Oh (Hurrel)Mann! – Da kriesch Plack!

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Klaus Hurrelmann ist “Senior Professor of Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin und hat unter anderem die Shell Jugendstudie 2006 und die World Vision Kinderstudie 2007 geleitet”. Klaus Hurrelmann lief auch mir schon in meinem Studium der Erziehungs- und Sozialwissenschaften so einige Mal über den Weg. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich sein wissenschaftliches Gesamtwerk achte und respektiere. Aber dieser Artikel, der mir hier ins Auge sprang, der hat es wirklich in sich: Panikmache und kleine Unwahrheiten verstecken sich zwischen wissenschaftlichen Analysen. So schreibt Hurrelmann in “Kompetenz, Kinder und Karriere”:

“Solange es formale Erziehungsinstitutionen gibt, solange dominierte bisher das männliche Geschlecht in ihnen, sowohl was die Anzahl der Plätze als auch was die Qualität der Abschlüsse betrifft. Diese Epoche nähert sich dem Ende.”

In Wahrheit sind Frauen in der Schule besser, seit sie genauso mitmachen, wie die Männer: Seit dreißig Jahren und länger. Dennoch wirkte sich das noch lange nicht auf ihre späteren beruflichen Chancen aus. Na klar: Durch die Ansozialisation vermeintlich “weiblicher” Eigenschaften in allen Sphären der Gesellschaft (eigene Herkunftsfamilie, Kindergarten, Schule) waren sie besser auf das eingestellt, was in sturen Schulstunden am besten bei Lehrern ankommt – wohingegen kleine Jungen eher dazu tendieren, dagegen zu rebellieren (und das vielleicht auch mit Recht!). Doch das Gegenteil ist der Fall, wenn es darum geht, in einer Berufswelt zu bestehen, die aus Konkurrenz, Machtstreben und vielleicht auch ein gutes Portiönchen Rebellentum “Helden” schmiedet (mache ich sonst nicht, aber diese Mechanismen hat Susan Pinker so gut in ihrem “Geschlechterparadox” beschrieben, dass man es erwähnen sollte – wenngleich ich nicht mit ihr übereinstimme, was die Ursache dafür angeht). Aber hey – machen wir weiter mit Hurrelmanns Prophetie des Untergangs der Männer:

“Seit dem Start der vergleichenden Untersuchungen im Jahre 2000 haben Mädchen und junge Frauen ihre Position in der Lesekompetenz gehalten oder sogar weiter ausgebaut. In diesem Kompetenzbereich sind sie durch ihre hohen kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten schon immer besser als die jungen Männer gewesen. Aber in der früheren Männerdomäne der naturwissenschaftlichen Fächer haben sie sich seit 2000 ebenfalls kontinuierlich verbessert und liegen heute über weite Strecken vor dem männlichen Geschlecht. Nur in Mathematik übertreffen die Leistungen der jungen Männer die der jungen Frauen, wenn auch nur noch sehr knapp. Schreibt man die Tendenzen fort, ist bei der nächsten oder übernächsten Erhebung auch in diesem Bereich der Durchbruch der jungen Frauen denkbar.”

So weit – so richtig. Hurrelmann zeigt sich hier doch wieder von seiner wissenschaftlich-analytischen Seite. PISA zeigt uns tatsächlich, dass mit Bildungsgerechtigkeit in Abhängigkeit vom Geschlecht zum Nachteil der Jungen einiges schief läuft. Nicht nur PISA, auch andere Studien, wie die von Jürgen Budde (PDF, ca. 700 KB), die er im Jahr 2008 für das Bundesministerium für Bildung und Forschung erstellt hat, legt nahe, dass etwas schief läuft, dass wir etwas ändern müssen. Budde bleibt aber nüchterner und schreibt trotz aller Sorge:

“Eine ausschließliche Orientierung auf leistungsschwache und verhaltensproblematische Schüler wiederholt den negativen Blick der aktuellen (medialen) Debatte und übersieht, dass es ebenso durchschnittliche und erfolgreiche Schüler gibt. Zwar liegt der Anteil der Risikoschüler mit 11,9% um 2,2 Prozentpunkte über dem der Mädchen – darunter überdurchschnittlich viele Jungen mit Migrationshintergrund und aus kapitalienarmen5 Familien. Allerdings finden sich auch bei den kompetenzstarken Schülern – dies wird häufig vergessen – mit 11,8% mehr Jungen als Mädchen (10,4%). Um dieses Dilemma zu minimieren, stellt die Expertise ebenfalls Erfolge und Stärken von Jungen im Bildungssystem dar.”

Zurück zu Hurrelmann – um dem auch endlich ein Ende zu machen: In meinen Augen erweist er ernsthaft an diesen Themen arbeitenden Menschen wie Jürgen Budde und Hannelore Faulstich-Wieland eine Bärendienst, die gerade in erziehungswissenschaftlichen Diskussionen viel intensiver besprochen werden, als öffentlich-medial, die sich dafür aber umso ernsthafter um eine Klärung der ungeklärten Fragen und eine Perspektive für die tatsächliche Lösung der bestehenden Probleme bemühen, wenn er leicht hysterisch anmutend schreibt:

“Bisher sieht es nicht so aus, als ob an irgendeiner Stelle in der Karriereleiter aktiver männlicher Widerstand gegen den Vormarsch der Frauen geleistet würde. Die meisten Männer in Führungspositionen und etablierten Berufsetagen haben den Ernst der Lage offenbar noch nicht erkannt. Die jungen Männer im Bildungssystem sehen mit Irritation und teilweise mit Wut, wie die jungen Frauen in Schule, Hochschule und Berufsausbildung an ihnen vorbei ziehen. Solange sie nicht gegen ihre strukturellen Benachteiligungen aufbegehren und nur resigniert maulen, wird die nächste Runde im Geschlechterkampf an ihre weiblichen Mitbewerber gehen. Und es ist vielleicht die entscheidende.”

Na geil – endlich haben wir ihn wieder: Den Kampf der Geschlechter gegeneinander. Hat er uns nicht schon total gefehlt???

Und weil es besser ist, “die Guten” zu lesen, sei deswegen hier als Alternative zu Hurrelmanns Hysterie das wirklich wunderbare Buch Walter Hollsteins empfohlen, das ich gerade lese und dessen Titel schon wesentlich mehr verspricht: “Geschlechterdemokratie – Männer und Frauen: Besser miteinander leben” [Hervorhebung Mädchenmannschaft].

Ein Text von Katrin@Maedchenmannschaft

21:08 02.10.2009
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Geschrieben von

Mädchenmannschaft

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