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Er ist also mal wieder im Gespräch, der Sexismus. Auf der Anklagebank sitzen aber nicht die sexistischen Nutznießer kurzer Röcke und zeigefreudig betonter Kurven, nein, der Vorwurf ereilt eben jene Fräuleins, die ihre Zeigefreudigkeit als Zeichen weiblichen Selbstbewusstseins definieren und dem Sexismus damit die Argumentationsgrundlage entziehen.

Da muss was schief gegangen sein mit der sexuellen Freiheit, wenn sich vor allem junge Dinger dieser Freiheit gemäß ausschließlich aufs lasziv und halbnackt posieren verstehen, unbedingt proporno sind und Striptease als Gymnastikkurs im Fitnessstudio belegen - Männer jedenfalls können sich zu den willig bereit stehenden Wichsvorlagen beglückwünschen.
Oder, wie die britische Autorin Natasha Walter in ihrem Buch „ Living Dolls“ die Diskussion in Schwung bringt, opfern zahlreiche Frauen mit künstlichen Fingernägeln, operierten Brüsten und Extensions im Haar diese Freiheit längst einer auf den heterosexuellen Mann ausgerichteten Stereotypisierung, dessen, was sexy sein soll.
Denn im Ernst, ist „sexy sein“ wirklich etwas, dass wir bei H&M kaufen oder uns ins Gesicht malen können?

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Natürlich haben wir jetzt alle so ein aufgedonnertes Frauenbild vor Augen, aber ich finde es weniger ein Problem, mich sexy zu geben, wenn ich mich danach fühle und das entsprechend beachtet wird, als wenn ich einen Rock und Stiefel aus Alltagsbequemlichkeit trage und plötzlich ebenfalls von allen Seite angeflirtet werde. Denn ich trage einen roten Lippenstift auch mal, weil ich Lust darauf habe und stelle regelmäßig fest, dass es ein besonderer Tag sein muss, wenn alle Männer plötzlich so hilfsbereit und freundlich sind, bis mir einfällt, dass es nicht am Sonnenschein liegt, sondern an einem vermeintlich erotischen Signal meinerseits. Andersherum ist es extrem frustrierend an anderen Tagen, die ich in Schlabberpulli, Jeans und mit ungeföhnter Frisur verbringe, vollends ignoriert zu werden. Aber Schönheit bestimme ich nach meinem Empfinden, und ich will nicht von Fremden daran erinnert werden, dass weibliche Attraktivität in dieser Gesellschaft auf hohen Hacken balancieren muss.
Wie schwierig muss es also für junge Frauen sein, wenn sie nur Akzeptanz nur über ein stereotypes Äußeres erfahren?!

Die „Hypersexualisierung“ der Gesellschaft sei als Zeichen der weiblichen Emanzipation und Macht verstanden worden, sagt Walter. Tatsächlich aber sei sie nicht nur verwurzelt in fortschreitender Ungleichheit, sondern produziere noch mehr Ungleichheit, greift auch die FAZ Walters Thesen auf.

Das heißt, vor allem junge Frauen definieren sich ausschließlich über ein sexuelles Selbstbewusstsein, das keinesfalls auf Erfahrung und Erforschung eigener Bedürfnisse beruht, sondern sich schlicht an dem Unterwäscheplakat an der Bushaltestelle orientiert – im besseren Fall; im schlimmeren anhand dessen, womit Frauen es heute meistens in die Medien schaffen: Sey Sexy Sexy. Und das sei, laut Walter, ein weiterer Rückschritt, den Körper als Eintrittskarte zum Erfolg zu sehen. Obendrein „mit einer sehr verengten Sicht darauf, was es heißt, eine Frau zu sein.“

Genauso problematisch finde ich es, wenn sexuelles Selbstbewusstsein ausschließlich über stereotype Attraktivität und das Begehrtwerden definiert wird. Wer sich danach richtet, versäumt es, sein eigenen Begehren individuell festzulegen. Stattdessen werden Schemata dessen übernommen, von dem andere behaupten, es sei ein unumgehbares Signal sexueller Selbstsicherheit. Dabei bin ich erstaunt, wie viel Unsicherheit und Unerfahrenheit hinter mancher aufgebretzelten Auslage liegt. Und das schränkt in doppelter Hinsicht ein, denn im Grund soll das schön und sexy Schein bleiben, während tatsächliches Selbstbewusstsein kaum jemand ertragen kann. Am allerwenigsten die Medien. Denn das hieße auch, sich selbstbewusst gegen Pornos und BlowJobs auszusprechen, wenn es nun mal auf der eigenen Liste keinen hohen Rang einnimmt. Früher hatte der Zwang zum Sexy-Sein mit dem Vorwurf „Sexismus“ noch einen ernst zu nehmenden Gegner. Aber heute, so argumentiert Walter sei es schwieriger, Sexismus als Argument zu nennen. Denn die Frauen, die wollen ja unbedingt ihre Brüste in die Kamera halten, heißt es. Sexismus agiert heute wie Guerilla-Marketing, aus dem Hinterhalt und subversiv und ohne wir uns versehen, müssen auch wir Feministinnen plötzlich den Schrank voller Sextoys haben, um der Befreiung sexueller Weiblichkeit nicht im Wege zu stehen.

Ob es deshalb der richtige Weg ist, jungen Frauen das vorzuwerfen? Warum nicht jedes Mal laut und an alle Adressen „Sexismus“ rufen, wenn die Mechanismen greifen, in denen Weiblichkeit und Sexy sein ins enge Korsett gesteckt werden, um mit flachem Atem der einzigen Möglichkeit auf Wahrnehmung entgegen zu hecheln.

Oder wie Anna North es auf jezebel angesichts der us-amerikanischen Teenagermädchen formuliert, deren Jungfräulichkeit besonders heiß verpackt wird:

Right now the average teenage girl in America is hearing that she’s pure and virginal and only wants love, but also that she’d better get on the pole if she wants to be “hot” — she deserves to learn that she’s nobody’s madonna, and nobody’s whore, except her own.


Ein Text von Verena@Mädchenmannschaft


12:25 17.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Mädchenmannschaft

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