ARD setzt neue Eichmarke für Historienkitsch

TV-Mehrteiler Der als »Event« beworbene Mehrteiler »Unsere wunderbaren Jahre« senkt das Level der von ARD-Zulieferer Degeto gewohnten Peinsamkeiten auf ein neues Niveau ab.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt

Anna-Maria Mühe: Interview über »Unsere wunderbaren Jahre«

Bereits die Eingangsszene nimmt die – offenbar als Chippendales-süchtig ausgemachte – Zielgruppe Frauen ohne weiteren Erklärungs-Chichi frontal ins Visier: An und in einem in Margarinewerbung-Farben getauchten Baggersee verlustieren sich gleich fünf der wichtigsten Protagonisten des ARD-Mehrteilers »Unsere wunderbaren Jahre«: Ulla Wolf (Elisa Schlott), älteste Tochter der in der Sauerland-Kleinstadt Altena angesiedelten Metallfabrikantendynastie Wolf, ihre jüngste Schwester Gundel (Vanessa Loibl) sowie drei Verehrer des geschwisterlichen Duos: der mit James-Dean-Sexappeal ausgestattete Prolet Tommy Weidner (David Schütter), der Apothekersohn Jürgen Vielhaber (Ludwig Trepte) und der Schuhgeschäftsinhaber-Filius Benno Krasemann (Franz Hartwig). Richtungsentscheidungen offeriert die mit viel Softschleier-Einstellungen aufgenommene Introszene gleich in zweierlei Hinsicht: zum einen, dass sich ein veritabler Ringelpietz mit Anfassen anbahnt, zum anderen die Vorahnung, dass die Geschlechter-Disparität beim nachkrieglichen Outdoor-Abchillen zu einigen Handlungsverwerfungen führen wird.

Action, oder: Heiratest du mich?

Nicht am See präsent ist Margot, die mittlere der Wolf-Schwestern und gespielt von Anna-Maria Mühe. Auch der Rest des Nachkriegsjahre-Settings entstammt der bewährten Riege qualitätsgewusster Tatort- sowie Vergangenheitsaufbereitungs-Produktionen. Katja Riemann als beinamputierte Patriarchin der Familie ist mit echten Löwenbändiger-Qualitäten ausgestattet. Thomas Sarbacher, der den Fabrikanten Eduard Wolf gibt, kennt man als Konsument derartiger Produktionen ebenfalls. Als Bösewichte hinzu kommt der in Zwangsarbeiterumtriebe verwickelte Wolf-Konkurrent Walter Böcker (Hans-Jochen Wagner) sowie ein manchmal etwas distanziert-strenger, im Großen und Ganzen jedoch als fürsorglicher Onkel durchgehender Besatzungsoffizier der Briten (Commander Jones, gespielt von Tim Williams).

Der Grund von Margots Abwesenheit: Die mittlere der Wolf-Schwestern hält nach wie vor ihrem Mann die Treue – einem zur Leibstandarte Adolf Hitler gehörenden SS-Kämpen, der erst als verschollen gilt, aber alsbald – wir ahnen es bereits – auftauchen wird. Auch sonst erweist sich Margot als leidenschaftliche, wenn auch etwas aus der Familienart geschlagene und letzlich verführte Anhängerin des untergegangenen Reichs. Anders als ihr Vater – der seinerzeits nicht nur mal einem Juden das Leben gerettet hat, sondern sich auch produktionstechnisch strikt auf die Herstellung von zivilen Metallgütern beschränkte. Wie zum Beispiel Draht. Leider handelte es sich bei dem Draht, wie wir bald erfahren, dann doch eher um Stacheldraht. Verwendet wurde der im KZ Bergen-Belsen – einem Lager, dass in der Terminologie dieser unter Degeto-Dach agierenden UFA Fiction-Produktion konsistent als »Vernichtungslager« klassifiziert wird.

Offensichtlich war ein Guido Knopp, der den Unterschied zwischen Auschwitz-Birkenau – ergo: den echten, wortwörtlich zu nehmenden Vernichtungslagern – und den Lagern im Reich hätte erklären können, im Kreativcamp der ARD gerade nicht zur Hand. Umgekehrt ist der historische Background in diesem Nachkriegsreigen aus Schicksal, Schmacht und Wiederaufbau-Qualitäten eh nur Staffage. Entsprechend ähnelt das Gesamtambiente vergleichbaren Produktionen. Pate stand ersichtlich die ZDF-Erfolgsproduktion »Ku’damm 56« von Nico Hoffmann. Dass die ARD hier ein Äquivalent wollte, zeigt jede Filmminute dieses rund viereinhalb Stunden langen Schicksalsepos. Womit wir ebenfalls beim Thema Eifersucht angelangt wären – wenn auch eher einer auf Senderebene.

Immerhin sorgt der (KZ-)Draht für die nötigen Turbulenzen in der Rahmenhandlung. Wolf wurde angeschwärzt – wobei er in einer Szene sogar mit Original-Filmaufnahmen aus Bergen-Belsen konfrontiert wird. Der Vater ist somit außer Gefecht, was heißt: die Frauen der Familie sind nunmehr gefragt. Was mit wechselnden Fortune geschieht. Ulla kann sich nicht so recht zwischen dem – politisch mit linksaußen flirtenden – Prolet und dem Apothekersohn entscheiden; zudem visiert die Ex-Krankenschwester ein Medizinstudium in Tübingen an. Der Rest lässt sich am kompaktesten mit einem etwas abgestandenen Porno-Witz auf den Punkt bringen – demzufolge der entscheidende Unterschied zwischen normalen Pornos und Frauenpornos der ist, dass in letzteren der männliche Act vor der Action einen Heiratsantrag platziert.

Heiratsanträge bleiben im Verlauf des Mehrteilers ebensowenig aus wie das Gegenteil: gebrochene Versprechen, Vernunftehen aus taktischem Kalkül und Ähnliches aus der Sparte. Die Chose im Kurzdurchlauf: Nachdem es zwischen Ulla und Tommy suboptimal lief (Achtung: Techtelmechtel mit Schwester), strandet dieser in Ost-Berlin und bandelt dort – als Student mit Ziel sozialistischer Wiederaufbau – gleich mit einer attraktiven Professorin an. Die wiederum hat ein Agreement mit ihrem zeugungsunfähigen Mann, und so kommt der idealistische West-Aufbauhelfer gleich noch als Samenspender mit ins Spiel. In Altena geht es zwischenzeitlich drunter und drüber. Der Altnazi Böcker ist im Wolf-Unternehmen mit eingestiegen – wobei erst die Münzprägung für die anlaufende D-Mark für Profit sorgt und später mögliche Waffengeschäfte. Der heimgekehrte SS-Mann stirbt entkräftet an (Gefangenschafts-bedingter) Tuberkulose – womit der Mehrteiler, wenn auch unbeabsichtigt, sogar auf der Höhe aktueller Ereignisse liegt. Margot respektive Mühe, nicht nur in derlei Dingen überraschend unkonventionell, hilft beim Dahinscheiden via Kopfkissen nach.

Auch sonst überschlagen sich die schicksalssschwangeren Ereignisse. Ulla will ihren Vater entlasten und sucht in Ost-Berlin den geretteten Juden. Der sagt, nach anfänglichem Sich-Zieren, zugunsten von Vater Wolf aus, und hat in einer Friedhofsszene mit dem Vorwurf »Ihr alle seid Mörder!« seinen abschließenden Auftritt respektive seine Schuldigkeit getan. Tommy hilft, von Ulla darum gebeten, bei der Entlastung mit, verpatzt diese allerdings und wird zudem in unerfreuliche Kapriolen anlässlich des Aufstands am 17. Juni verwickelt. Seine Geliebte und ihr – ebenalls zu sehr arbeiterfürsorglicher – Mann wandern in den stalinistischen Gulag, Tommy kehrt zusammen mit seiner jungen Tochter zurück nach Altena, und – so viel sei an der Stelle schonmal verraten – der Mehrteiler geht langsam in sein Finale.

Sinn & Form

Ein unbedingt mit zu vermerkendes Element dieser bereits plotbedingt überdurchschnittlich schwülen »Schwarzwaldmädel«-Nachfolgeproduktion ist das Maß an Zuckerguss, welcher über das Ganze gestreut wurde. Die Farbgebung changiert fast durchgängig zwischen vorabendlicher Margarinewerbung, »NS in Farbe« sowie weichgezeichnetem Softporno-Look der Siebziger. Die aufdringlich darüber gelegte Mischung aus Orchester- und Synthietönen funktioniert letztlich ähnlich wie der Klang-Background in der Disko: Man möchte vielleicht zwei, drei Takte reden, aber es geht halt eben nur schlecht.

Konterkarriert wird der – an jeder Ecke »Schicksal!« und »Achtung, jetzt kommt was fürs Herz!« markierende Sound von Livemusik-Einlagen, die gern auch durch eine flotte Tanznummer auf dem Parkett komplettiert werden. Auch diese Einlagen wirken ähnlich wie Farbgebung und Ausstattung. Rezipiert werden weniger authentische Schlager der Epoche, sondern vielmehr geschönte Varianten davon – Chansons mit deutschen Texten, stilechtem Upright Bass, Tolle und Swingjugend-Attitüde. Im Puff – wo die Fiesen ihre fiesen Geschäfte ausdeichseln – darf es gern etwas Rhythm’n’Blues sein (und dazu auch die angemessene Dosis nackte Haut). Gevögelt wird ingesamt recht ausgiebig – wenn auch die entsprechenden Szenen derart stark im Chippendales-Look gehalten sind, dass die Sexszenen in »Games of Thrones« demgegenüber wie Amateurmovies auf einschlägigen Plattformen wirken.

Eher heutigen Geschmäckern entsprechen auch die ausgefilmten Inneninterieurs. Mit ihren Signalen – viel »Schöner Wohnen«, wenig Gelsenkirchener Barock – bilden sie zielsicher den Geschmack ab, auf den heutige Yuppie- und Mittelstandsklientschaft zurückgreifen würde. Ein weiterer Punkt sind die Requisiten. Tommy als (kommunistischer) James-Dean-Frauentraum mit kurzer Lederjacke und Halbstarken-Appeal ist historisch ebenso schludrig in Szene gesetzt wie Sonnenbrillen sowie die gerauchten Fluppen. Es passt einfach zu vieles nicht, und der Grund dafür dürfte auch nicht allzuschwer zu erraten sein: zu wenig Ahnung von und zu wenig Interesse für stimmige Details. Ergebnis so: Insgesamt erweckt die Produktion den Eindruck, dass alles, was in die Rubrik »Vintage« hereinpasst, wahllos fürs Drehmaterial zusammengesamplet wurde – nach dem Motto: Die Zuschauer bemerken derlei Feinheiten sowieso nicht.

Fazit

Soll man den – bewegungstechnisch derzeit sowieso arg eingeschränkten – Zuschauerinnen und Zuschauern nicht etwas Spaß gönnen, zur Not sogar solchen der anspruchslosen Sorte? Klaro – abgesehen von dem Umstand, dass an der Sorte »Grundversorgung« eh kaum ein Mangel herrscht. Sicher hat »Unsere wunderbaren Jahre« auch Momente, die man rein unter der Rubrik »harmloser Eskapismus« abhaken kann. Die Rummacherei geht okay; zur Not sogar die für derlei Produktionen üblichen Überstilisierungen. Es gibt sicher ein paar gutgemeinte Momente – etwa der Ansatz, dass Frauen ihre Frau stehen und das auch in der Nachkriegszeit bereits der Fall war.

Umgekehrt allerdings ist gerade dieser Aspekt ein gefährliches Einfallstor – in dem Fall für geschichtsklitternde, tendenziell reaktionäre Ideologie. Abgesehen davon, dass das Frauenbild der »wunderbaren Jahre« letzten Endes ein altbackenes ist, werden feministische Anliegen hier für politisch äußerst bedenkliche, in Teilen peinsame Formen der Geschichtsklitterung und Historie-Schönfärberei gekapert. Ganz dem sepiafarbenen Look der Serie entsprechend ist »wunderbar« in diesem Kontext ein Synonym für die Schönheit des Wirtschaftswunders – eine Ära, die nicht nur vollkommen unkritisch dargestellt wird, sondern gleich nah am Konzept der »Volksgemeinschaft« angebaut ist. Die Verwicklung einzelner Hauptprotagonisten in die Naziverbrechen wird als zeitbedingt und letztlich entschuldbar hingestellt – nach dem Motto: »Das war damals eine andere Zeit«. Wirkliche Brüche beim handlungstragenden Personal: Fehlanzeige. Selbst die Haupt-Nazisse – die von Mühe gespielte Sister Margot – wandelt sich zum Finale hin doch noch zu einer Art Guten. Als »wirklicher« Nazi bleibt lediglich der als etwas tumb hingestellte Firmenkonkurrent Böcker.

Last but not least: Die – fast 1000 Seiten dicke und bereits auf dem Cover eine ähnliche Herangehensweise signalisierende – Vorlage stammt von dem auf leichte Historienkost versierten Autor Peter Prange, dessen Meinung zur Verfilmung an der Stelle nicht vorenthalten werden soll. Fazit: Mit viel »Schicksal« wedelnder Schmonzenz – angereichert mit NS-Entsorgung, die im Bereich der weitgehend outgesourcten ARD-Filmunterhaltung einen neuen Tiefpunkt markiert.

Immerhin das geschafft zu haben ist eine Errungenschaft, die sich ARD, Degeto sowie freelancende Zulieferer ähnlichen Kalibers stolz aufs Panier schreiben können.

Unsere wunderbaren Jahre. TV-Mehrteiler von Elmar Fischer mit Anna-Maria Mühe, Katja Riemann, Thomas Sarbacher und anderen. 2020; ca. 270 Minuten. Zusätzliche Detailinfos: bei degeto.de

Ausstrahlungsdaten (ARD): Mi, 18.03.,20:40 Uhr; Sa, 21.03., 20:15 Uhr; Mi, 25.03., 20:15 Uhr.

In der ARD-Mediathek als sechsteilige Miniserie hier verfügbar.

14:38 19.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

Kommentare