheirateter Oger.

Im echten Leben ist das Happyend nicht so einfach zu erreichen. Doch in welcher Beziehung ein Mann zur Mutter seiner Kinder auch stehen mag, ob ledig, verheiratet oder geschieden, er hat seinen Kindern gegenüber nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Wie das nun in den Gesetzestext hineinkommt, ist schwierig zu beantworten. Vielleicht können diese Pflichten als Rechte verkleidet werden: Gleich nach “Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.” sollte stehen: “Jeder hat das notwendige Recht auf Fürsorge und Unterstützung von Mutter und Vater.”

Dieser Text ist auch auf dem Blog www.maedchenmannschaft.net erschienen; Verfasserin ist Barbara Streidl.

12:53 11.08.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Mädchenmannschaft

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