Berlin: Wer wählte was?

Berlinwahl Die Zahlen der einzelnen Wahlkreise und Bezirke liegen zwischenzeitlich vor. Ergebnis: eine örtlich wie sozial segmentierte Metropole. Der Überblick: Wer wählte wo wie?
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Im Großen und Ganzen lieferte die Berlin-Wahl wenig Überraschungen. Mit Ausnahme des AfD-Erfolgs, der weniger spektakulär ausfiel als von den Rechtspopulisten angekündigt, bestätigte das Wahlergebnis (hier: Infoseite zur Berlinwahl bei tagesschau.de) die Umfrageergebnisse der letzten Wochen. Haupt-Trend: Rein rechnerisch gesehen wäre der Weg zu Rot-Rot-Grün frei. Ob die Müller-SPD diesen Weg real einschlägt oder ob sich diesbezüglich Überraschungen ergeben, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen herausstellen. Theoretisch jedenfalls läge eine Fortsetzung der bisherigen Koalition durchaus im Bereich des Denkbaren – entweder mit Hilfe der FDP (81 Sitze = 1 Stimme Mehrheit) oder im Verbund mit den Grünen (96 Sitze).

Berlin segmentiert: Ost, West, arm, reich

Busines as usual: Nach diesem Motto wird man die nächsten Tage und Wochen vermutlich auch das Ergebnis der Berlinwahl angehen. Rot-Rot-Grün mag dabei in der Tat der generelle Trend sein – falls der Wählerwink mit dem Zaunpfahl erhört wird, eine andere, sozialere Politik praktisch in Angriff zu nehmen. Allerdings: Der Blick auf die einzelnen Wahlkreise und Bezirke offenbart eine Bevölkerung, die in vielerlei Hinsicht aufgespalten und polarisiert ist. Die Infografik zu den Abstimmungsergebnissen der 78 Wahlkreise bei welt / n24 zeigt die Auffälligkeiten in fünf Farben an: rot, magentafarben, grün, schwarz und hellblau. Die Hochburgen der CDU konzentrieren sich im bürgerlichen Speckgürtel des alten Westens: Zehlendorf, Steglitz, Teile von Spandau sowie den westlichen, abseits des Kudamm-Glamours liegenden Teilen von Charlottenburg. Exterritorial, wenn auch (noch) im Westen gelegen: die nördlichen Wahlkreise in Reinickendorf rund um den Flughafen Tegel sowie zwei vorörtlich geprägte Ost-Wahlkreise in Marzahn-Hellersdorf.

AfD-hellblau eingefärbt sind einige Außen-Wahlkreise im Nordosten: Pankow 1, Lichtenberg 1 sowie Marzahn-Hellersdorf 1 und 3. In Marzahn-Hellersdorf 1 holte AfD-Mann Gunnar Lindemann nicht nur das Direktmandat. Mit 30,8% ist die AfD hier stärkste Partei. Fest in grünen Händen hingegen sind vor allem einige Innenstadt-Wahlkreise: Prenzlauer Berg, Teile von Mitte, Kreuzberg-Friedrichshain sowie die »szenegeprägten« Teile von Schöneberg und Neukölln/Nord.

Der rot-magentafarbene Streifen mit den Direktmandaten für SPD und Linkspartei verläuft – die grünen Innenstadtkieze ausnehmend – zwischen konservativ-bürgerlichem Westen und den rechtspopulistischem Nordost-Außenbezirken. Wie zu erwarten, teilt sich die Wahl-Topografie in einen roten Streifen im Westen und einen magentafarbenen im Osten. SPD-geführt sind nach wie vor die kleinbürgerlich geprägten Viertel im Westen – in Spandau, Charlotttenburg, Tempelhof, Wedding und Neukölln. Hinzu kommen eine Reihe Wahlkreise im nordöstlichen und südöstlichen Teil der Stadt. Die Linkspartei hingegen konnte vor allem ihre alten Hochburgen in der östlichen Innenstadt-Peripherie halten beziehungsweise ausbauen. Fazit: eine politisch deutlich gespaltene Stadt – bürgerlich-konservativ im Westen, sozialdemokratisch beziehungsweise Linkspartei-orientiert im Ring rund um das weitere Zentrum, grün in den zentrumsnahen Innenstadtkiezen und rechtspopulistisch schließlich in den abgehängten Ost-Außenbezirken.

Die Vier-Zonen-Metropole

Trabantenstädte plus Hoffnungslosigkeit plus Abgehängt-Sein = gute AfD-Ergebnisse? Die Wahlparty der Rechtspopulisten fand zwar im gutbürgerlichen Charlottenburger Ratskeller statt. Für das Gros der Wählerschaft dürfte jedoch sicher die Regel gelten: je abgehängter, perspektivloser und trister das Leben, desto höher die Chance, dass sich die Wut über »die da oben« in rechten Stimmen amortisiert. Die Wahlergebnisse am tristen Berliner Nordostrand offenbaren ein wahres Desaster. Negativ-Highlights sind Marzahn-Hellersdorf 1 und 3 (30,6% und 29,8%). Gesamtbild in den von Trabantenstädten geprägten nordöstlichen Randbezirken: Stimmlich mithalten kann nur noch Die Linke; die SPD rangiert im Mittelfeld, die CDU auf FDP-Level und die Grünen auf Piratenpartei-Niveau.

Auf überdurchschnittlichem Niveau rangiert die AfD allerdings auch in einigen Bezirken, in denen die CDU gut abschnitt. Speziell zu trifft dies auf die Flughafen-Tegel-nahen Wahlkreise in Reinickendorf und Spandau. Über dem Landesdurchschnitt liegende Ergebnisse konnte hier speziell die FDP einfahren. Ein Herz für die Kleingeschäfte-Infrastruktur um den Flughafen, die sich nun in Wählersimmen ausgezahlt hat? Nicht ausgeschlossen. Allerdings: Entgegen dem Eigenlob, die Partei hätte vor allem wegen ihrer konsequenten Pro-Tegel-Haltung stimmlich zulegen können, fuhren die Liberalen vor allem in den Flughafen-abgelegenen bürgerlichen West-Randbezirken zum Teil zweistellige Ergebnisse ein. Die Ergebnisse in der CDU-Hochburg Steglitz-Zehlendorf 3 sind darüber hinaus symptomatisch für diesen Teil der Stadt – CDU: 32,1%, SPD: 24,8%, knapp 10 Prozent für AfD und FDP, die Grünen mit solventen 17% und die Linkspartei weit abgeschlagen mit 5.

Die Linke-unfreundlichsten Wahlkreise liegen in den von Dorfrest-Idylle und Eigentumswohnung-Tristesse geprägten Außenbezirken von Reinickendorf und Tempelhof. Bei den Grünen hingegen gibt es die ein oder andere Überraschung. Dass die Öko-Partei in Kreuzberg den Rang einer Volkspartei einnimmt, ist zwar allgemein bekannt. Nichtsdestotrotz differenzieren sich die Ergebnisse der Grünen dort nochmal aus. Absolute Hochburg ist nicht das von Migrationsproblemen in Mitleidenschaft gezogene ehemalige Kreuzberg 36 (Grüne: 31,3%). Flächendeckend grün gewählt wurde vor allem im solventeren Teil des Kiezes rund um Mehringdam und Bergmannstraße (Traumergebnis hier: 44,1%). Situation der Mitbewerber hier: SPD und Linkspartei auf besserem Mittelpartei-Level (19,7 und 16,4%), die CDU auf FDP-Niveau (7,8%) und die AfD – unterhalb der drei-Prozent-Marke.

Mit Ergebnissen über 20 Prozent punkten konnten die Grünen allerdings auch in Teilen von Moabit und Mitte – Kiezen, in denen die stadtbekannten Gentrifizierungsprozesse ebenfalls zu greifen beginnen. Interessant sind darüber hinaus auch die Hochburgen von SPD und Linkspartei. Auffällig hier: Beide Parteien sind vor allem in jenen Wahlkreisen und Bezirken stark, die von einer kleinbürgerlich-arbeiterschaftlichen Bevölkerung geprägt werden. Beispiel Wedding: Der zum Problemkiez abgesunkene »Rote Wedding« ist weiterhin eine Domäne der SPD. Die Linke schnitt hier immerhin überdurchschnittlich ab, die AfD unterdurchschnittlich und die CDU weit hintan. Eine weitere Enklave in sozialdemokratischer Hand sind die südlichen Ausläufer von Schöneberg, Charlottenburg, Neukölln sowie die Herzkammer der Partei, Tempelhof/Nord (30,7%).

Im Osten sieht der Fall ähnlich aus – allerdings mit substanziellen Abweichungen. SPD und Linkspartei teilten die Direktmandate hier großteils unter sich auf. Merkmal: Beide Parteien liegen ziemlich gleichauf – wobei rot und magentarot zusammen auf rund die Hälfte der Wählerstimmen kommen. Allerdings: Auch im Ostteil des Stadtviertel-Ringes rund um das Zentrum konnte die AfD teils überdurchschnittlich zulegen: in Pankow 4 (Weißensee, Malchow, Blankenburg) auf 20,1%, in Köpenick/Ost sogar auf 24,8%.

Fazit

Betrachtet man die Einzelergebnisse, gliedert sich Berlin in (mindestens) vier politisch deutlich voneinander unterscheidbare Zonen. Zone eins ist der alte bürgerliche Westen. Hier gibt die CDU nach wie vor das Tempo vor – nach Kräften sekundiert nun wohl von der wiederauferstandenen FDP. Den Gegenentwurf zu dieser Welt liefern die abgehangenen Plattenquartiere am nordöstlichen Rand der Stadt. Inwieweit die Wahlpropaganda der AfD unter den dort konzentrierten Russlanddeutschen gefangen hat, wird im Detail zu klären sein. Fest steht allerdings: Je perspektivloser das Leben und je vereinzelter, desto größer offensichtlich die Neigung zu Wahlenthaltung oder »Wutstimme«. Auffällig ist darüber hinaus die prekäre Lage: eine Lage, die offensichtlich nicht allein sozial definierbar ist, sondern sich auch am Grad der »Abgehängtheit« festmachen lässt.

»Abgehängtheit« scheint das wesentliche Kriterium zu sein, welches die AfD-Randzone von den kleinbürgerlich-arbeiterlichen Quartieren zwischen den Extremzonen eins und zwei unterscheidet. Der sozialdemokratisch-linksparteiliche Gürtel rund ums Zentrum wartet zwar nicht mit den hippen Aufwertungsattributen auf, welche Zone vier – den grün dominierten Innenstadtkiezen – eigen ist. Im Unterschied zur AfD-Zone (die das nicht mehr hat) und der CDU-Zone (wo solches nicht nötig ist und die Netzwerke auf andere Weise funktionieren) existieren hier sowohl noch soziale Zusammenhalte als auch ökonomische Faktoren, welche die Menschen in der Gesellschaft halten. Stetig mitzudenken ist hier der Anteil derjenigen, die auf irgendeine Weise im öffentlichen Sektor beschäftigt sind.

Bürgertum, Abgehängte, das staatstragende Volk und das grün dominierte Digitalboheme- und Besserverdiener-Milieu – diese vier Faktoren bestimmten letzten Endes das Ergebnis der Berlinwahl. In dieser Zusammensetzung liegt Wohl und Wehe zugleich. Im Idealfall könnte Rot-Rot-Grün einiges tun, die Stadt zu befrieden. Das Zauberwort hier hieße: sozialer Ausgleich. Umgekehrt könnte man auch die Ränder stärken – den der Besserverdienenden und ökonomischen Eliten und den der Abgehängten. Welches Szenario auch kommt: eine Pole Position kommt auf jedem Fall dem grünen Mileu im Herzen der Stadt zu. Tendiert es zur (ökonomisch) stärkeren Seite, werden die AfD-blauen Zonen auf der Karte größer, die roten und magentafarbenen weiter geschleift. Möglich, dass das Puzzle der Berlinwahl 2016 im wesentlichen so bliebe. Tendenziell allerdings würden sich die vier Stadtzonen verstärkt in Richtung Gated Communities entwickeln.

In Richtung jenes Sozialdarwinismus, den in extremer Form zur Zeit vor allem die AfD propagiert.

Weitere statistische Details im Wikipedia-Artikel Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2016.

17:00 19.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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