Der Patron von der Saar

NS-Verbrechen Völklingen ist heute ein Synonym für vergangene Industriekultur. Wie eng die hiesige Hüttenunternehmer-Familie mit den Nazis zusammenarbeitete, beleuchtet ein neues Buch
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In Völklingen ticken die Uhren anders. Einst war die Stadt Paradestück des industriell geprägten Saar-Reviers. Am Rand des Grubengürtels, der sich in west-östlicher Richtung quer durch das Saarland zieht, ragten – direkt an der Saar – die Schlote der Hermann-Röchling-Hütte gen Himmel. In den Siebziger Jahren schlug die Stahlkrise zu. Mit der Stahlkrise kam die Stadtkrise. Die Hütte wurde zunächst an einen Luxemburger Konzern verkauft, in den Achzigern und Neunzigern Zug um Zug heruntergefahren und schließlich gänzlich geschlossen.

Die Stadt und ihr Patron

Dreckig, unbehauen war Völklingen immer. Zugegeben: Das neue Völklingen ist weniger dreckig. Dafür auch weniger geschäftig. Der Einwohnerrückgang ist exorbitant; Wegziehen für die noch Dagebliebenen eine reelle Option. Anstelle der Hütte und der Jobs, die nie mehr wiederkommen, haben die Völklinger und Völklingerinnen nunmehr ein Weltkulturerbe. Und: jede Menge Nazis. Schon in den Neunzigern feierte die NPD hier überdurchschnittliche Wahlerfolge; 2004 fuhren die Rechtsextremen mit knapp zehn Prozent ihr bestes Ergebnis ein. Die Vernetzung der Rechten in der Region ist – wie die Webseite der Antifa Saar bereits 2009 konstatierte – beachtlich. Ein Problem, dass mit dem Aufstieg der AfD nicht besser geworden ist, sondern vielmehr zu einer besonderen Art »Völklinger Verhältnisse« geführt hat – auch wenn informelle Sondierungsgespräche zwischen Rechtsextremen und Rechtspopulisten letztlich nie bewiesen werden konnten.

Weniger bekannt: Wenn Rechte in der Stadt spektakuläre Wahlerfolge einheimsen und Bürger(innen) eines Stadtteils gegen dessen Umbenennung auf die Barrikaden gehen, hat das eine Kontinuität, die zurückgeht bis ins vorletzte Jahrhundert. Die Röchlings, welche die Geschicke Völklingens bis zum Ende des 20. Jahrhunderts bestimmten, waren keine »normale« Großindustriellenfamilie. Waffen (Spezialität: Stahlhelme für das deutsche Heer), Expansion und – bei sich bietender Gelegenheit – Sklavenarbeit avancierten schon früh zu wesentlichen Bestandteilen des Röchling’schen Geschäftsmodells. Hermann Röchling, Sohn des Hüttenbegründers Carl Röchling, wurde bereits nach dem Ersten Weltkrieg wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Abgesessen hat Röchling seine Strafe nie – ebenso wie die nach 1945: infolge der unternehmerischen Aktivitäten während des zweiten deutschen Anlaufs zur Weltherrschaft.

Über die Saar-Region hinaus bekannt – oder, je nach Sichtweise: berüchtigt – wurde der Hermann Röchling aufgrund seiner selbst für einen Stahlunternehmer überdurchschnittlichen Liaison mit dem NS-Regime. Wobei sich der Stahlmagnat auch die antisemitische Agenda des Regimes explizit mit zu eigen machte. Als maßgeblicher Strippenzieher beteiligte sich Hermann Röchling nicht nur aktiv an der Eingliederung des Saargebiets ins Deutsche Reich. Auch im Zweiten Weltkrieg machte das Unternehmen seinem schlechten Ruf alle Ehre. Anklagepunkte vor dem internationalen Militärgerichtshof in Rastatt 1946: Verschleppung von Personen zur Zwangsarbeit, industrielle Ausbeutung der besetzten Gebiete in Frankreich sowie die Erhöhung des deutschen Kriegspotenzials.

100 Jahre Röchling

Dass Röchling – ebenso wie 1919 – mit einem blauen Auge davonkam und »seine« Hütte auch in der Nachkriegszeit in bekannter Tradition weiterführen konnte, ist mehr oder weniger bekannt. Dass das Patronagesystem des Völklinger Stahlmagnaten allumfassend war und paternalistische Brosamen für seine »Schutzbefohlenen« ebenso umfasste wie einen strammen Kurs gegen Gewerkschaften sowie die politische Linke im weitesten Sinn, arbeitet ein neues Buch heraus, welches sich dem nunmehr hundertjährigen Hüttenjubiläum widmet. Bernd Rausch, Autor, Künstler und Mitbetreiber mehrerer Stadtmagazine, fokussiert in 100 Jahre Röchling. Ausbeutung, Raub, Kriegsverbrechen ganz auf die Aktivitäten der Röchling-Familie – speziell die des nationalsozialistischen Vorzeigeunternehmers Hermann Röchling.

Rauschs Schilderung der Firmenaktivitäten ist in einen Text- und einen Bildteil untergliedert. Die ersten vier Kapitel beleuchten Vergangenheit und Gegenwart des Röchling-Unternehmens. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Zeit bis 1945. Im Zeitraffer – doch dort, wo es nötig ist, durchaus ins Detail gehend – schildert es die Aktivitäten der Röchlings für Kaiser, Vaterland und schließlich ihren Führer. Dass zweite Kapitel richtet den Blick auf die Situation der Röchling’schen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs und den Rastatter Prozess. Kapitel drei wirft Spots auf das Patronage-System, welches die Röchlings für ihre Arbeiterschaft etablierten. Dass die Geschichte nicht vergeht, zeigt die Anschlussgeschichte, die Bernd Rausch in Kapitel vier darlegt: der Versuch des Whitewashings, der Inszenierung einer bruchlosen, von der unschönen Flecken weitgehend bereinigten Vergangenheit im Rahmen des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Im Mittelpunkt dieses Kapitels: Meinhard Maria Grewenig, Kunsthistoriker, Generaldirektor und Geschäftsführer der Weltkulturerbe-Einrichtung.

Die Auseinandersetzung – speziell mit den von Grewenig auf den Weg gebrachten Jubiläumsevents – vertiefen die Diskrepanz zwischen der auf schön getrimmten Gegenwart und der blutigen Vergangenheit. Zu einer alternativen Ausstellung – Titel: Menschheitsverbrechen – kann man sich im Buch zumindest einen Überblick verschaffen. Als Künstler setzt sich Bernd Rausch ebenfalls mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen auseinander. Die Webseite zur Ausstellung bietet zusätzliche Infos. Das Buch enthält als Einstieg in die Thematik ein Vorwort des Sozialwissenschaftlers Josef Reindl sowie Auszüge aus einem Offenen Brief, den unter anderem Oskar Lafontaine mit auf den Weg brachte und der darauf dringt, den nach Hermann Röchling benannten Völklinger Stadtteil endlich umzubenennen.

Fazit

Womit wir in den Tageskämpfen wieder angelangt wären: dem rechten und rechtspopulistischen Furor, der in Völklingen offenbar tiefer grundiert ist als anderswo, der Stadtgeschichte im Schatten eines Industriepatrons, der rückhaltloser als das Gros seiner Klassegenossen mit dem Nationalsozialismus sympathisierte, dem Stadtteil Röchling-Höhe und einem Industriepark, der auf postindustriell machen will und die Vergangenheit dabei ausblendet. Themen, die in Bernd Rauschs Buch oft nur angerissen werden. Für all diejenigen, die auf der Spur der Geschichte der Täter sind, liefert 100 Jahre Röchling einen informativen, teils spannenden und mit viel Details aufwartenden Mix aus Info und Kunst.

Nachspann: Der Handgranaten schleudernde Soldat als Alegorie der Treue (hier: Foto bei Wikimedia Commons) ziert als Röchlingsche Stiftung die Völklinger Versöhnungskirche bis zum heutigen Tag. Ein Bild, dass im Buch mit enthalten ist und die Geschichte, die nie vergeht, gut auf den Punkt bringt.

Bernd Rausch: 100 Jahre Röchling. Ausbeutung, Raub, Kriegsverbrechen. Saarbrücken, Januar 2017. 102 Seiten, 9,90 €. ISBN 978-3-00-053761-5.

Webseite zum Buch: hier.

13:05 06.02.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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