Seid doch mal asoziale, aufgeblasene, narzisstische Wichtigtuerinnen

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Die Frage, warum Frauen trotz besserer Bildung, Mentoringprogrammen und gesetzlich verbotener Diskriminierung immer noch weniger erfolgreich seien, wird nun seit geraumer Zeit gestellt. Statt "Frauen wollen nicht erfolgreich sein, sondern lieber niedliche kleine Babies bekommen", erklärte Clay Shirky kürzlich, Frauen könnten nicht erfolgreich sein, weil nur die wenigsten das Zeug hätten arrogante, selbstverherrlichende Fieslinge zu sein.

They are bad at behaving like self-promoting narcissists, anti-social obsessives, or pompous blowhards, even a little bit, even temporarily, even when it would be in their best interests to do so. Whatever bad things you can say about those behaviors, you can’t say they are underrepresented among people who have changed the world.

Zu Deutsch: Sie sind schlecht darin, sich wie selbst-vermarktende Narzissten, asoziale Besessene oder aufgeblasene Angeber zu verhalten, nicht mal ein bißchen, nicht mal kurzzeitig, nicht mal wenn es in ihrem besten Intresse wäre, es zu tun. Was auch immer man an schlechten Dingen über solche Verhaltensweisen sagen kann, dass sie unterrepräsentiert sind unter den Menschen, die die Welt verändert haben, ist es nicht.

Damit hat er unzweifelhaft recht - doch die Welt verändern heißt nicht zwangsläufig, etwas Sinnvolles zu tun, die Welt voranzubringen. Vielmehr verdanken wir auch die größten Desaster Menschen, die sich überschätzt haben. Das spektakuläre Versagen der Heimatschutzbehörde nach den Verwüstungen von Katrina hat beispielsweise ein Mann verursacht, der den Job nicht aufgrund seiner Kompetenz bekam. Michael Brown ist ein Bekannter von George W. Bush – dem derzeit wohl besten Beispiel dafür, was für katastrophale Folgen gnadenlose Selbstüberschätzung haben kann. Sein verzweifelter Versuch, den Diktator abzusetzen, an dem sein Vater einst gescheitert war, ließ ihn den Anschlag auf das World Trade Center missbrauchen und zu Lügen greifen. Nun haben wir zwei Staaten mit unnötigen kriegsähnlichen Handlungen, ein Ende ist nicht in Sicht, die Situation der Frauen oft noch schlechter als vorher.

Die Strategien, mit denen asoziale Fieslinge im normalen Berufsalltag weiterkommen sind vielfältig: Sie übernehmen in Meetings die Ideen anderer Leute und kommen damit durch. Sie werden befördert, weil sie dem Chef das Blaue vom Himmel vorlügen. Es ist anstrengend und zeitraubend, immer wieder die eigenen Ideen zurückzufordern und einzugreifen, wenn die eigene Meinung übergangen wird – und es macht wütend. Statt gemeinsam auf die Einhaltung einfachster Regeln im Umgang miteinander zu pochen, schiebt man die Verantwortung auf die Unterlegenen. Der Vorschlag, auf Teufel komm raus die eigenen Fähigkeiten zu übertreiben, hätte das Gegenteil dessen zur Folge, was wir gemeinhin unter einer konstruktiven Arbeitsatmosphäre verstehen.

Es ist auch einfach, mehr Selbstvermarktung einzufordern, wenn einem das ganze Leben eingebleut worden ist, anderen gefallen zu müssen und vorrangig für andere da sein zu müssen.

Das fängt bei kleinen Mädchen an, die für die Verwandtschaft in die niedlichsten Kleider gesteckt werden und hört bei Müttern auf, denen man vorwirft, sich nicht für ihr Kind aufzuopfern, wenn sie die Frechheit haben, sich einmal einen Kaffee oder einen Job oder gar einen Urlaub ohne Baby zu gönnen. Gerade erst titelte die Men's Health „So kriegen sie beim Sex immer was sie wollen", während selbst die Alley Cat Frauen die Masturbation anpreist mit der Begründung der Sex mit dem Partner(!) würde davon profitieren. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Erfüllt eine Frau nicht die Erwartung, nett zu sein und nur brav zu nicken, muss sie mit negativen Konsequenzen bei der Arbeitsplatzsuche oder Gehaltserhöhungen rechnen. Gerne werden Frauen die den Mund aufmachen dann auch als „Zicke” oder schlimmeres abqualifiziert.

Schließlich lässt der ganze Artikel einen faden Beigeschmack. Wie bei "ich habe nichts gegen Homosexuelle, sie müssen sich nur wie Heterosexuelle verhalten" wird einer benachteiligten Gruppe geraten, sich doch einfach anzupassen und bitte nicht mehr anders zu sein. Doch Anpassung hilft am Ende auch nicht. Migrantinnen, die ihren Namen „eindeutschen” werden trotzdem oft kritisch beäugt, spätestens im Vorstellungsgespräch lässt die Hautfarbe dann den Migrationshintergrund nicht mehr leugnen. Statt der viel gefürchteten "jeder mit jedem"-Partykultur propagieren Schwule zunehmend den Pärchen oder gar Familienlebensstil. Was man ihnen prompt als Bedrohung dieser auslegt und weiter das Recht auf z.B. Eheschließungen verweigert. Es ist auch einfacher, alles zu lassen wie es ist, statt die Rufen nach kritischer Selbstüberprüfung anzunehmen und sein eigenes Verhalten zu ändern. Statt bei der nächsten Gehaltsrunde die Mitarbeiterin zu übergehen, sie ansprechen und erklären, dass sie ihr Licht unter den Scheffel stellt und eine Gehaltserhöhung verdient hat.

Es wäre schön, wenn sich in Zukunft mehr Frauen trauten, ihre Verdienste darzustellen und selbstbewußt Herausforderungen anzugehen. Doch statt die Last nur auf die Schultern der Benachteiligten zu legen, sollten sich alle das bestehende System einmal kritisch anschauen, über die Mechanismen der Unterdrückung nachdenken und die eigenen Gestaltungmöglichkeiten prüfen. Sonst wird aus dem „Rant about Women” statt einer Schimpftirade nur das leere Gerede eines Mansplainers.

Ein Text von Helga@Maedchenmannschaft.

14:35 22.01.2010
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Mädchenmannschaft

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