Das Hotel und der Bürgerkrieg

Madrid Das "Hotel Florida" war im Spanischen Bürgerkrieg eine Drehscheibe für prominente Republikunterstützer. Amanda Vaill hat die Fäden in einem Buch zusammengeführt
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Das Hotel und der Bürgerkrieg
Republikanische Frauen während einer Militärübung in den späten 30er Jahren
Foto: STF/AFP/Getty Images

Es gibt Themen, bei denen man meint, zu ihnen sei alles gesagt. Der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 zählt mit Sicherheit dazu. Jeder Aspekt, jede Wendung, jedes Motiv, jeder Verrat und jedes nicht gehaltene Versprechen erscheinen erforscht, jeder Quadratmeter spanischer Erde nach Zeugnissen umgedreht, jeder Zeitzeuge abgefragt. Zwar setzt die Erinnerungskultur bis heute unterschiedliche Akzente. Während für das postkommunistische Lager etwa der heroische Kampf der Internationalen Brigaden stark im Mittelpunkt steht sowie der demokratische Abwehrkampf gegen Faschismus und Weltkriegsgefahr, gilt für die libertär-syndikalistische Geschichtsschreibung Spanien als das große Beispiel für in die Praxis umgesetzten Selbstverwaltungskommunismus.

Die Sympathien sind allerdings auch abseits linker Selbstvergewisserungen klar verteilt. Mainstream-Historiker – wie beispielsweise der Brite Antony Beevor in seinem Standardwerk zum Thema – konstatieren der spanischen Republik ebenfalls, die bessere Sache repräsentiert zu haben. Bücher, die explizit den Bogen zur Jetztzeit spannen, sind ebenfalls längst nicht mehr Mangelware. Beispiel: Kampf der Erinnerungen, ein Titel aus einem libertären Verlag, welcher die Auseinandersetzung um die Deutung der Ereignisse im franquistischen und postfranquistischen Spanien unter die Lupe nimmt.

Im Unterschied zu den beiden aufgeführten Titel könnte man Amanda Vaills kürzlich erschienenen Titel Hotel Florida unter das Etikett Vintage-Historie subsummieren. Im Mittelpunkt stehen weniger die großen Ereignisse als solche. Dreh- und Angelpunkt von Hotel Florida sind die Geschicke von sechs (mehr oder weniger) prominenten Unterstützer(inne)n der Republik: dem Beamten, Nachrichtenzensor und Schriftsteller Arturo Barea, der österreichischen Aktivistin Ilse Kulcsar, dem Kriegsfotografengespann Robert Capa und Gerda Taro, der US-amerikanischen Kriegsreporterin und späteren Hemingway-Gattin Martha Gellhorn sowie schließlich – Ernest Hemingway, Schriftsteller und Ikone seiner selbst.

Verknüpfte Geschichte(n)

Vaill kapriziert sich in ihrem Buch zwar voll auf den beschreibenden (beziehungsweise, besser: erzählenden) Part. Seite um Seite jedoch verdichten sich die ineinander verwobenen Spanienerlebnisse der sechs Protagonisten zu einem Kaleidoskop, zu einem Breitbandpanorama des liberal-fortschrittlichen Intellektuellenmilieus, dass sich für die Sache der spanischen Volksfront engagierte. Unausgesprochener Mittelpunkt und Sympathieträger ist das Paar Capa-Taro. Sowohl die aus kleinbürgerlich-bescheidenen Verhältnissen stammende Jüdin aus Stuttgart als auch der in Budapest geborene und derzeit noch angehende Kreativberufler Capa sind politisch links orientiert, mußten vor den Nazis fliehen und sehen – wie viele, deren Biografien ähnlich verlaufen sind – nunmehr im spanischen Krieg eine Möglichkeit, ihre Fähigkeiten in den Dienst der antifaschistischen Sache zu stellen.

Capa und Taro fotografieren. An unterschiedlichen Schauplätzen und für unterschiedliche Auftraggeber. Es entstehen Bilder, die den Krieg in 3D zeigen. Bilder von Ausgebombten, Toten und Verletzten, die – äußerlich wie innerlich – für ihr Leben gezeichnet sind. Dazwischen Propagandabilder: Rekrutinnen antifaschistischer Frauenmilizen, Gruppenbilder von den Frontstellungen der Internationalen Brigaden, Gefechtsbilder und – immer wieder dazwischen – Bilder, die von brüchiger Intimität zeugen, von Draufgängertum ebenso wie Leichtherzigkeit. Taro fotografiert Capa. Capa fotografiert Taro.

Im Zug der Kämpfe um die Hauptstadt, die im Herbst 1936 beginnen, entsteht Capas mit berühmtestes Bild – das des fallenden republikanischen Soldaten, der, während die Kamera klickt, von einer Kugel tödlich getroffen wird. Was echt war und was gestellt an der umstrittenen Aufnahme, kann zwar auch Vaills Sachbuchroman nicht letztendlich aufklären. Allerdings erhellt er die Wahrheit (so weit das möglich ist) über den Kontext, für den die berühmte Bildsequenz bestimmt war: Zeugnis ablegen über den Widerstandswillen der republikanischen Seite.

Propagandistisch in Spanien unterwegs ist auch Hemingway – im Schlepptau nicht nur eine neue Begleiterin, die angehende Kriegsberichterstatterin Martha Gellhorn. Mit Hemingway angekommen – und im Hotel Florida zeitweilig einquartiert – ist ein ganzer Tross. Auch die US-amerikanische Intelligenz ist durch die Ereignisse in Spanien alarmiert. Ein Dokumentarfilm – Arbeitstitel: The Spanish Earth – soll dem amerikanischen Publikum das Geschehen näherbringen, die Reklametrommel rühren für die spanische Sache. Mit ins Produktionsteam eingebunden: John Dos Passos, einer der Pioniere der sozialrealistischen US-Belletristik.

Die Dreharbeiten vor Ort werden nicht nur durch das schwelende Konkurrenzverhältnis zwischen Hemingway und Dos Passos immer wieder belastet. Final eskaliert der Konflikt zwischen den beiden aufgrund eines persönlichen Anliegens. Dos Passos möchte von den spanischen Behörden Klarheit über den Verbleib eines Freundes. Den jedoch hat der stalinistische Geheimdienst, welcher in Spanien zunehmend mehr Einfluss hat, zwischenzeitlich erschossen – möglicherweise im Zug der Maßnahmen bei der Ausschaltung der linkskommunistischen POUM. Genaueres weiß man nicht. Und will man im Grunde auch nicht wissen.

Tragik und Mimikry, dicht beieinander: Involviert in das salamischeibchenweise Verabreichen der Wahrheit gegenüber Dos Passos ist auch der spanische Privatintellektuelle und Patente-Abwickler Arturo Barea. Barea ist, wenn man so will, einer der stillen Helden der Revolution. Unmittelbar nach dem Putsch entschließt er sich, die Sache der Republik mit seinen guten Sprachkenntnissen zu unterstützen – als Nachrichtenzensor für die internationalen Journalisten, die in Madrid über den Krieg berichten. Die Hauptfrage, auf die Barea nicht vorbereitet ist und auf die er praktische Antworten finden muß: Wie viel Wahrheit kann der Krieg vertragen? Muß der guten Sache nicht eigentlich daran gelegen sein, so viel Wahrheit wie möglich zuzulassen? Barea ist dieser Meinung, macht sich dafür stark, dass unrealistische Propagandavorgaben nicht zu stark die Pressepolitik der republikanischen Seite bestimmen.

Auch persönlich geht es – das bleibt nicht aus – drunter und drüber. Während Hemingway als Star-Autor auch seine Spanien-Abstecher letztlich als Ausdruck des Hemingway’schen Lifestyles in Szene setzt und seinen Aufenthalt im Land zielgerichtet nutzt, um mit der jungen Kriegsreporterin Gellhorn anzubändeln, schlägt sich Barea auch privat mit Skrupeln. Soll er sich scheiden lassen? Das Arbeitsverhältnis mit der österreichischen Aktivistin Ilse Kulcsar ist zwischenzeitlich zum Liebesverhältnis gediehen. Was soll werden? Auch politisch werden die Dinge von Monat zu Monat komplizierter, die Lage der Republik prekärer. Gegen Ende der Ereignisse, die Amanda Vaills Tatsachenreportage beschreibt, steht für mehrere der Protagonisten die obligatorische Etappe jener Zeit an: das Exil.

Das Gestern als Larve des Heute

Wenn man zynisch ist, könnte man die Lehre ziehen: Kreativ gesehen hat der Spanische Bürgerkrieg viel positive Anstösse bewirkt. Hemingway lief nach seinem Spanien-Intermezzo zu neuer Hochform auf. Spanien lieferte letztlich die Motivation, das Skript zu To Have And Have Not fertigzustellen (die Verfilmung erfolgte 1940 mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall). Die fiktiv-dramatische Umsetzung Wem die Stunde schlägt (verfilmt mit Gary Cooper sowie der jungen – in Vaills Sittenbild ebenfalls kurz auftauchenden – Schauspielerin Ingrid Bergman) wurde Hemingways größter Romanerfolg. Capa blieb der Kriegsberichterstattung treu, lieferte erste (technisch leider ziemlich mißlungene) Bilder der Invasion am D-Day und gründete nach dem Krieg die weltbekannte Fotoagentur Magnum. Gellhorn profilierte sich als Journalistin von internationalem Rang und berichtete bis ins hohe Alter über zahlreiche Konfliktherde – die McCarthy-Hexenjagd in den USA, den Eichmann-Prozess in Jerusalem, den Tod Francos und den Bürgerkrieg in El Salvador. Barea legte im britischen Exil Zeugnis ab und schrieb – möglichst objektive, nah an der Wahrheit angesiedelte – Kurzgeschichten und Romane über das Spanien der Bürgerkriegszeit. Lediglich Ilsa Kulcsar arbeitete im Exil unspektakulär als Übersetzerin und kehrte nach dem Tod von Barea nach Österreich zurück.

Nicht alle von Vaills Protagonisten haben die Bürgerkriegsjahre physisch unversehrt überstanden. Gerda Taro erlitt im Juli 1937 einen tödlichen Unfall an der Front von Brunete. Im Verlauf der Flucht vor einem Luftangriff der deutschen Legion Condor war sie vom Trittbrett eines Lastwagens abgeglitten und wurde von einem republikanischen Panzer überrollt. Taros Begräbnis auf dem Pariser Kommunardenfriedhof Père Lachaise – Teilnehmer waren unter anderen Louis Aragon und Pablo Neruda – wurde zu einer der letzten großen Vorkriegsmanifestationen gegen Krieg und Faschismus. Ihren Gefährten Robert Capa schließlich hat der Krieg ebenfalls auf lange Sicht eingeholt. Als Kriegsberichterstatter für das Live-Magazin im Indochina-Krieg trat er 1954 auf eine Landmine. Seine letzten Bilder: Aufnahmen des Minensuchtrupps, mit dem er unterwegs war. Letzte Worte, fünf Minuten vor seinem Tod: »Ich gehe ein Stück. Sagt mir, wenn es weitergeht.«

Die »Geschichte nach der Geschichte« ist in Vaills Buch in einem kurzen Epilog-Kapitel zusammengefasst. Man könnte sagen: So wie ihre Spanien-Tatsachenerzählung sich ver-dichtet, so ent-dichtet sie sich auch wieder. Grundsätzlich stellt sich für die Leser natürlich die Frage, ob eine Nebeneinanderstellung nur teilweise miteinander verknüpfter Biografiefragmente einen tieferen Erkenntnissinn ergibt. Man könnte entgegnen: Auch wenn dies nicht der Fall wäre, wäre die Geschichte der prominenten Bürgerkriegstouristen im Hotel Florida spannend zu lesen. Das Buch ist jedoch mehr: Autorin Amanda Vaill entgeht in ihrem Tatsachenbuch souverän beiden Fallen des Genres: den Bürgerkrieg erklären oder mit Sinn anreichern zu wollen und dem anderen Extrem, der unverbindlichen Schlüsselloch-Kolportage.

Herausgekommen ist: eine Geschichte über die Wahrheit. Respektive den Umgang mit ihr, und das Handeln unvollkommener Menschen in einer auf den Kopf gestellten Zeit. Die Schauplätze wechseln narrativ – nicht nur innerhalb der einzelnen, nach Monat und Ort aufgegliederten Kapitel, sondern, manchmal, sogar absatzweise. Die schnelle Schnitttechnik ergibt allerdings von den ersten Seiten an Sinn. Sich im Groben um den Spanish-Earth-Produktionskomplex hangelnd (in den auch Capa und Taro zeitweilig eingebunden waren), breitet Hotel Florida von Kapitel zu Kapitel mehr ein Sittenpanorama einer (vergleichsweise privilegierten) Intelligenz aus, die in das politische Ringen ihrer Zeit hineingerissen wird und dort ihre Position sucht. Historischen Erkenntnisgewinn verschafft diese Abhandlung auch deswegen, weil sich die Biografien der beschriebenen Protagonisten natürlich kreuzen mit denen anderer, bekannter Spanienkrieg-Protagonisten – etwa den Interbrigadisten Gustav Regler und Michail Kolzov, dem POUM-Milizangehörigen George Orwell oder einem jungen SAP-Aktivisten mit dem Tarnnamen Herbert Frahm.

Fazit

Was nehmen die Leser mit? Zunächst einmal sicherlich den ein oder anderen Erkenntnisgewinn – über Aspekte und Ereignisse des Spanischen Bürgerkriegs, die in der »großen« Historie eher als nachrangig abgehandelt werden. Der unmittelbare, »moderne« Beschreibungsstil verweist jedoch unübersehbar in unsere heutige Zeit – auch wenn die Probleme des aktuellen Spanien explizit nicht Thema sind. Zumindest den historienbewanderten Lesern und Leserinnen werden sich die Bezüge allerdings von selbst erschließen. Nicht nur im Großen – wenn man Parallelen zieht zwischen der bedrängten Lage der spanischen Volksfront-Republik und etwa derjenigen, welcher etwa die griechische Syriza-Regierung oder auch die heutige spanische Bevölkerung aktuell ausgesetzt sind. Und letztere beispielsweise kontrastiert mit der Aufbruchsstimmung, die in Spanien beispielsweise noch in den Neunziger Jahren zu beobachten war.

Last but not least: Unfreiwillig-aufschlussreiche Pointen aus der »Lügenpresse«-Schublade hat dieser historische Titel ebenfalls in petto. Anders als die liberalen Kulturschaffenden, die im Mittelpunkt von Vaills Abhandlung stehen, verfolgten die Regierungen in Großbritannien und den USA eine Politik, die man durchaus als »verdeckt putschistenfreundlich« bezeichnen kann (die britischen Konservativen stärker und eindeutiger, die USA unter Roosevelt zwiespältiger und unentschlossener). Als sich die Schlacht um Madrid durch das Eintreffen der Internationalen Brigaden zu wenden beginnt, erlebt ein britischer Korrespondent eine unangenehme Überraschung. Als er die – realistische – Meldung durchgibt, dass sich die Kämpfe gerade wenden und Madrid keinesfalls erobert ist, insistiert sein Telefon-Gegenüber auf der in London gehandelten Falschmeldung: »Nein. Sie (die Putschisten) STEHEN IM ZENTRUM!« Und legt anschließend auf.

Sicher – man muß die Analogien nicht unbedingt bis zur heutigen Griechenland- oder Ukraine-Krise ziehen. Fall überhaupt: Der Leser und die Leserin werden sie sowieso selbst tätigen müssen. In einem jedenfalls kontrastiert Hotel Florida unwiderlegbar heutige Print-Gepflogenheiten: Nicht nur der Inhalt – auch Typografie und Buchdurchgestaltung allgemein sind mit Liebe und Sorgfalt ungesetzt. Repräsentativ ausgewählt – und nicht zu dominant – ist auch der Bildteil in der Mitte; inhaltlich ist der Haupttext mit einem personae dramatis flankiert sowie einem gut aufbereiteten Quellenteil. Das Papier dieses Hardcover-Historientitels schließlich ist wertig-solide und unterstützt unaufdringlich den wichtigsten Inhalt: den Text.

Wenn man so will: Vintage im besten Sinn, äußerlich wie vom Inhalt her. Ein Buch, dass an eine Zeit anknüpft, in der Bücher noch was galten.

Amanda Vaill: Hotel Florida. Wahrheit, Liebe und Verrat im Spanischen Bürgerkrieg. Clett-Kotta, Stuttgart, Mai 2015, 512 Seiten, € 24,95. ISBN 978-3608949155.

Rezension im Tagesspiegel

Rezension bei Deutschlandradio Kultur

18:01 12.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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