Wie könnten neue Männlichkeiten aussehen?

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In letzter Zeit wurde vermehrt in der Öffentlichkeit über „Männlichkeit,“ gar über „Männlichkeiten“ diskutiert. Endlich! Dachte ich zunächst, wünsche ich mir persönlich doch seit längerem eine Diskussion über neue Männlichkeiten jenseits von dem, was man im Englisch-sprachigen Raum „toxic masculinity“ nennt – toxische, schadhafte, destruktive Männlichkeit.

Doch zu früh gefreut. Hauptauslöser der Diskussion war ein Zeit-Artikel der Autorin Nina Pauer mit dem Titel „Die Schmerzensmänner.“ Pauers Artikel hat ein Problem – das Zusammenstoßen von neuen und alten Männlichkeitsstereotypen. Der „Schmerzensmann“ wird definiert als Mann, der sich selbst ständig reflektiert, sich passiv an seinem Bier festhält und nicht weiß, wann er „den move“ anzusetzen hat. Angeblich sei dies ein Problem für Frauen, so Pauer, denn wer will so einen schon als Partner? Der für mich problematischste Kern des Textes offenbart sich in einem Satz: „Spiegeln gleich stehen sich die Geschlechter gegenüber und hyperreflektieren ihre Beziehung zu Tode, bevor sie überhaupt angefangen hat.“ Da ist es wieder: Es ist falsch für den Mann zu viele stereotypisch feminine Züge anzunehmen. Das „Hyperreflektieren“ einer keimenden Beziehung gehört meines Erachtens zum Stereotyp 'junge romantische Frau'. In vielem ist der Schmerzensmann das Gegenteil eines anderen männlichen Stereotyps: Dem 'Player', dem jagenden Macho, der seine weiblichen Opfer analysieren zu können glaubt und „den move“ perfektioniert hat. Persönlich ist mir ja der Schmerzensmann lieber, aber darum soll es in diesem Text gar nicht gehen.

Pauer's Schmerzensmann ist ein Stereotyp, ein überzeichneter noch dazu, eine neue Schublade in die der 'neue Mann' gesteckt werden soll. Explizit geht es um die heterosexuelle, romantische Zweierbeziehung, impliziert wird ein gesellschaftliches Zusammenstoßen von Weiblichkeiten und Männlichkeiten, das etwas anders formuliert auch in ihrem Buch „Wir haben keine Angst“ stattfindet. Wieder der zu passive Mann, der nichts auf die Reihe bekommt und sein Potential ausnutzt, und die zu aktive Frau, die sich bemüht Erfolg zu haben und dabei fast vor Druck zerbricht. Beides stereotype Charaktere, die unsere Gesellschaft zugegeben hervor gebracht hat. Sie sind beide Exemplare der „graduates with no future,“ der Absolventen ohne Zukunft, wie sie Paul Mason in seiner Analyse der letztjährigen Revolutionen und Aufständen „Why It's Kicking Off Everywhere“ beschreibt: Junge Menschen, gut ausgebildet aber ohne direkten Zukunftsplan. Junge Menschen, die zwischen den Rollen, die ihnen vorgelebt und vorhergesagt wurden, hängen.

Junge Männer, die reflektiert oder depressiv sind, attraktiv zu finden oder nicht ist meines Erachtens eine persönliche Frage. Problematischer aus einer kulturwissenschaftlichen oder gar feministischen Position wird es, wenn die Frage, ob Männer 'Gefühle zeigen dürfen' hektisch und, ironischerweise, unreflektiert in der Öffentlichkeit debattiert wird. Ich würde es begrüßen, wenn mehr Männer wie selbstverständlich über ihre Gefühle reden würden, allerdings stimme ich auch diesem Text auf Anarchie und Lihbe zu, dass dafür nicht unbedingt feministische Räume genutzt werden müssen. Wir Männer haben schließlich das Privileg, dass uns die ganze Gesellschaft zuhört. Die feministische Frage in diesem Fall ist meiner Meinung nach: Wieso wurde und wird es so negativ bewertet, wenn Männer 'hyperreflektieren', 'Gefühle zeigen' sprich: feminin sind? Doch weil 'feminin', weiblich sein immer noch als weniger gut bewertet wird.

Pauers Artikel ist, meine ich, eine Mischung aus Stereotypen und persönlichen Beobachtungen und Vorlieben, die dann zu allgemeinen Aussagen vermengt werden. Ein weiterer neuer Text über Männlichkeiten, der auch vor allem mit Stereotypen und persönlicher Erfahrung arbeitet, ist Ralf Bönts „Das entehrte Geschlecht: Ein notwendiges Manifest für den Mann“. Wie der Titel vermuten lässt möchte Bönt für den Durchschnittsmann sprechen, der eben das „entehrte Geschlecht“ ist. Dieser ist für Bönt in seiner Rolle gefesselt, durch die Funktionen die er auszuführen hat, durch das schlechte Image des Mannes als Täter. Eine euphorische Kritik auf Zeit.de spricht vom „Respekt“ für die Frauenbewegung die Bönt ausdrückt. Dies stimmt zwar – aber seine Version der Frauenbewegung ist mitten in der zweiten Welle mit Alice Schwarzer stehen geblieben. Er ist so gnädig, Selbstverständlichkeiten wie das Wahlrecht für Frauen abzunicken. Aber seine Bewertung der Errungenschaften der Frauenbewegung ist optimistisch. So ist sie im Grunde abgeschlossen. Durch das ganze Buch zieht sich der Eindruck, dass alle Privilegien nun bei den Frauen liegen und der Mann zwischen gesellschaftlicher Rolle und Feminismus gefangen und entmachtet ist. Seiner Meinung nach nickt der Durchschnittsmann „beflissen zu Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau“. Sofort fügt er aber hinzu:

„Tatsächlich sieht er im Feminismus meist aber noch immer bloß einen Feind. Jemanden, der ihm etwas wegnehmen will. Das ist zwar nicht ganz falsch, denn Feministinnen wenden sich natürlich gegen ihn, gegen wen denn sonst?“

Dass Feminismus auch bedeuten kann, gegen systematischen und strukturellen Sexismus zu sein, findet bei Bönt keine Beachtung. Auch fehlt die Komponente der Kritik strukturellen Ungerechtigkeit. Er beschreibt durchaus sehr richtig und gut beobachtet, wie sehr der Durchschnittsmann in die Arbeitsrolle gepresst wird, wie wenig er sich der Familie widmen kann, wie wenig ihm geglaubt wird, wenn er zum Beispiel ernsthaft krank ist. Aber es liest sich durch das ganze Buch hindurch als ein binäres Mann gegen Frau, gerade weil er immer wieder zu Schwarzer, Beauvoir und de Gouges zurück kehrt. So beschwert er sich über Arbeitsbedingungen des Mannes, lässt aber die damit verbundene Klassen- und Gesellschaftsstruktur unanalysiert. Auch negiert er an einigen Stellen männliche Privilegien. So ist es ja durchaus wahr, dass der durchschnittliche Arbeitnehmer nicht besonders viel Macht hat. Aber woran liegt das? Er wehrt sich auch gegen die Stereotypisierung des Mannes als aktiver Part in sexuellen Beziehungen. Ich möchte ihm zwar zum Teil zustimmen – nicht immer muss der Mann „den move“ machen – aber seine Erklärung, dass der Mann nicht penetriert sondern die Frau umschließt, wirkt merkwürdig konstruiert. Wie sehr die aktive Rolle nicht nur als Grundeinstellung hingenommen sondern gefordert wird, sieht man unter anderem in der Schmerzensmanndiskussion.

Die Rede vom „entehrten“ Mann als automatischen Täter erinnerte mich an die Diskussion um die Rolle von Männern in rape culture, unter anderem angestoßen durch einen Text des inzwischen sehr umstrittenen Hugo Schwyzers, den ich hier kommentiert hatte. Natürlich ist nicht jeder Mann ein Täter, aber da wir immer noch in Zeiten von Vergewaltigungen und sexueller Belästigung leben kann man es Frauen* auch schwer vorwerfen, wenn sie skeptisch sind. Auch in diesem Punkt ist was Bönt beschreibt durchaus richtig, aber scheitert dann doch an der detaillierteren Analyse. Er negiert völlig, dass der Penis eine Waffe sein kann, da er ja schließlich aus weichem Gewebe besteht. Das negiert meines Erachtens die Realität.

Am Rande: Ein Problem von sowohl Bönts als auch Pauers Text ist ohnehin, dass sie von heterosexuellen Beziehungen zwischen Cis-Menschen ausgehen, was wiederum viele Wirklichkeiten negiert.

Ein großes Problem des ganzen Buches ist, dass seine Definitionen etwas monolithisch sind. Männer, Frauen, Feminismus: Alles gibt es nur einfach. Es hätte dem Buch geholfen, wenn er kritisch von mehreren Männlichkeiten sprechen würde. So sind die Ursache von vielen Dingen, die er beklagt, gerade die toxischen Männlichkeiten, die etwa „Weichheit“ und „Weiblichkeit“ negativ konnotieren. Ich stimme mit ihm darüber ein, dass es Zeit für eine neue Männlichkeit ist. Auch mit den drei Kernforderungen stimme ich überein:

1. Das Recht auf ein karrierefreies Leben. Der Mann muss auch jenseits einer beruflichen Stellung respektiert werden. 2. Das Recht auf Krankheit jenseits der Vorwürfe von Hypochondrie und Fühllosigkeit. 3. Das Recht auf eine geehrte Sexualität jenseits von Ablehnung, Diffamierung, Kapitalisierung und Kriminalisierung.

Doch ich würde diese Punkte auch für andere Menschen als Durchschnittsmänner fordern. Anders als er glaube ich nicht, dass der Feminismus sich nur gegen den Mann richtet oder gar schon am erfolgreichen Ende ist. Es gibt noch viele toxische Männlichkeiten und Weiblichkeiten und den Sexismus als System zu bekämpfen. Und Männer* wären gut beraten, mit und nicht gegen Frauen* zu kämpfen.

Dieser Text von Christoph Schumacher erschien zuerst bei der Mädchenmannschaft.

14:25 26.03.2012
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Geschrieben von

Mädchenmannschaft

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