Biermann bei Jauch: Nazis besser als Putin

Wolf Biermann Neue Eichmarke für Nazi-Vergleiche: Wolf Biermann hat im Jauch-Talk nicht nur Putin mit Hitler verglichen, sondern letzteren positiv hervorgehoben. Ein Eklat? Kaum.
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Der sonntägliche Jauch-Talk am 23. November hätte ebenso einvernehmlich wie thematisch ergiebig enden können. Thema: Russland. Anknüpfungspunkt: Das eine Woche zuvor ausgestrahlte Putin-Interview. Gäste: Gabriele Krone-Schmalz, Matthias Platzeck, Alexander Graf Lambsdorff sowie der Liedermacher Wolf Biermann. Der üblichen Showdramaturgie gemäß war Biermann wohl die Rolle des polarisierenden Konterparts zugedacht – des Drachen- oder Putintöters, im Gegensatz zu den dezidierten »Putin-Verstehern« Krone-Schmalz und Platzeck. Wider Erwarten war das Gros der Sendung jedoch von geradezu überdurchschnittlicher Sachlichkeit geprägt. Das Publikum bedachte vor allem die nachdenklichen, mit viel Erfahrungshintergrund vorgetragenen Argumenationsketten von Krone-Schmalz und Platzeck mit deutlichem Applaus. Krieg? Nein, Gott bewahre – kein Mittel. Selbst Biermann schien von der allgemeinen Verständigungsstimmung angesteckt, gab sich Mühe, seine Retorik zu zügeln, wagte teilweise sogar Ausflüge in Realpolitik und Selbstkritik. Er sei, so Biermann am Ende der Sendung, ein alter Mann, zu heftig mit dem Herzen und zu schwach mit dem Verstand, um etwas Sinnvolles zur Diskussion beitragen zu können.

Ein, zwei Minuten später kam er doch noch, der Eklat – in Form eines Nazivergleichs. Biermann kurz vor Sendungsende: Wladimir Putin sei, anders als Adolf Hitler, nicht einmal fähig, eine Autobahn zwischen Sankt Petersburg und Moskau zu bauen. Das war’s dann auch schon. Nachdem Jauch den Gast mit einfühlsamen Worten aus der Todeszone hinauskomplimentierte mit dem Hinweis, Nazivergleiche seien problematisch und möglicherweise reputationsschädigend, war die Sendung zu Ende. Eklat vermieden, gerade so? Anders gesagt: Sollte man Biermanns Schlussbemerkung einfach so stehen lassen – als unbedachte, dahergesagte Worte eines gealterten Staatskünstlers. Eines Sachfremden, der sich Mühe gab, dann aber doch auf dem politischen Parkett ausgerutscht ist? Oder geht das, frei nach Kerner, überhaupt nicht? Anders gesagt: Hat Wolf Biermann Grenzen überschritten? Oder lediglich eine neue Normalität formuliert – eine Normalität, in der Hitler normal ist, und in der man den Gröfaz frei nach Bedarf aus dem Kästchen zieht?

Das Problem mit Biermann ist nicht, dass er nunmehr auch »hat«. Die Liste einschlägiger Nazivergleiche ist lang. Sie reicht von Joschka Fischer (Milosevitch = Hitler) und Hans-Magnus Enzensberger (Saddam = Hitler) bis hin zu Hillary Clinton, Julia Timoschenko und Wolfang Schäuble (Putin = Hitler). Irgendwo dazwischen auf der Maßskala: die Gleichsetzung von Autonomen oder anderer Linker mit der SA (Linke = Hitler) und – zum Metier der Vergleiche dazugehörend wie das Zeitungspapier zum Fisch – der umgekehrte Salto mortale: der Hinweis, dass bei Hitler nicht alles schlecht war. Bekanntestes Beispiel in jüngerer Zeit: die ehemalige Tagesschau-Moderatorin Eva Herman. Hermans faux pas im Kerner-Talk anno 2008: die Absicht, die Familienpolitik der Nazis positiv hervorzuheben. Wobei sie, genauso wie Biermann im Jauch-Talk, zielsicher bei dem landete, was Deutschlands Michel nach wie vor für die bleibende, große Errungenschaft des Dritten Reiches hält: der Autobahn.

Gedankenlos dahingeplappert, herausgerutschte Volkesmeinung oder absichtlich platzierter Eklat mit dem Hintergedanken, nach der »Drachentöter«-Rede im Bundestag noch einen draufzusetzen? Letzten Endes unwichtig. Mit seinem Vergleich hat Biermann nicht nur die faktisch offenkundig unsinnige, in der Antirussland-Propaganda mittlerweile jedoch fast bedenkenlos in Anschlag gebrachte Vergleichsform gewählt: Putin ist wie Hitler – ungedachtet der Tatsache, dass weder Schäuble noch der Spiegel irgendwelche Belege erbringen können für Vernichtungslager oder Anzeichen eines Umgangs mit politischer Opposition, welcher auch nur annähernd an den der Nazis heranragt. In seiner antirussischen Hybris ist Biermann einen Schritt weitergegangen. Die gängige Variante des Hitler-Vergleichs hat ihm nicht gereicht. Biermann wählte die Herman-Variante des NS-Vergleichs – die mit der Autobahn, der positiven Bezugnahme. Wortökonomisch gesehen hat er dabei eine Meisterleistung vollbracht: in zwei kurzen Sätzen a) die Dämonisierung Russlands herunter in die Stalin- und Hitler-Liga, b) die Hervorhebung des NS als – verglichen zu Putins-Russland – kommode Diktatur, in der wenigstens die Technik funktionierte.

Wie müssen wir uns Putins Russland vorstellen? Als Land übersät mit Todeslagern? An jeder Straßenecke Massengräber mit kalküberdeckten Leichen? Die man nur schwer erreicht, weil die Straßen eben so schlecht sind? Oder war – die andere naheliegende Auslegungsvariante – Nazideutschland eine ganz aushaltbare Diktatur? Sicher mit der ein oder anderen Schwulenverfolgung und in Sachen Punkkultur & politische Opposition ungebührlich repressiv. In Sachen Alltag und mobile Fortbewegung jedoch (anders als Russland heute) absolute Weltspitze. Form follows Funktion. Anders als die gezielte Antirussland-Hetze von Medien und transatlantischem Teil der politischen Elite hat Biermann nicht nur einfach ins Propagandahorn gestoßen. Er hat den Brückenschlag vollzogen zum neuen sich anbahnenden nationalen Selbstverständnis. Sicher – an Hitler war nicht alles gut. Die Judenverfolgung, der Weltkrieg und vor allem der Holocaust – all das gilt es weiter zu kritisieren. Und sicher ist in dem Konsens auch das Autobahnprogramm der Dreißiger kritisch zu reflektieren. Alles in allem sind die Deutschen jedoch auf einem guten Weg, sich mit ihrer Geschichte auszusöhnen. Bismarck – nicht Begründer eines militaristischen Feudalstaats, sondern Diplomat und Reichsgründer. Wilhelm II – Mann mit (sympathischen) Fehlern. Hitler – kein konterrevolutionärer Exekutator des deutschen Kleinbürger- und Eliten-Mainstreams, sondern einfach ein Irrer (allerdings mit nicht ganz unfähigen Beratern, siehe Autobahn). Der Rest: tragisches Scheitern, Neuaufbau und Herbstmärchen-Legende vom November 1989.

Willkommen in der Postdemokratie. Wolf Biermann als Mann des Volkes. Der sagt, was des Volkes Meinung ist. Nicht wirklich. Aber was zählt schon die Wirklichkeit in den neuen großen Zeiten? Die neue Massenmeinung – sie artikuliert sich nicht. Sondern wird – für den passenden Zweck – zugerichtet, in Szene gesetzt, propagiert. Notfalls auch mit einem abgehalfterten, ex-linken und nach Bedeutung strebendem Liedermacher. Ansonsten: Nicht alles an der Postdemokratie ist schlecht. Neben mißglückten Nazivergleichen offeriert sie auch den ein oder anderen sachverständig vorgetragenen Dissens. Siehe Jauch, oder Plasberg, Will, Spiegel und BILD. Und, nicht zu vergessen: unvergleichlich effektive Autobahnen.

temporärer Link zum Video mit dem Jauch-Talk in der ARD-Mediathek

»Geht immer, geht gar nicht«: Artikel in der Huffington Post zur Genese der Nazi-Vergleiche

11:09 24.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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