Der neue Consumer-Freitag

Online-Freitag Seit Sonntag wartet der Online-Freitag mit einer neuen Optik auf. Gefällige Consumer-Elemente statt Online-Autor(inn)en? Ein vorläufiges Fazit.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der On-Freitag wurde am gestrigen Sonntag totalumgekrempelt. Ob Optik, Funktionen oder Struktur – kein Stein blieb auf dem anderen. Um dem neuen Konzept gerecht zu werden, hier im Blitzdurchlauf das Wesentliche:

Optik: ★★★★ (vier von fünf Sternen)

Funktionalität: ★★ (zwei von fünf Sternen)

Struktur: ★★ (zwei von fünf Sternen)

Mit heißer Nadel gestrickt

Die wichtigsten News zuerst: Die vor Monaten angekündigte und nunmehr Online gestellte Beta wartet mit zahlreichen Funktionsfehlern auf. Am gründlichsten verändert ist die Optik. Sie richtet sich ersichtlich an ein jüngeres, Social Media-erfahrenes Publikum. Das Design ist chick; die gerundeten Formen entsprechen dem konfliktharmonisierenden Stil von Apple & Co. Man merkt: Nicht mehr die kritische Leserin ist angesprochen, sondern vielmehr der Consumer, dessen Ansprüche an Klick-Zeitvertreib man unbedingt gerecht werden möchte.

Über die Notwendigkeit eines neuen Layouts kann man streiten. Sicher – die größzügigere Anordnung und auch die »magazinhaftere« Präsentation der Beiträge kommen optisch besser rüber. Auffällig aber ist, dass das vorgeblich Leichte mit einer erheblich erschwerten »Usuability« einhergeht. Die Kritikpunkte im Detail:

Die Ansteuerung der einzelnen Beiträge ist nicht einfacher, sondern schwerer. Die interaktiv aufklappenden Popups für die einzelnen Unterrubriken irritieren. Irgendwie hat man den Eindruck, stets zum nächsten gedrängt zu werden – und nur ja nicht da zu verweilen, wo man gerade ist.

Bei den Rubriken angelangt, erwartet einen erst einmal ein unübersichtlicher Salat. Ein Hauptthema (anstatt vorher drei); hinzu kommt eine für den Leser undurchschaubare Staffelung mit unterschiedlichen Wertigkeiten. Statt vieler Themen und einem Überblick bieten Homepage und Rubriken-Page eine nach __welchen ??__ Kriterien vorzusammengestellte Auswahl. Will man mehr, heißt es erst einmal: weiterklicken. Nur wo? Egal – »Hauptsache, es wird geklickt« scheint das Motto dieses Relaunchs gewesen zu sein. Überblick jedenfalls sieht anders aus.

Bei den Beiträgen selbst wird es leider nicht besser. Beispiel: »Faust mit leeren Händen«. Der Beitrag unter dem Aufmacher-Bild kommt noch halbwegs kompakt. Unter dem Beitrag erscheinen erst mal zwei Blöcke beitragsfremder Elemente: einmal Werbung und einmal »Das könnte Sie auch interessieren«.

Auf Kommentare scheint kein gesteigerter Wert mehr gelegt zu werden. a) werden alle Längen oberhalb der Twitter-Zeichengrenze eingeklappt; will man sie ganz lesen, ist wieder Klicken fällig. Zusätzlich sind nur die ersten vier Kommentare sichtbar. Möchte man Diskussionsverläufe im Überblick, ist weiterer Aufwand vonnöten. Kommentiert man, klappt der mühsam aufgeklappte Salat wieder ein und der Klick-Spaß geht wieder von vorne los.

Kein User unter dieser Nummer. Verschütt’ gegangen sind auch die bislang bekannten User-Funktionen. Anmelden darf / kann / sollte man sich zwar. Beim Login ruckelt’s allerdings noch. Die Überraschung kommt allerdings erst danach. Eine Userleiste am rechten Rand ist zwar vorhanden. Will man allerdings gezielt seine bisherigen Artikel oder Kommentare ansteuern, wird’s schwierig. Hier, dritter Kommentar von oben, ein Behelfs-Tipp.

Zu den abhanden gekommenen Dimensionen Zeit und Raum passen auch die nicht vorhandenen, versteckt platzierten oder lediglich in relativer Form angegebenen Zeitangaben. Man könnte weiter in die Technik-Details gehen. Aufschlussreicher ist aber der Vergleich mit anderen. ObSPON, Süddeutsche, ZEITodertaz: Kein anderes großes Medienportal hat das inhaltliche Gerüst derart weitgehend zugunsten von Social Media-Spielzeug aufgegeben. Alle offerieren Hauptspalten mit Maximalbreiten, flankiert mit gut erreichbaren Überblick-Elementen. Die Kommentarbereiche – da, wo es sie (noch) gibt – sind meist zwar ähnlich zerschossen sowie abgesondert vom bezuggebenden Artikel. Nur ist es beim Online-Freitag so, dass dies bis vor wenigen Tagen noch anders – nämlich besser – war.

Das große »Warum?«

Last but not least: Eine Dokumentation, welche über die vorgenommenen Veränderungen informiert (etwa in Form eines aktuellen FAQs), sucht man ebenfalls vergebens. Kommt vielleicht noch. Anstelle den Relaunch erst zu beenden und dann damit »On« zu gehen, wurde mit heißer Nadel gestrickt. Die zahlreichen Bugs dabei sind offensichtlich fahrlässig in Kauf genommen. Interessantere Frage in meinen Augen allerdings ist, wohin das Schiff On-Freitag aktuell fährt.

Dass es zwischen Freitag-Blogger(inne)n und Freitag-Redaktion die letzten Jahre nicht gerade rund lief, ist eine Binse. Ich neige eigentlich selten dazu, intelligenten Menschen ihre Intelligenz in Abrede zu stellen. Aus diesem Grund komme ich zu dem Schluß, dass die erschwerte Usuabilität im Bereich Userkonto-Überblick und Kommentare lesen/verfassen kein »Bug« ist sondern vielmehr Teil des Konzepts. Mit einem klar erkennbaren Zwischenergebnis: Offensichtlich will man keine kritischen Leser(innen) mehr und schon gar keine der Redaktionskontrolle entglittene Debatten. Dekoration anstatt Diskussion; anstatt Stellung beziehender Kommentare Ornamentalik, welche Meinung lediglich noch suggeriert, als optischen Gimmick zusatzliefert.

Aktueller Zwischenstand: Userbeiträge und Debatten werden von der neuen Auftrittgestaltung zwar nicht vollends verunmöglicht – aber doch erheblich erschwert. Im Kommentarbereich sogar auf eine Weise, die den Begriff »Debatte« ad absurdum führt. Präferiert (beziehungsweise als neue Zielgruppe angesteuert) ist offensichtlich der Twitter-affine Social Media-Consumer, abgesehen hat man es, wie es scheint, auf das – maximal 148 Zeichen lange – »Uuuuuuiiiii«- und »YIIIIEEEEEPPPIIEEEE !!«-Gezwitschere sprachentwöhnter Internet-Autist*nnen. – Echt »cool«.

Zweiter substanzieller Kritikpunkt ist die (weitgehende) Zerbröselung des inhaltlichen Bereichs zugunsten einer leicht konsumablen Oberfläche. Wie oben bereits aufgeführt: Nie soll man dort verweilen, wo man gerade ist. Anstelle einen Beitrag zu lesen soll man möglichst subito weiterklicken. Das Informationsbedürfnis des Lesers wird durch die Kurzweil des Consumers ersetzt. Wie in einem Großkaufhaus oder Einkaufszentrum, wo die Architektur ebenfalls das Orientierungsvermögen ausknockt. Um die Ecke wartet ja noch … wartet noch … wartet noch ….

Die Umorientierung von Meinung & Information auf Konsum ist jedoch ein inhaltlicher Punkt. Sicher tut ein Medium gut daran, sich um Zielgruppen Gedanken zu machen. Medienaffine, gut ausgebildete junge Leute sind für den Freitag sicher ein attraktives Zielpublikum. Das mag man kritisch sehen oder auch weniger kritisch. Allerdings: Die neue Konsum-Struktur weitet die neoliberale Gehirnwäsche mit ihrer Bildungsfeindlichkeit und ihrer Auflösung von Sozialzusammenhängen nunmehr auf ein Medium aus, dass diesen Entwicklungen – vorgeblich – kritisch gegenübersteht.

Die Verdummung bekämpfen, indem man selbst aktiv im Verdummungsspiel mitmischt? Den Neoliberalismus bekämpfen, indem man sich selbst an die Spitze des neoliberalen Zeitgeistes setzt? Meines Erachtens kann daraus nichts Gutes entstehen. Sicher war ein Optik-Relauch fällig. Dass eine »Vertwitterisierung des Freitag« dabei rumkommt, war allerdings nicht zu erwarten.

Mal sehen, wie lange ich das noch mitmache. In Technik-Sachen kann ich mich zwar gemeinhin recht passabel reinfuchsen. Ebenso wahr ist allerdings, dass ich als Unterhaltungs-Nanni im Social Media-Park der Freitag keine so gute Figur mache.

12:10 24.07.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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