Von einem Matriarchat

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Der argentinische Arzt, Journalist und Fotograf Ricardo Coler hat bereits mehrere Bildbände und Reportagen über Matriarchate veröffentlicht. Sein 2005 in Argentinien erschienenes Buch „Das Paradies ist weiblich“ über eine ethnische Minderheit in China, die Mosuo, wurde in Argentinien schnell zum Bestseller. Nun ist es auf Deutsch erschienen. Coler besuchte für längere Zeit die Mosuo. Eine Gemeinschaft von etwa 35.000 Menschen in der Provinz Yunnan. Sie betreiben Ackerbau und Viehzucht sowie Handel mit den benachbarten Dörfern. Sie sind gläubige Buddhisten und leben in einem Matriarchat. Was bedeutet die Umkehrung der für uns gängigen Machtverhältnisse für den Alltag dieser Menschen? Einige Beispiele:

Die Mosuo leben zusammen mit ihren Blutsverwandten: Familienoberhaupt ist immer eine Frau – die Matriarchin. Das kann die Großmutter, die Mutter oder die älteste Tochter sein. Alle anderen Familienmitglieder ordnen sich der Matriarchin unter. Sie sind alle mit ihr verwandt – ist es etwa die Großmutter, sind es ihre Töchter und Söhne, Enkeltöchter und Enkelsöhne. Die leiblichen Väter leben nicht mit ihren Kinder oder Partnerinnen zusammen.

Es gibt keine feste Partnerschaft zwischen Mann und Frau wie wir sie kennen, sondern etwas, das im Buch als „Besuchsehe“ bezeichnet wird. Jeden Abend empfängt eine Mosuo-Frau einen Mosuo-Mann ihrer Wahl als Besuchs-Geliebten. Es kann jede Nacht derselbe, oder auch jede Nacht ein anderer sein. Der Mann bleibt über Nacht, zeugt möglicherweise ein Kind, und verlässt im frühen Morgengrauen wieder das Zimmer der Frau. An ihrem Alltagsleben und an ihrer Familie nimmt er keinen Anteil.

Die Frauen haben das Sagen. Und die Arbeit – sie packen mit an, schmeißen den Haushalt und kontrollieren das, was die Männer in ihrem Auftrag erledigen. Lediglich in ganz großen Belangen fällen Männer Entscheidungen, z. B. im Viehkauf oder Hausbau. Coler zitiert dazu eine der Matriarchinnen: „Große Entscheidungen, na ja, nichts wirklich Wichtiges, aber das können die Männer, und sie nehmen uns damit das ein oder andere Problem ab.“

Schwer vorzustellen, ein solcher Alltag. Diese Macht der Frauen scheint die Männer sehr zu entmündigen. Das Zusammenleben der Mosuo erscheint auch Coler nicht sehr ausgeglichen:

„Wie es einer Gemeinschaft von Müttern entspricht, werden die Männer wie Kinder behandelt. Ich frage mich, ob das nicht Einfluss auf die erotische Anziehungskraft dieser Männer hat. Die Frauen verhalten sich wie verantwortungsvolle Erwachsene, sie nehmen ihre Arbeit ernst. Der Mann hingegen erhält Befehle, er wird gescholten, … verbringt viel Zeit mit seinen Freunden, fühlt sich für nichts verantwortlich, wechselt ständig die Geliebte und wohnt das ganze Leben bei seiner Mutter.“

Warum begehren die Mosuo-Männer nicht auf? Fordern Gleichberechtigung?

An manchen Punkten jedoch hat das Matriarchat richtiggehend Vorbildcharakter: Eine Matriarchin zum Thema Kinder & Beruf:

„Eine Frau bekommt ihr Kind und bleibt fast ein Jahr bei ihm. Sie gibt ihm zu essen und beschäftigt sich mit ihm. Wenn es Zeit wird, zur Arbeit zurückzukehren, übergibt sie den Sprössling der Großmutter. Und die älteren Tanten sind ja auch noch da. Die Mutter kann in ihren gewohnten Alltag zurückkehren, und das Kind wächst trotzdem im häuslichen Umfeld auf.“

„So einfach ist das“, meint Coler dazu. Klingt einfach, aber ist es das auch? Fehlt dem Kind nicht der leibliche Vater? Nach dem Lesen dieses Buches bleiben Fragen unbeantwortet. Man möchte selbst nach China reisen und Antworten auf die Fragen suchen, die das Buch nicht beantwortet oder gar nicht erst stellt. Warum hat sich bei den Mosuo ein Matriarchat entwickelt? Warum hat es so lange durchgehalten, als Ausnahme im patriarchalischen China? Und warum haben nicht auch einige der umliegenden Regionen diese Gesellschaftsform übernommen? Seit Maos Herrschaft, so schreibt Coler, hat die chinesische Regierung zwar immer wieder versucht, die Mosuo umzukrempeln. Zwangsehen, Zwangswohngemeinschaften, strenge Gesetze – was auf Dauer aber alles nichts bewirkt hat. Einige Soldaten seien bei den Mosuo geblieben, weil ihnen die selbstbewussten Frauen so gut gefallen hätten.

An manchen Stellen erscheinen mir Colers Fragen etwas boulevardesk. Er möchte von den Mosuo für meinen Geschmack zu häufig wissen, wie sie über Verlieben, Eifersucht, Fremdgehen oder dem Bedürfnis nach fester Bindung denken. Die anderen wichtigen Themen wie z. B. dass es keine Homosexualität bei den Mosuo gibt (Warum? Kann das sein? Oder hat man ihm das einfach nicht erzählen wollen?), dass die Mädchen in der Schule immer gut und wissbegierig sind, die Jungen aber nicht, und deswegen die Schulen auch oft wieder verlassen müssen (Liegt das hier an der Erziehung? Warum sind die Jungen eher nur am Dösen und Spielen, nicht am Lernen interessiert?), kommen leider etwas kurz. Dennoch bleibt „Das Paradies ist weiblich“ ein höchst interessanter Einblick in ein lebendiges Matriarchat.

Ricardo Coler, „Das Paradies ist weiblich. Eine faszinierende Reise ins Matriarchat.“ Aufbau Verlag, 2009. Gebunden. 165 Seiten.

Ein Text von Barbara@Mädchenmannschaft

14:00 16.06.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Mädchenmannschaft

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